Kampf gegen Klischees Unter uns

Mehrere tausend Sinti und Roma leben in München - in einem ständigen Spagat zwischen ihrer alten Kultur und der Angst vor Vorurteilen

Von Elisabeth Kagermeier

Wenn Sonja abends auf Kneipentour in Schwabing geht, sieht sie anders aus. Nicht anders als die anderen dort - schwarze Haare und einen leicht dunklen Teint haben viele. Sondern anders als bei ihrer Familie. Bei der trägt sie nur Röcke. Für einen Bar-Abend schlüpft Sonja in Jeans, setzt ihren Nasenring ein und entblößt ihre Tattoos. "Da kann ich ich sein", sagt sie. Ich sein - das bedeutet für die 24-Jährige, als junge Münchnerin gemeinsam mit ihrem sechs Jahre alten Sohn Mario und ihrem Hund in Laim zu leben. Aber es bedeutet für sie auch, mit alten Traditionen aufgewachsen zu sein. "Das schränkt manchmal ein, aber Familie ist für mich trotzdem das Wichtigste", sagt sie.

Außer ihrer Verwandtschaft wissen nicht viele, dass Sonja eine Sintiza ist. Untereinander sei man stolz darauf. "Aber gegenüber anderen gibt das kaum einer preis", sagt die junge Frau, die wie alle Sinti und Roma in diesem Text nicht mit vollständigem Namen erscheinen will.

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Zwischen 5000 und 10 000 Sinti und Roma leben in München, schätzt Rainer Burger, sozialpädagogischer Beteuer für junge Sinti und Roma im Projekt "Drom" der Diakonie Hasenbergl. Doch viele blieben aus Angst vor Vorurteilen, Benachteiligungen im Beruf oder Mobbing in der Schule unerkannt. Und das nicht unbegründet: Laut einer Studie des Berliner Zentrums für Vorurteilsforschung von 2014 will ein Drittel der Deutschen keine Sinti und Roma als Nachbarn haben, zwei Drittel hegen eine generelle Antipathie. "Da laufen sofort Zigeunerklischees im Kopf ab", sagt Burger. "Von wegen: Die klauen, wollen gar nicht arbeiten und man muss auf seine Kinder aufpassen." Deswegen sei es gang und gäbe, dass sich Sinti und Roma selbst verleugnen statt ehrlich mit ihrer Identität umzugehen, erzählt Sonja.

"Wenn mich jemand fragt: Welche Landsfrau bist du denn, will ich nicht Sintiza sagen. Ich sage dann einfach, ich bin aus Ungarn." Sonja stört sich an den oft rassistischen Klischees. "Die kennen uns doch gar nicht", sagt sie und streicht ihrem Sohn über den Kopf. Bis jetzt hat sie Mario zu Hause erzogen, doch im Herbst wird er eingeschult. Dort wird er viele Kinder kennenlernen, die keine Sinti sind. Deutsch hat er übers Fernsehen gelernt. Seine Mutter spricht nur Romanes mit ihm, die Sprache der Sinti und Roma.

Anders macht das Jelena, 28. Sie spricht nur deutsch, auch mit ihren beiden Töchtern, zwei und fünf Jahre alt. Als Kind von einem österreichischen Rom und einer Deutschen sei sie moderner aufgewachsen, "halb deutsch, halb als Romni", wie sie sagt. Hosen tragen, das lässt sich Jelena nicht verbieten - auch nicht von ihrem traditionell erzogenen Freund. Der Vater der beiden Mädchen bringt den Kindern noch Romanes bei, sie wachsen zweisprachig auf. Henry sei eben mehr Zigeuner, sagt Jelena. Sie fühlt sich mehr als Deutsche.

Viele junge Sinti und Roma in München leben zurückgezogen

Während Jelena zu vielen Traditionen der Sinti und Roma keinen Bezug mehr hat, fühlt sich Sonja ihren Wurzeln noch stärker verbunden. Bis vor fünf Jahren, als ihr Vater schwer krank wurde, fuhr sie mit ihrer Familie als einer der letzten reisenden Clans auch noch regelmäßig "aufn Platz". Sie zogen im Wohnwagen von Ort zu Ort, sechs bis sieben Monate im Jahr, trafen die verstreute Verwandtschaft. "Dann wird den ganzen Tag Musik gemacht und gefeiert, rein geht man nur zum Schlafen." Trotzdem zog es sie immer wieder nach München zurück - ihr Zuhause.

Berührungspunkte mit Jugendlichen, die keine Sinti sind, hatte Sonja nur in der Schulzeit. "Ich hab mich schnell angepasst und Freunde in der Schule gehabt", erzählt sie. Damit sei sie aber die Ausnahme gewesen. Ihre sieben Geschwister seien unter sich geblieben. "Die haben da auch keinen reingelassen", sagt Sonja. Heute sind alle ihre Freunde zumindest entfernt Verwandtschaft und ebenfalls Sinti. Dieses Gefühl kennt auch Jelena. Trotz der kulturellen Anpassung bleibt man eher unter sich. Ihr engster Freundeskreis besteht aus Roma, Sinti oder Jenische, einem weiteren ursprünglich fahrendem Volk.

Viele junge Sinti und Roma in München leben wie Jelena oder Sonja eher zurückgezogen. Vorurteile und nicht aufgearbeitete Traumata der Verfolgung sind die Ursachen, wie Rainer Burger sagt. Nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte es lange, bis eingestanden wurde, dass Sinti und Roma zu Unrecht verfolgt wurden. "Das Trauma, das nicht aufgearbeitet wurde, wurde an Kinder und Kindeskinder weitergeben", sagt Burger. Deshalb sei das Thema Verfolgung nach wie vor in jeder Familie präsent, auch bei jungen Menschen. Sonjas Urgroßeltern zum Beispiel starben im Konzentrationslager, Jelenas Opa war der einzige von sieben Geschwistern, der überlebte. "Der Rest wurde vergast, auch seine jüngste Schwester mit nur drei Jahren", erzählt sie.

Suche nach einem Platz in der deutschen Leistungsgesellschaft

Trotz der Erfahrungen ihrer Vorfahren findet Jelena es nicht gut, wenn Sinti und Roma auch heute noch nach mehreren Generationen so sehr unter sich bleiben. Dafür müssten Traumata überwunden und Vorurteile abgebaut werden. Bei ihren Töchtern solle sich das ändern, hofft Jelena. "Sie sollen nicht nur mit ihren Cousinen und Cousins aufwachsen, sondern von klein auf auch andere Kulturen kennenlernen - und sie ihre", sagt die 28-Jährige. Der erste Schritt: Die ältere der beiden geht bereits in den Kindergarten.

"Sie wird mal die Schlaue in der Familie", glaubt die Mutter. Sie selbst hat den Hauptschulabschluss nicht geschafft, lebt von Hartz IV. Wenn die Kinder größer sind, will sie wieder arbeiten - im Einzelhandel, so wie auch ihre Mutter. Jelenas Freund hat immer wieder Minijobs, der Vater geht, seit er 13 ist, "schrottln". Auch ihr Bruder hat früher Altmetall gesammelt und es zum Schrotthändler gebracht. Nun aber hat er sich mit einer Reinigungsfirma selbständig gemacht. Er sucht seinen Platz in der deutschen Leistungsgesellschaft.

Das will auch Sonja, wenn ihr Sohn eingeschult wird. Am liebsten würde sie ihr Geld mit Singen verdienen. Schon jetzt tritt sie auf Hochzeiten und Festen auf. Neben Englisch und Deutsch singt sie auch auf Romanes.