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Kindercafés im Glockenbachviertel:Muße für gestresste Eltern

Spielzimmer hinter schalldichter Mauer: Im Glockenbachviertel gibt es immer mehr Cafés für Kinder und ihre gestressten Eltern.

Im Glockenbachviertel vermehren sich nicht nur die Glockenbacher, es vermehren sich auch die Cafés für die kleinen Glockenbacher und ihre gestressten Eltern. Bislang konzentrierte sich das Phänomen Kindercafé rund um den Glockenbachspielplatz. Jetzt ist es in die Westermühlstraße vorgedrungen und also mitten ins Ausgehviertel.

Auch der kleine Gast ist König: das Kindercafé "Kaiser Otto".

(Foto: Foto: Hess)

Man mag zu Cafés, in denen das Publikum aus einem Guss ist, stehen, wie man will: Das "Kaiser Otto" ist für junge Eltern eine echte Befreiung. Inhaber Georg Karuth hat sich mit seinen 42 Jahren einen alten Traum erfüllt: Vergangenes Frühjahr kündigte der promovierte Jurist, der 13 Jahre lang im Gesundheitswesen tätig war, seine Stelle und machte sich an die Konzeption eines Lokals mit Kinderbetreuung, eine Mischung aus Café und Restaurant, die Eltern mit Kindern das schenkt, was ihnen vor allem fehlt: die Muße.

Ein bisschen Zeitung lesen im Café; ein gutes Glas Wein trinken nicht erst dann, wenn einen die Müdigkeit ohnehin längst im Griff hat; ausgehen, ohne gleich einen Babysitter für den ganzen Abend buchen zu müssen; entspannt in Geschäften herumstöbern: All das macht das "Kaiser Otto" möglich, dank des großzügigen Spielzimmers hinter schalldichter Mauer, wo die Kinder der Gäste, aber auch Kinder von Leuten, die einfach nur im Viertel shoppen wollen, für fünf Euro pro Stunde betreut sind.

Natürlich hat Karuth selbst zwei Kinder, Maria, sieben, und Georg, drei Jahre alt. "Dürfen wir fernsehen?" "Dürfen wir Schokocroissant?" "Dürfen wir Limonade?" Es ist Montag, der Tag, an dem das "Kaiser Otto" zu hat. Karuth wird am Nachmittag mit den Kindern ins Schwimmbad gehen, ein Besuch beim Kinderarzt steht an, davor aber müssen aus einem Katalog Schalldämpfer für die Stühle ausgesucht werden - eine Nachbarin hat sich am Ruckeln der Stühle gestört.

Die Karuths wohnen direkt über dem "Kaiser Otto", das "Kaiser Otto" könnte also glatt als eines dieser Wirtshäuser durchgehen, wie es sie auf dem Land noch gibt, ein Familienbetrieb, in dem Wohnen und Arbeiten und Familie haben behaglich ineinander gehen. Aber das "Kaiser Otto" ist dann doch ein durch und durch großstädtischer Ort, ein Raum von eher schlichter Schönheit, weiße Wände, dunkle Holztische, ein paar Blumen, eine witzige, mächtige Lampe mit Klapplamellen und ein paar orangene Filzkissen mit "Kaiser Otto"-Logo.

Karuths Frau, die sicher das Talent hätte zur gelassenen, großherzigen Wirtsfrau, hat ihre Vollzeitstelle als Gesundheitsökonomin behalten und hilft im Café nur aus, wenn es nötig ist. Es gibt leichtes asiatisches Essen oder mediterran angehauchte Küche, gekräuterten Seeteufel, Steak mit Kräuterbutter, viele badische Weine stehen auf der Karte, weil Karuth aus dem Schwarzwald stammt, Bitterschokoladen aus fairem Handel werden zum Verkauf angeboten wie auch Bücher von Updike und Hemingway, Nick Hornby, Christian Kracht und Stewart O' Nan.

Kindlich-plüschig soll es hier nicht zugehen, man will ja bewusst den wohltuenden Abstand vom Kind herstellen für die Eltern, die eine Weile mal an Anderes denken dürfen, woanders sein.

Klar, dass diese Gratwanderung nicht immer gelingt. Die einen schieben ihr Kind beherzt in die Hände der Betreuerin und genießen die Auszeit. Die anderen behalten den Nachwuchs doch lieber bei sich auf Schoß und Bank. "Vogelwild", meint Karuth, geht es dann bisweilen nach Kindergartenschluss zu, das Café proppevoll mit Müttern, Babys, Kleinkindern. An anderen Tagen gibt es den Leerlauf, wenn sich bei strahlendem Sonnenschein alles auf dem Spielplatz einfindet.

Und es gibt diese an die Wand projizierten Bundesliga- und Europapokalspiele für eingeschworene Fans und manchmal auch: für ihre Kinder. Hier Gratwanderung, da Spagat: Immer wieder bessert Karuth das Konzept nach, nimmt kleine Änderungen vor, geht doch weiter in den Abend hinein mit dem Angebot als vorgesehen. Die Freizeit bleibt da auf der Strecke.