Klassik und Macht:Was der Konzertsaal-Streit über München verrät

Lesezeit: 6 min

Baustelle am Herkulessaal in der Münchner Residenz, 2014

Eine Baustelle? Auch. Und Musiker des BR-Symphonieorchesters im Herkulessaal vor einer Probe.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kunstbeflissene Zahnärzte, progressive Nachtklub-Besitzer: Die Debatte über die neue Philharmonie findet einfach kein Ende.

Analyse von Christian Krügel

Es ist an der Zeit, in der erneut aufkommenden Münchner Konzertsaal-Debatte an Annette von Soettingen und Dr. Edgar Schönferber zu erinnern. Mit diesen Figuren aus seiner TV-Serie "Monaco Franze" hat Regisseur Helmut Dietl selig dem Münchner Kulturbürger ein Denkmal geschaffen. Sie ist die wohlhabende Erbin, für die wahre Kunst und klassische Musik zum gesellschaftlichen Dasein gehören, er der blasierte Bildungsbürger, der Kultur in Geldscheinen, Einfluss und Status misst.

Dietl schuf diese Charaktere Anfang der Achtziger, aber ihr Einfluss auf einen Teil der Kulturszene dieser Stadt ist bis heute zu spüren: Man ist verwöhnt und anspruchsvoll, es geht um das Beste, um Weltklasse, häufig wird Neues gefordert, selten wird es gewagt. Und sehr oft verbergen sich hinter den wahren Werten der Kunst die persönlichen Interessen an Immobilien, Geld und Macht.

Start-ups, Striplokale, Künstler: Konservativen Kulturbürgern ist das Werksviertel ein Gräuel

Das muss man wissen, möchte man den irrwitzigen, aber sehr münchnerischen Streit um ein Konzerthaus verstehen, in dem das Beste und das Schlechteste vorkommen, was die Stadt zu bieten hat: echte Enthusiasten, aber auch dubiose Investoren, mächtige Anwälte, ambitionierte Architekten, kunstbeflissene Zahnärzte, konservativer Geldadel und progressive Nachtclub-Besitzer. Keine Staatsregierung könnte es dieser Mischung recht machen, nicht mal mit einem Geschenk, wie es das Kabinett Seehofer nun plant: Das von den Münchnern geliebte BR-Symphonieorchester soll endlich ein eigenes Konzerthaus bekommen, nach 15 Jahren frucht- und freudloser Debatte.

Doch statt Jubel über das Präsent flammt neuer Streit auf, heftiger denn je: Von blanker Sabotage ist die Rede, von Manipulation und Korruption, dubiose neue Expertisen und unvollständige alte tauchen auf. Selbst CSU-Abgeordneten debattieren stundenlang.

Seine Ursache hat der Streit zum einen darin, dass die neue Philharmonie nicht dort gebaut werden soll, wo sie die Annette von Soettingens und Edgar Schönferbers am liebsten hätten, in Münchens Altstadt neben Nationaltheater und Residenz. Alle diskutierten Grundstücke in historischer Umgebung schieden mit den Jahren aus, zuletzt der Finanzgarten an der Residenz wegen eines Straßentunnels unter und ein paar Bäumen in der Grünfläche. Für ihren Schutz wollten Naturschützer vor Gericht ziehen und bis zum Ende kämpfen. Ein klares Ausschlusskriterium.

Zudem musste sich Seehofers Kabinett ausgerechnet zwischen zwei Standorten entscheiden, hinter denen jeweils Privatleute mit millionenschweren Investments stehen. Es geht, erstens, um die riesige Paketposthalle in Neuhausen, und, zweitens, um das Werksviertel, ein neues Stadtquartier am Ostbahnhof auf dem ehemaligen Pfanni-Industriegelände. Die Staatsregierung entschloss sich für Letzteres, weitgehend dem Rat der Stadtplaner von Albert Speer und Partner und der eigenen Ministerien folgend. Dort kann der Bau schneller begonnen werden, das Risiko dürfte überschaubarer sein, selbst wenn Werner Eckart, Erbe des Pfanni-Geländes, nur mit Erbbaurecht bauen lässt. Rund 30 Millionen Euro in 50 Jahren dürfte allein der Grund fürs Konzerthaus dort kosten.

Für die Paketpost errechnete das Finanzministerium bis zu 55 Millionen Euro Grunderwerb, dazu kommen bis zu 60 Millionen Euro Sanierungskosten für die denkmalgeschützte Betonspannhalle, deren Lebensdauer die Experten aber ohnehin für begrenzt halten. Oben drauf kommen an beiden Standorten die Kosten für Philharmonie nebst Kammermusiksaal, Übungsräumen und Ähnlichem. Macht wohl rund 300 Millionen Euro.

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