Erfahrungen mit Ausgrenzung "Das ist doch mein Zuhause!"

München ist bunt? Ja, schon. Aber die Farben mischen sich nicht. Und Rassismus ist nach wie vor ein Alltagsphänomen. Ein Gespräch über blöde Sprüche in der U-Bahn, das Schwimmen im Burkini und die Frage, warum sich nicht jeder auf der Wiesn übergeben darf

Interview von Marlene Mengue

Sarra Chaouch, Naim Balikavlayan, Charlotte Schneegans und Tamina Rahimi (v. l.) berichten vom Gefühl der Ausgrenzung.

(Foto: Catherina Hess)

Ein Freitagabend im Büro der Initiativgruppe e. V., einem interkulturellen Begegnungszentrum für Menschen mit Migrationsgeschichte an der Karlstraße. Aus dem Nebenzimmer Gitarrenklänge. Kinder und Jugendliche, die sich die Musikschule nicht leisten können, bekommen hier Unterricht; auch Deutschkurse gibt es und eine Nachmittagsbetreuung für Schüler. "Die Initiativgruppe ist ein Schutzraum", sagt Naim Balikavlayan, 34. "Wir können hier unter unseresgleichen sein und über unsere Erfahrungen mit Ausgrenzung sprechen." Und über ihre Heimatstadt München.

Dazu treffen sich an diesem Abend: Sarra Chaouch, 23, die in München geboren ist und deren Eltern aus Tunesien stammen. Gemeinsam mit Charlotte Schneegans, 25, studiert sie Politikwissenschaften. Charlotte kommt aus Mexiko und lebt seit drei Jahren in München. Tamina Rahimi, 19, ist geborene Münchnerin und macht ihr Fachabitur; ihre Eltern stammen aus Afghanistan. Und eben Naim Balikavlayan, der das Projekt "Selfstarter" leitet, bei dem sich Sarra, Charlotte und Tamina engagieren: Durch Workshops und Seminare bekommen sie und andere junge Menschen die Chance, aktiv am politischen Leben teilzunehmen.

SZ: Was stört euch an München?

Sarra: Ich komme mit der Pegida nicht klar. Ich habe in der Bibliothek an der Ludwigsstraße gearbeitet, meine Schicht war montags. Abends musste ich oft an der Pegida-Demo am Odeonsplatz vorbei. Meine Freundin traut sich gar nicht vorbeizugehen. Es verletzt sie zu sehr, dass es solche Menschen gibt. Ich sage immer: Da gibt es genug Polizisten. Uns wird nix passieren.

Tamina: Alte Menschen werfen einem böse Sachen an den Kopf.

Was wird euch an den Kopf geworfen?

Tamina: Wenn ich mit Freundinnen in der U-Bahn sitze, kommen Sprüche wie "Allahu akbar" oder "Jetzt geht die Bombe hoch". Man hat schon alles gehört. Das macht mich wütend.

Sarra: "Ausländer raus", "geh' nach Hause", "zieh das Kopftuch aus" . . .

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Naim: Letztens lief ich auf der Straße, da fuhr ein hupendes Auto, winkende Männerhände schauten heraus. Da hörte ich, wie deutsche Menschen vorbeiliefen und sagten: "Ah, Kanaken feiern Hochzeit." In solchen Momenten merke ich, dass die Leute unverhohlener werden. Die Pegida lässt über Lautsprecher den Muezzinruf ertönen. Da fehlen mir die Worte. Und wenn ich abends in der Schwulenszene unterwegs bin, werde ich mit dem Vorwurf konfrontiert: Ihr Muslime seid doch alle homophob.

Erfährst du als homosexueller Türke doppelt Ausgrenzung?

Naim: Entweder werde ich exotisiert: Ein türkischer schwuler Mann, das ist spannend. Oder mir werden Dinge an den Kopf geworfen: War es für deine Familie besonders schlimm, als du dein Outing hattest? Da kommen verquere Ideen: Muslime seien antisemitisch, homophob, frauenfeindlich. Es kommt mir manchmal vor, als wären die Muslime, die ja eine total heterogene Gruppe sind, all das, was die deutsche Mehrheitsgesellschaft nicht mehr sein mag. Da kommt Angst auf und immer wieder das Gefühl von Wut. Es kotzt mich an.

Ist München multikulturell?

Tamina: Die Leute bleiben in ihren Grüppchen. Sie vermischen sich sehr wenig.

Charlotte: Das ist in anderen Städten anders. In Hamburg oder Köln tauschen sich die Leute mehr aus.

Woran liegt das?

Sarra: Ich glaube, es hat mit der Einstellung der Menschen zu tun. Die Bayern sind besonders stolz auf ihre Traditionen, auf ihre Geschichte. Ich finde das auch schön. Ich mag die Wirtshäuser, ich mag den Dialekt, auch die Dirndl finde ich hübsch. Aber sie müssen mich auch akzeptieren. Ich würde München noch viel mehr lieben, wenn man mir das Gefühl gäbe, das ist meine Heimat.

Gibt München euch manchmal das Gefühl, dass das nicht so ist?

Sarra: Die Menschen, ja. Wenn die Leute sagen, ich soll nach Hause gehen. Dann denke ich: Das ist doch mein Zuhause!

Tamina: Vor zwei Jahren waren wir zusammen auf der Wiesn und sind Achterbahn gefahren. Einer Freundin ist danach übel geworden, sie musste sich übergeben. Eine Frau ist voll ausgerastet und hat gesagt: "Das kannst du in deinem Land machen, benimm dich!" Ich habe geantwortet: "Wenn die ganzen Betrunkenen hier kotzen, ist das kein Problem."

Sarra: Und dann meinte sie zu mir: "Zieh erst mal dein Kopftuch aus, bevor du mit mir sprichst."

Gibt es bestimmte Orte, die ihr meidet?

Tamina: Bogenhausen. Da wurde die Moschee geschlossen, die wir öfters besucht haben, weil die Leute sich beschwert haben.

Sarra: Ich mag die Innenstadt nicht so gern, weil da so viele Menschen sind. Fast immer kommt ein blöder Spruch.

Tamina: Am Hauptbahnhof und am Stachus ist es besonders schlimm. Die Orte, wo man sich wohlfühlt, sind Neuperlach und Messestadt.

Sarra: Ich bin mal zum Walchensee gegangen. Und da waren nur diese Bio-Deutschen . . .

Naim: Das steht übrigens für Biografisch-Deutsche, also ein korrekter Begriff. Gut gewählt!

Sarra: . . . die haben mich alle angeguckt, als wäre ich ein Sonderexemplar. Ich wollte eigentlich schwimmen gehen, aber eben mit meinem Burkini. Wegen der Blicke wollte ich nicht mehr. Meine Mutter hat mich dann überredet, ins Wasser zu gehen. Ich habe mich so unwohl gefühlt. Alle haben mich beobachtet. Wäre ich allein gewesen, hätte ich mich nicht getraut.

Habt ihr das Gefühl, dass die Münchner verschiedene Nationalitäten unterschiedlich bewerten?

Charlotte: Ja. Ich denke, Menschen aus muslimischen Ländern werden negativer bewertet. Aber auch über Mexiko gibt es Stereotype: Viele machen Späße über den Drogenhandel, über Tequila und Burritos und über die fehlende Bildung. Aber es ist halt ein Schwellenland. Mexiko-Stadt ist ein Wirtschaftszentrum!

Tamina: Wenn ich sage, dass ich aus Afghanistan komme, reagieren die Leute schockiert: Was? Du bist Afghanin? Aber du bist doch voll normal. Du kommst gar nicht rüber wie eine Afghanin.

Sarra: Bei den Afghanen gibt es immer die Verbindung zu den Taliban. Und früher war Tunesien ja immer das exotische Urlaubsland. Seit der Kölner Silvesternacht werden Nordafrikaner mit ganz anderen Augen betrachtet.

Was wünscht ihr euch für München?

Tamina: Die Leute sollen uns ansprechen. Man kann ja über alles reden. Ich sehe die Blicke. Und ich wünsche mir, dass sie das, was sie denken, einfach aussprechen. Dass sie offener sind.

Charlotte: Die Leute sind hier sehr gleichgültig. In der Bahn lächelt sich niemand an. Es ist, als wäre zwischen den Menschen eine Wand. Weniger Verschlossenheit und weniger Hierarchie wären schön. Dass wir einfach alle auf gleicher Ebene sind. Egal, ob wir gutes oder schlechtes Deutsch sprechen.

Sarra: Man sagt ja immer, München ist bunt. Ich wünsche mir, dass München noch bunter wird. Oder dass dieser Slogan erst mal Realität wird. Dass wir uns durchmischen. Jetzt ist München zwar bunt, aber die Farben sind voneinander getrennt.

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