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Jobcenter:Die Frau für schwierige Lebensphasen

Als "gut bestelltes Haus" übernimmt Anette Farrenkopf das Jobcenter. "Ich werde mit meiner Mannschaft mein Bestes geben", sagt sie.

(Foto: Björn Marquart)

Anette Farrenkopf, die neue Chefin des Jobcenters, spricht nicht so gern von "Hartz-IV" und "SGB-II-Beziehern". Sie will einfach Menschen in Arbeitslosigkeit helfen und sucht dafür viele Partner - und Geldtöpfe

Als Anette Farrenkopf noch Chefin der Arbeitsagentur Weilheim war, habe sie "ein bisschen neidvoll auf München geschaut", gibt sie zu. Doch seit Monatsbeginn, als neue Geschäftsführerin des Jobcenters München, ist sie begeistert von den Möglichkeiten, die sich durch das Münchner Beschäftigungs- und Qualifizierungsprogramm (MBQ) und viele andere "tolle Projekte" der Stadt bieten. Ganz besonders gefreut hat sie, dass der Stadtrat ausgerechnet an ihrem 50. Geburtstag auch noch beschlossen hat, die finanzielle Ausstattung des Jobcenters um 1,6 Millionen Euro aufzustocken.

"Viel Geschick" werde sie brauchen beim Einsatz des Geldes für die Förderung von Langzeitarbeitslosen, sagte Harald Neubauer, Chef der Arbeitsagentur München, bei der Vorstellung der neuen Chefin des gemeinsam von Stadt und Arbeitsagentur getragenen Jobcenters. Denn "das Geld aus Berlin wird sicher nicht mehr werden". Schon die Vorgängerin Martina Musati, 49, die nach viereinhalb Jahren in die Geschäftsführung der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit wechselte, hatte erhebliche Kürzungen hinnehmen müssen.

Wie Musati kommt Anette Farrenkopf aus Baden-Württemberg. Sie ist geboren und aufgewachsen in Tauberbischofsheim. Die Diplom-Verwaltungswirtin war selbst in der Arbeitsvermittlung tätig, bevor sie von 1996 an verschiedene Führungsaufgaben für Arbeitsagenturen im schwäbischen Raum übernahm und dann 2005 nach Weilheim wechselte. Unmittelbar davor hatte sie noch in Esslingen den Aufbau des Jobcenters organisiert. Wenn sie von den Menschen spricht, um die sich die Jobcenter kümmern, dann redet sie, wie alle Verwaltungsleute, nicht von Hartz-IV-Beziehern. Aber sie benutzt auch nicht den üblichen Verwaltungsjargon "SGB-II-Bezieher", der auf der gesetzlichen Grundlage der Leistung, dem Sozialgesetzbuch II, basiert. Anette Farrenkopf wählt andere Worte: Sie und ihre Mitarbeiter begleiten "Menschen in schwierigen Lebensphasen" auf dem Weg in die Arbeit: "Eine sehr Sinn stiftende Arbeit für mich und meine Mitarbeiter." Soziale Sicherung aber lasse sich nicht alleine bewerkstelligen, dazu brauche es Partner: die Stadt, die Wohlfahrtsverbände, die Wirtschaftskammern, die Arbeitgeber und nicht zuletzt auch die Politik. So habe sie auch in Weilheim gut mit den fünf Landräten im Einzugsbereich der Arbeitsagentur zusammengearbeitet.

Derzeit betreut das Jobcenter München mit 950 Mitarbeitern 41 500 Haushalte, in denen 52 000 erwerbsfähige Personen und 21 600 Kinder leben. Im Hinblick auf den Fachkräftemangel will Anette Farrenkopf die Qualifizierung von Langzeitarbeitslosen verstärken. Über das Programm "Plan B" der Bundesregierung erhofft sie außerdem, 400 lange arbeitslosen Münchnern neue berufliche Perspektiven eröffnen zu können: "Dazu suchen wir noch viele Arbeitgeber." Obendrein bewirbt sich das Jobcenter um Fördergelder aus dem Bundesprogramm "Soziale Teilhabe" für Familien mit Kindern und Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. Die neue Geschäftsführerin will sich auch der Integration von Flüchtlingen annehmen. Gerade die Jugendlichen unter ihnen seien "sehr lernbegierig". Viele von ihnen wollten handwerkliche Berufe wie Bäcker, Metzger oder Maler erlernen, "wo unsere Jugendlichen gar nicht mehr rangehen".

Mit Flüchtlingen, vor allem aus Syrien, komme noch eine große Aufgabe auf das Jobcenter hinzu, glaubt Sozialreferentin Brigitte Meier. Sie geht von etwa 2000 zumeist großen Haushalten aus, die nach Abschluss des Asylverfahrens die Unterstützung des Jobcenters benötigen. "Das ist aus dem Budget des Bundes nicht zu stemmen." Die Sozialreferentin will sich deshalb an Arbeits- und Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) wenden, um eine Aufstockung zu erreichen. Auch nach der Einführung des Mindestlohns von 8,50 Euro sind in München nicht weniger Menschen auf zusätzliche Hartz-IV-Leistungen angewiesen, um den Lebensunterhalt zu decken, betonte Agentur-Chef Neubauer. "Ein Alleinstehender braucht in München einen Stundenlohn von 11,60 Euro brutto, um sich finanzieren zu können."

© SZ vom 03.06.2015
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