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Isotopenanalyse in München:Knifflige Rekonstruktion eines Lebens

Die Qualität der Aussagen, die Lehn über die Herkunft einer Leiche treffen kann, liegt immer auch an der Qualität der Gewebeproben, die sie zur Verfügung gestellt bekommt. Im Gegensatz zur DNA-Analyse benötigt die Biologin für ihre Untersuchungen nicht nur ein Haar oder einen Hautpartikel. Sie braucht ein ganzes Büschel Haare oder einen ganze Fingernagel, wenn sie etwas über den Aufenthaltsort in den letzten Monaten aussagen möchte. Ein Stück Knochen enthält die Information über eine längere Lebensspanne. Aus Zähnen zieht Lehn sogar Rückschlüsse, wo ein Mensch in der Kindheit zu Hause war.

Für ihre Arbeit benötigt Lehn aber auch gute Vergleichsproben. In ihrem Büro hat sie eine Palette mit Probengläsern stehen, die Haarbüschel aus zahlreichen Ländern enthalten. "Die müssen noch analysiert werden, bevor ich sie in unsere Datenbank einpflegen kann, um typische Isotopenverhältnisse für Bewohner verschiedener Länder zu haben", sagt Lehn. In afrikanischen Ländern etwa ist es gar nicht so einfach, Haare zu bekommen. "Sei es aus Aberglaube oder Angst vor Zauberei, die Menschen dort geben Haarproben nicht so gerne ab."

Analyse hilft oft auf die richtige Spur

Selbst wenn ein Toter aber in einem Region gelebt hat, von der Lehn gute Vergleichsproben besitzt, kann die Rekonstruktion seines Lebens ziemlich knifflig sein. Der Mann aus Sachsen etwa, dessen Körperteile in einem Flutbecken schwammen, hatte sich lange Zeit überwiegend von Meeresprodukten, Gemüse und Obst ernährt, also eher asiatisch als deutsch. Das war aus seinen Knochen zu lesen. Die letzten drei Jahre seines Lebens aber - das entdeckte Lehn bei der Analyse seiner Haare - gab es einen Bruch: Da ernährte er sich plötzlich anders, aß mehr Fleisch, weniger Fisch und mehr Getreideprodukte - so wie es in Deutschland üblich ist.

Also musste die Untersuchung der Geoelemente Aufschluss über seinen Aufenthaltsort geben: Die Bleiisotopenwerte besagten, dass er immer in Deutschland oder einem der benachbarten Länder gelebt hatte. Der Mann hatte also wahrscheinlich einen asiatischen Migrationshintergrund. Drei Jahre vor seinem Tod, so stellte sich im Zuge der Ermittlungen dann tatsächlich heraus, war er aus dem Elternhaus ausgezogen, in dem der asiatische Vater offenbar großen Einfluss auf das Essen hatte. In seiner eigenen Wohnung kochte der junge Mann wohl eher so, wie es in Deutschland typisch ist. "Nur wenn man alle Isotopensysteme zusammen betrachtet, kann man Rückschlüsse ziehen", erläutert Lehn.

Oft genug bringt die Isotopenanalyse die Fahnder also von einer falschen Spur ab. In einer anderen Stadt, erzählt Lehn, ist einmal ein Torso eines Mannes im Wald gefunden worden. Der Tote war stark tätowiert, er hatte eine Rose, einen Engel mit einem Pfeil, aber auch arabische Schriftzeichen auf seiner Haut. Die Polizisten dachten deshalb sofort an einen Mann aus dem arabischen Raum und begannen zu ermitteln. Laut Isotopenanalyse war er aber nie aus Deutschland hinausgekommen. Die Fahnder richteten ihre Ermittlungen neu aus und fanden bald die Lösung für das Rätsel: Der Tote hatte lange im Gefängnis gesessen. "Dort waren solche Schriftzeichen wohl gerade in Mode gewesen", sagt Lehn.

© SZ vom 18.02.2014/wolf
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