Katholiken Keine reine Freude

Das Papst-Schreiben "Freude der Liebe" stößt in München auf zwiespältige Resonanz. Homosexuelle in der Kirche sprechen von "Stagnation auf niedrigem Niveau"

Von Christian Krügel und Jakob Wetzel

Gut, dass der Papst über Liebe und Sex redet und dabei mehr die Seelsorge als die Lehre in den Mittelpunkt stellt; schlecht, dass er das Verhältnis der Kirche zu Homosexuellen genauso wenig radikal erneuert wie das zu wiederverheirateten Geschiedenen: Das ist Tenor der meisten Münchner Reaktionen auf "Freude der Liebe", das Schreiben des Papstes über Liebe, Familie und Sexualität. "Ich bin froh, dass die Lebenswirklichkeit der Menschen und die katholische Morallehre ein Stück weit zusammenwachsen", sagt Hans Tremmel, Vorsitzender des Diözesanrats und damit ranghöchster Laien-Vertreter im Erzbistum.

Am Freitag hatte Franziskus sein Schreiben veröffentlicht, mit dem er auf die lange Debatte unter Bischöfen und Laienvertretern über die Sicht der Kirche auf Liebe, Sexualität und Familie reagierte. Die katholische Lehre über die Unauflöslichkeit der Ehe und die Sexualität zwischen Mann und Frau revolutioniert er dabei keineswegs. Franziskus räumt aber Pfarrern deutlich mehr Spielräume im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen ein (die von den Sakramenten ausgeschlossen sind) und mit Paaren ohne Trauschein. "Niemand darf auf ewig verurteilt werden", schreibt Franziskus. Hans Tremmel glaubt, damit sei dem Papst ein Balanceakt zwischen katholischer Lehre und neuer Offenheit gelungen: "Er hat klug versucht, die unterschiedlichen Strömungen zu einer vernünftigen Synthese zusammenzufassen." Johanna Rumschöttel, Vorsitzende des Münchner Katholikenrats, sieht das ähnlich: "Franziskus öffnet die Tür zumindest einen Spalt breit." Hans-Jörg Steichele, Sprecher des "Münchner Kreises" kritischer Priester im Erzbistum, sagt, niemand habe erwarten dürfen, dass der Papst die katholische Morallehre auf den Kopf stelle. Aber er habe Spielräume aufgezeigt, die die Pfarrer nun nutzen müssten, etwa indem sie Wiederverheiratete Sakramenten nicht mehr verweigerten. "Franziskus weiß, dass es regional unterschiedliche Lösungen geben muss", so Steichele.

Mehr Freiheit für die Ortskirchen: Das loben alle - allerdings sieht Diözesanrats-Chef Tremmel auch eine Gefahr darin: "Ich möchte nicht, dass menschenfreundliche Lösungen vom guten Willen des Ortspfarrers abhängen und ein Gläubiger in die Nachbarpfarrei wechseln muss, um bestimmte barmherzige Formen der Versöhnung mit Kirche zu finden."

Kardinal Reinhard Marx hatte das Dilemma am Freitag indirekt angedeutet. In einer Stellungnahme der deutschen Bischofskonferenz appelliert er an die Seelsorger: "Wir bitten die Priester, im Geist dieses Textes auf die Menschen zuzugehen. Der Tenor dieses Schreibens ist: Niemand darf ausgeschlossen werden von der Barmherzigkeit Gottes."

Doch gerade homosexuelle Katholiken fühlen sich auch nach der Veröffentlichung des Papst-Schreibens sehr wohl ausgeschlossen. Der Münchner Theologe Michael Brinkschröder, der sich in der ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche engagiert, spricht von einer "Stagnation auf niedrigem Niveau". Im Text des Papstes sei "viel die Rede von schönen Prinzipien der pastoralen Begleitung, aber auf Schwule und Lesben werden diese Prinzipien noch nicht angewendet", sagt er. Homosexuelle Eheschließungen und Familien schließt Franziskus aus - das sei enttäuschend, aber erwartbar gewesen. Allerdings erwähne der Papst noch nicht einmal Segnungen von schwulen Partnerschaften, wie es sie auch in einigen Münchner Kirchen längst gibt. Sind solche Segnungen nun zulässig oder verboten? Eine unbefriedigende Situation sei das, so Brinkschröder, denn nun müsse die Deutsche Bischofskonferenz sich dazu verhalten oder Schwule müssten auf den Ermessensspielraum der örtlichen Pfarrer hoffen. Darauf würde Hans-Jörg Steichele vom Münchner Kreis nicht allzu viel geben: "Gerade jüngere Pfarrer sind bei Geschiedenen oder Homosexuellen oft sehr viel intoleranter als ältere Kollegen." Es brauche viel Auseinandersetzung mit dem Papst-Schreiben und mit den Priestern, um hier voranzukommen.

Auch das ist Konsens unter Münchens Katholiken: Es bleiben so viele Fragen offen, dass die Arbeit eigentlich jetzt erst beginne.