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Isotopenanalyse in München:Biografie in den Knochen

Nur ein paar Leichenteile schwammen in dem Flutbecken - die Ermittler standen vor einem Rätsel: Ohne die Identität eines Toten haben sie kaum einen Ermittlungsansatz. Mit der Isotopenanalyse lässt sich herausfinden, wo ein Mensch gelebt hat. Das Münchner Institut für Rechtsmedizin nutzt sie, um Kriminalfälle zu lösen.

Von Florian Fuchs

Nur ein paar Leichenteile schwammen in dem Flutbecken in Sachsen: Arme, Torso, ein Teil des Beckens, Oberschenkelknochen. Der Tote musste ein Mann im Alter von 21 bis 30 Jahren gewesen sein, athletisch gebaut, etwa 1,70 Meter groß. Seine Überreste lagen schon bis zu zwei Wochen im Wasser. So viel war klar, aber der Polizei nutzte das nichts: Ohne die Identität des Toten zu kennen, hatten die Fahnder kaum einen Ermittlungsansatz.

Also schickten sie Gewebeproben des Unbekannten ins Institut für Rechtsmedizin nach München, für eine Isotopenanalyse. Die Biologin Christine Lehn fand heraus, dass der Tote sein Leben lang im Umkreis des Fundortes seiner Leichenteile gewohnt haben musste - und dass seine Familie wohl einen asiatischen Migrationshintergrund hat. Das waren die Angaben, die die Polizei bald zum Ermittlungserfolg führten: Der Tote war ein 23-Jähriger, der tatsächlich in Leipzig aufgewachsen und Sohn einer Deutschen und eines Ostasiaten war - bevor er Opfer eines Verbrechens wurde.

Neue wissenschaftliche Methode

Die Isotopenanalyse zur Identifizierung von Toten wird noch nicht lange für Ermittlungen der Polizei verwendet. Aber sie ist eine dieser neuen wissenschaftlichen Methoden, mit deren Hilfe Fahnder Verbrechern immer häufiger auf die Spur kommen. Das Rechtsinstitut München war vor gut zehn Jahren sogar Vorreiter bei der Entwicklung der Isotopenanalyse. Auch heute noch landen alle schwierigen Fälle aus der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz auf Lehns Tisch. Die Wissenschaftlerin hilft inzwischen auch bei bizarren Fällen, etwa wenn die Herkunft eines Eichhörnchenkadavers bestimmt werden muss, den ein Pelzanbieter von militanten Tierschützern geschickt bekommen hat.

Meist geht es aber um Menschen. Mit Hilfe der Isotopenanalyse können Lehn und ihr Kollege, der Geologe Peter Horn, im Idealfall das ganze Leben einer Leiche rekonstruieren: Wo hat der Tote seine Kindheit verbracht, wann ist er in ein anderes Land gezogen, wie weit hat er vom Meer entfernt gewohnt und welche Ernährungsgewohnheiten hatte er? Allerdings ist die Interpretation der Daten aus Haaren, Fingernägeln, Knochen und Zähnen manchmal schwierig, gerade wenn ein Mensch im Laufe seines Lebens oft umgezogen ist. "Wenn jemand nicht sesshaft ist, hat er ziemlich viel geografischen Mischmasch im Körper", sagt Lehn.

Jeder Mensch hat ein individuelle Isotopensignatur

Isotope sind unterschiedlich schwere Atomarten eines Elements. Jeder Mensch nimmt sie von Geburt an durch Nahrung, Luft und Wasser in den Körper auf und verfügt so über eine individuelle Isotopensignatur - je nachdem, wo er gelebt hat. Lehn untersucht dabei die Bioelemente Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und Schwefel. Ihr Kollege Horn die Geoelemente Strontium und Blei.

Die Isotopenverhältnisse von Wasserstoff und Sauerstoff in einem Körper sagen zum Beispiel etwas darüber aus, in welchem Klima ein Mensch gelebt hat. Stickstoff verrät den Wissenschaftlern, ob ein Mensch viel Fleisch, Milchprodukte oder Fisch gegessen hat. Und US-Amerikaner unterscheidet von Europäern der Isotopenwert des Kohlenstoffs. "Wir essen hier viel Getreide und Kartoffeln, unser Zucker ist aus Zuckerrüben. In den USA ist Mais die Grundlage vieler Nahrungsmittel, und Limonade oder Gebäck werden mit Zucker aus Zuckerrohr versüßt", sagt Lehn. Mais und Zuckerrohr sind Pflanzen mit einem hohen Kohlenstoffisotopenwerten.

Knifflige Rekonstruktion eines Lebens

Die Qualität der Aussagen, die Lehn über die Herkunft einer Leiche treffen kann, liegt immer auch an der Qualität der Gewebeproben, die sie zur Verfügung gestellt bekommt. Im Gegensatz zur DNA-Analyse benötigt die Biologin für ihre Untersuchungen nicht nur ein Haar oder einen Hautpartikel. Sie braucht ein ganzes Büschel Haare oder einen ganze Fingernagel, wenn sie etwas über den Aufenthaltsort in den letzten Monaten aussagen möchte. Ein Stück Knochen enthält die Information über eine längere Lebensspanne. Aus Zähnen zieht Lehn sogar Rückschlüsse, wo ein Mensch in der Kindheit zu Hause war.

Für ihre Arbeit benötigt Lehn aber auch gute Vergleichsproben. In ihrem Büro hat sie eine Palette mit Probengläsern stehen, die Haarbüschel aus zahlreichen Ländern enthalten. "Die müssen noch analysiert werden, bevor ich sie in unsere Datenbank einpflegen kann, um typische Isotopenverhältnisse für Bewohner verschiedener Länder zu haben", sagt Lehn. In afrikanischen Ländern etwa ist es gar nicht so einfach, Haare zu bekommen. "Sei es aus Aberglaube oder Angst vor Zauberei, die Menschen dort geben Haarproben nicht so gerne ab."

Analyse hilft oft auf die richtige Spur

Selbst wenn ein Toter aber in einem Region gelebt hat, von der Lehn gute Vergleichsproben besitzt, kann die Rekonstruktion seines Lebens ziemlich knifflig sein. Der Mann aus Sachsen etwa, dessen Körperteile in einem Flutbecken schwammen, hatte sich lange Zeit überwiegend von Meeresprodukten, Gemüse und Obst ernährt, also eher asiatisch als deutsch. Das war aus seinen Knochen zu lesen. Die letzten drei Jahre seines Lebens aber - das entdeckte Lehn bei der Analyse seiner Haare - gab es einen Bruch: Da ernährte er sich plötzlich anders, aß mehr Fleisch, weniger Fisch und mehr Getreideprodukte - so wie es in Deutschland üblich ist.

Also musste die Untersuchung der Geoelemente Aufschluss über seinen Aufenthaltsort geben: Die Bleiisotopenwerte besagten, dass er immer in Deutschland oder einem der benachbarten Länder gelebt hatte. Der Mann hatte also wahrscheinlich einen asiatischen Migrationshintergrund. Drei Jahre vor seinem Tod, so stellte sich im Zuge der Ermittlungen dann tatsächlich heraus, war er aus dem Elternhaus ausgezogen, in dem der asiatische Vater offenbar großen Einfluss auf das Essen hatte. In seiner eigenen Wohnung kochte der junge Mann wohl eher so, wie es in Deutschland typisch ist. "Nur wenn man alle Isotopensysteme zusammen betrachtet, kann man Rückschlüsse ziehen", erläutert Lehn.

Oft genug bringt die Isotopenanalyse die Fahnder also von einer falschen Spur ab. In einer anderen Stadt, erzählt Lehn, ist einmal ein Torso eines Mannes im Wald gefunden worden. Der Tote war stark tätowiert, er hatte eine Rose, einen Engel mit einem Pfeil, aber auch arabische Schriftzeichen auf seiner Haut. Die Polizisten dachten deshalb sofort an einen Mann aus dem arabischen Raum und begannen zu ermitteln. Laut Isotopenanalyse war er aber nie aus Deutschland hinausgekommen. Die Fahnder richteten ihre Ermittlungen neu aus und fanden bald die Lösung für das Rätsel: Der Tote hatte lange im Gefängnis gesessen. "Dort waren solche Schriftzeichen wohl gerade in Mode gewesen", sagt Lehn.

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Quelle:
SZ vom 18.02.2014/wolf
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