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Kinderliteratur:Faszination des Bösen

Ein Wegweiser durch die neue Ausstellung der Internationalen Jugendbibliothek zu Übeltätern aus aller Welt

Von Jennifer Georgi

Spino

Der kleine stachelige Spino.

(Foto: Internationale Jugendbibliothek)

Nicht immer begegnen uns in der Märchen- und Geschichtenwelt der Kinder- und Jugendliteratur nur gute Feen, schöne Prinzessinnen und hilfsbereite Zwerge. Ganz im Gegenteil, die besten Geschichten beinhalten auch immer einen Gegenpart, der durch sein neidvolles, böswilliges oder gar grausames Verhalten die Spannung erst richtig steigen und uns vor lauter Neugier die Seiten bis zum Ende verschlingen lässt. Eben diesen teuflischen, hinterhältigen und oft durchaus gewitzten Bösewichten und Halunken bietet die neue Jahresausstellung der Jugendbibliothek "Schurken, Hexen, üble Gestalten" auf Schloss Blutenburg nun eine Bühne und lädt große und kleine Gäste dazu ein, Buch-Bösewichte aus aller Welt kennenzulernen oder wieder zu treffen.

Zu sehen gibt es da etwa eine "Schurkengalerie", in der sich die Besucher, neben einigen Klassikern unter den Bösewichten wie mit der Hexe Baba Jaga oder dem verschlagenen Rumpelstilzchen, auch mit dem einen oder anderen exotischen Halunken wie dem stacheligen Spino, anhand kleiner Rätsel vertraut machen können. Im Folgenden schon mal ein kleiner Vorgeschmack:

Schurkengalerie

Baba Jaga

Nutzt einen Mörser als Fortbewegungsmittel: die slawische Hexe Baba Jaga.

(Foto: Internationale Jugendbibliothek)

Name: Hexe Baba Jaga

Herkunft: zauberkundige slawische Märchen- und Sagengestalt

Aussehen: zum Kinn herabhängende Lippen, lange krummgewachsene Nase, dicke, schwarze Warzen auf den Wangen

Besonderheit: lebt in einer Hütte, die auf Hühnerbeinen steht und fliegt nicht wie gewöhnliche Hexen mit einem Besen, sondern in einem Mörser

Polyphem

Lebt in einer Höhle und ernährt sich von Menschenfleisch: Polyphem.

(Foto: 2011 Mangel-Wurzel / Internationale Jugendbibliothek)

Name: Polyphem

Herkunft: menschenfressender Oger in Homers griechischen Epos "Odyssee"

Aussehen: riesenhafte Gestalt, welche nur ein einziges Auge inmitten ihrer Stirn besitzt

Besonderheit: lebt in einer Höhle auf einer waldbedeckten Insel und ernährt sich gern von Menschenfleisch

Name: Fräulein Knüppelkuh

Herkunft: bösartige, gewaltbereite Direktorin einer Grundschule in Roald Dahls Buch "Matilda"

Aussehen: sehr groß und breit gebaut, war einmal Olympiateilnehmerin im Hammerwurf

Besonderheit: quält und verabscheut vor allem kluge Kinder von Herzen

Wie wird man Bösewichte los?

Doch ganz so einfach ist die Kategorisierung von Gut und Böse doch nicht immer. Der zweite Teil der Ausstellung lädt schließlich dazu ein, die internationalen Halunken noch etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Dabei begegnet man nicht nur dem gefürchteten Auge Saurons, dem Grinch oder dem, dessen Name nicht genannt werden darf, sondern auch dem großen bösen Schwein, welches es auf die Behausung der drei kleinen Wölfe abgesehen hat. Nein, hier liegt kein Tippfehler vor; die von Helen Oxenbury etwas abgewandelte Version der berühmten Erzählung ist ein gutes Beispiel dafür, dass so manch ein Bösewicht gar nicht nur böse, sondern durchaus ambivalent oder gar zum Guten zu bewegen ist. So werden Wolf und Schwein am Ende doch noch zu Freunden, wie auch die drei schrecklichen Räuber in Tomi Ungerers berühmtem Werk, sich durch die Begegnung mit dem Waisenmädchen Tiffany zu regelrechten Wohltätern mausern.

Doch da nicht jeder Unhold gewillt ist, sich seine Missetaten einzugestehen oder sein Verhalten zu ändern, liegt natürlich auch die Frage auf der Hand wie ein unbelehrbarer Bösewicht gezähmt, entlarvt, bezwungen oder vertrieben werden kann. Natürlich weiß auch hier die Ausstellung Rat und zeigt verschiedene Beispiele auf. Denn zum Glück hat auch die fieseste Hexe, der gierigste Drachen oder der abscheulichste Oger irgendeine Schwachstelle oder kann mit etwas List und Tücke in die Flucht geschlagen werden.

Was gegen die Angst hilft

Alles Fantasie? Das zu wissen, hilft gegen die Angst. Und so können Kinder in der "Schurkenwerkstatt" aus Magnettafeln ihren ganz persönlichen Schurken kreieren oder sich eine passende Schreckgestalt ausdenken, welche sich hinter einem bedrohlich klingenden Namen versteckt hält. Wen dann der eine oder andere Übeltäter ganz besonders neugierig gemacht hat, der kann sich in der Leseecke noch einmal in aller Ruhe in die entsprechende Geschichte vertiefen oder das Buch ausleihen. Geplant waren zudem Workshops, die coronabedingt allerdings vorerst nicht stattfinden können. Die neue Jahresausstellung in der Schatzkammer der Blutenburg stellt deutlich heraus, dass trotz ihres heimtückischen, gefährlichen und unberechenbaren Auftretens kein spannendes Märchen und kein packender Roman ohne einen Widersacher auskommt. Das zeigt, auch, wie sehr es sich lohnt, so manch einem Halunken und seiner Geschichte noch einmal genauer auf die Schliche zu kommen.

Schurken, Hexen, üble Gestalten - Bösewichte in der internationalen Jugendkultur, Ausstellung, geöffnet von: Samstag, 29. Mai, an, Schloss Blutenburg, Seldweg 15

© SZ vom 29.05.2021
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