bedeckt München 28°

Kindertheater:Nährstoffe für die Vorstellungskraft

Theater Kunstdünger

Mit dem Körper sprechen: Theaterleiterin Christiane Ahlhelm (rechts) und Lydia Starkulla im Jubiläumsstück "Schleichweg".

(Foto: Theater Kunstdünger)

Das Theater Kunstdünger macht seit 20 Jahren so spannende wie ungewöhnliche Stücke für Kinder

Von Sabine Leucht, Valley

Wenn die Assel sich freut, jubeln ihre Füße. Sie vibrieren und wackeln; und stünde dem nicht der Bühnenboden im Weg, würden sie sicher auch klatschen. Christiane Ahlhelm spielt das asselige Wesen in "SchleichWeg", dem jüngsten Stück des Theater Kunstdünger. Es hätte im Februar zur Premiere kommen sollen und damit zur Nachfeier des zwanzigsten Geburtstags eines der aufregendsten freien Kindertheater in der Region. Stationiert ist die kleine mobile Bühne vor den Toren Münchens in Valley im Mangfalltal. Dort haben sich im Jahr 2000 einige Absolventen der Tessiner Dimitri-Schule zusammengefunden, auf der man das lernt, was Ahlhelm als Assel macht: mit dem ganzen Körper sprechen!

Ja, sagt die Theaterleiterin heute, auch Clownerie und Akrobatik hätten sie und ihre späteren Kollegen in dieser "Bewegungstheaterschule" gelernt, "die sich statt auf Tanz auf Bildertheater spezialisiert hat". Ihre ersten Stücke für Erwachsene wurden so als "neue Pantomime" gefeiert und wegen ihrer witzigen Kostüme trotz unpassender Plots auf Kindertheaterfestivals herumgereicht. Erst nach dem ersten Stück, das bewusst für junges Publikum entstand, passte alles zusammen. Die ersten zehn Jahre hat das Theater Kunstdünger ohne jede Förderung überlebt, mit Gastspielen in Bürgerhäusern, Kindergärten und Horten "am Land", in München und dem ganzen deutschsprachigen Raum sowie auf Festivals von Bulgarien bis Südkorea. Und der Dauer-Balanceakt zwischen dem freien ästhetischen Experimentieren und den Konzessionen an die Verkaufbarkeit des Produkts reichte gerade so, "um mit diesen Minigagen unseren Lebensunterhalt zusammenzustöpseln".

Seit 2016, als die Stadt München damit begann, auch freie Kinder- und Jugendtheaterproduktionen finanziell zu unterstützen, ist das Team um Ahlhelm, ihre Bühnenpartnerin Lydia Starkulla und Regisseur Michl Thorbecke Stammgast auf der Liste der Geförderten und verblüfft mit seinem staubtrockenen Humor und seinen einzigartigen Genre- und Material-Jonglagen immer wieder neu. Im Theaterhandwerksköfferchen der "Kunstdünger" stecken Slapstick und Objekttheater, Masken- und Schauspiel, ein stupendes Gefühl für Timing und für die Ansprache des jungen Publikums, aber vor allem die laut Ahlhelm "über die Jahre noch gewachsene Lust, alles, was auf der Bühne zu sehen ist, auf möglichst überraschende Weise zu benutzen". Herausgefordert wird diese Lust von den Objekten der Bühnenbildnerin Sibylle Kobus. So entspinnt sich in "Rumpelstilzchen" rund um einen Mühl-Spinnrad-Zwitter herum die verblüffendste One-Woman-Verwandlungsgala, die mit "armen" Theatermitteln zu haben ist. In "Hannah und die Bohnenranke" zaubert Ahlhelm alle Schauplätze aus Zollstöcken selbst. Und im Jubiläumsstück "SchleichWeg" treffen zwei ungleiche Geschöpfe vor einem Rollkino aufeinander, das wie alle Kunstdünger-Bühnen in den Tour-Caddy passen und von zwei Personen auf- und abgebaut, sowie bedient werden muss.

Thorbecke hat das Kunstwerk, das 50 nahtlose Meter Stoff in verschiedene Laufrichtungen bewegt, auf Kobus' Zuruf hin gebaut. Nur Segelstoff war dafür leicht genug, dessen Keder mit Eddingtinte schwarz gefärbt wurde. Auf der Probe um die coronabedingt verhinderte Premiere herum lässt es sich bereits gut über die endlos wachsenden Problem-Listen der vergangenen Wochen lachen, schließlich laufen die an Kreidezeichnungen erinnernden Landschaften nun schon sehr smooth über die Rolle, vor und hinter der Starkulla als Mädchen und Ahlhelm als Assel ihre Unterschiede und Gemeinsamkeiten erkunden. Ein Schulranzen wird für die Assel zum Kostüm, während sie Schulhefte durch einen Riesenreißwolf dreht und eine Kunstsprache nuschelt, von der Starkulla meint, dass sie oft japanisch klingt: "Aber es gibt auch die italienischen und die spanischen Tage." Wie schön, Zeuge des Moments sein zu dürfen, an dem die Tücken und Erfordernisse des Handwerks gerade noch spürbar sind - kurz bevor Können und Übung es in die federleichte Kunst verwandeln, mit der ein kleines Theater aus Valley seit zwanzig Jahren unsere Vorstellungskraft düngt.

© SZ vom 23.03.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema