Jägerwirt in Neufahrn Eine willige Schwarte

Der Jägerwirt in Neufahrn.

(Foto: WOR)

"Hobs no sauba einibracht, des Hei": Der Jägerwirt in Neufahrn hat etwas recht bayerisch Wirtshausiges.

Von Von Ivan Lende

Im Süden Münchens liegt die Gemeinde Schäftlarn. Sie besteht aus mehreren kleinen Orten. Doch ist es dummerdings so, dass ausgerechnet der Ortsteil, in dem das Rathaus beheimatet ist, seit Jahren keine richtige Dorfwirtschaft mehr hat. Zugegeben, der Italiener am S-Bahnhof ist aller Ehren wert, aber eben doch ein Italiener. Unten im Kloster gibt es natürlich eine Klosterwirtschaft. In Ebenhausen locken neben der Post (auch Goethe war schon hier) gleich mehrere Gaststätten. Und in Neufahrn, drüberhalb der Garmischer Autobahn, haben sie den Jägerwirt. Schon ziemlich lange - und mit ziemlich wechselnder Geschichte.

Als es nun wieder mal hieß, dieser Jägerwirt habe einen neuen Betreiber, schauten die Nachbarn skeptisch und fragten sich, ob es denn diesmal wieder mal was werden würde mit dem Haus. Neufahrn selbst ist zwar klein, aber von interessanter Infrastruktur, welche der neue Wirt natürlich bedienen will. "Hobs no sauba einibracht, des Hei", sagt stolz der Bauer am Biertisch im Garten, sein Gegenüber, in Tracht mit Gamsbart, aber alles andere als Münchner Zuagroaster, sekundiert: "Is ja die reine Lotterie heier."

Ein paar Tische weiter sitzt ein Pärchen in Reithosen, angefahren mit dem Landrover von einem der vielen Reiterhöfe des Ortes: "Die Soloma lahmt schon wieder, eine Katastrophe." Es genießt trotzdem den üppigen Brotzeitteller, der seine 9,90 Euro wirklich wert zu sein scheint. Womit wir beim Wirtshaus wären und dem, was es bietet. Nun: Gäbe es das Wort ambivalent nicht, man müsste es für den Jägerwirt erfinden.

Der erste Besuch war fast ein Desaster. Die Gaststube, in nervenberuhigendem Ocker gehalten, war zu gut zehn Prozent gefüllt. Der über Wirtshausniveau gedeckte Tisch verlockte zur Bestellung eines Aperitivs. Nichts Kompliziertes, nur einen Campari Soda. Es kam Campari Soda. Handwarm, ohne Eis. Zum Hauptgang (nach einer hervorragenden Frittatensuppe) bestellte einer aus der Runde eine Flasche österreichischen Rotweins aus dem Burgenland. Eine gefühlte halbe Stunde später hieß es lapidar: leider nicht vorhanden. Auf die Frage nach einem ähnlichen Wein, kam die Empfehlung: "Ja mei!" Nun gut, ja mei, der Rote vom Gut Sonnhof hat dann gepasst.

Man aß: ein gegrilltes Zanderfilet an Zitronensoße mit getrüffeltem Spinat und sonnengetrockneten Tomaten mit Reis; Rindslende vom Grill mit Café de Paris, dazu Ofenkartoffel mit Kräuterquark und einen Zwiebelschmorbraten. Man hat den Zander wohl verdursten lassen, so trocken schmeckte er. Und was denkt wohl der Bauer draußen am Biertisch von getrüffeltem Spinat?

Noch spannender aber wäre es, zu erforschen, was es mit des Kochs Obsession auf sich hat, nahezu jedem Gericht nach nichts schmeckende Cocktailtomaten beizumengen. Zudem war man es zeitlebens gewohnt, dass ein Zwiebelschmorbraten, dem Namen folgend, mit Zwiebel geschmort wird und nicht mit allem, was die Gemüsetheke hergibt, von Paprika über diverses Grünzeug bis - eben - zur den vielen kleinen Tomaten. Am Fleisch selbst gab es nichts auszusetzen.

Spätere Besuche zeigten dann auch Gegenteiliges: Da war der Schweinsbraten (ohne Cocktailtomaten) ganz vorzüglich zart, selbst die Schwarte, zwar nach neuer Unsitte einfach draufgelegt, fügte sich willig dem Gebiss. Die Kartoffelknödel führten die Diskussion darüber, dass es ja kaum mehr selbstgemachte gebe, zu dem versöhnlichen Schluss, dass es auch so gehe. Das Wiener Schnitzel (man wählte das vom Schwein) war zwar kaum gewürzt, aber zart (mit Bratkartoffeln und - natürlich - Cocktailtomaten), das Kalbsgeschnetzelte, von einer erfahrenen Hausfrau getestet, bekam ein "zufriedenstellend", ebenso die Jacobsmuscheln auf Salat, eine Speise wohl eher fürs Reitervolk.

Befremdet war dann der Freund des "Bayerischen Wurstsalates" ob der Sprossen, mit denen er reichlich garniert war. Danach gab es Palatschinken in vier Variationen, die allesamt als köstlich empfunden wurden.

Um das alles ein bisschen zu verstehen, muss man wissen, dass der neue Betreiber sich als Event-Unternehmer versteht und mehrere Lokale verwaltet, darunter auch das Essneun im Münchner Glockenbachviertel. Dort kredenzt man schon mal Schweinebacken mit Caramel-Seeteufel-Lolli, was vielleicht die Sprossen auf dem Wurstsalat erklärt. Dort aber pflegt man auch einen perfekten Service.

Das ist beim Jägerwirt noch nicht so perfekt. Ist er mal am Tisch, zeigt er sich von erlesener Freundlichkeit und erfüllt auch jeden Wunsch quengelnder Kinder. Doch dann macht er, ja mei, lange Pausen. Das hat schon wieder etwas recht bayerisch Wirtshausiges.

Die Preise sind zivil. Kaum ein Hauptgericht reißt die 15-Euro-Marke, das Bier kostet 2.90, der Schweinsbraten 8.90 und besagter Rotwein 29 Euro.