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Isotopenanalyse in München:Biografie in den Knochen

Die Biologin Christine Lehn analysiert am Institut für Rechtsmedizin die Isotopensignatur unbekannter Toter.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Nur ein paar Leichenteile schwammen in dem Flutbecken - die Ermittler standen vor einem Rätsel: Ohne die Identität eines Toten haben sie kaum einen Ermittlungsansatz. Mit der Isotopenanalyse lässt sich herausfinden, wo ein Mensch gelebt hat. Das Münchner Institut für Rechtsmedizin nutzt sie, um Kriminalfälle zu lösen.

Von Florian Fuchs

Nur ein paar Leichenteile schwammen in dem Flutbecken in Sachsen: Arme, Torso, ein Teil des Beckens, Oberschenkelknochen. Der Tote musste ein Mann im Alter von 21 bis 30 Jahren gewesen sein, athletisch gebaut, etwa 1,70 Meter groß. Seine Überreste lagen schon bis zu zwei Wochen im Wasser. So viel war klar, aber der Polizei nutzte das nichts: Ohne die Identität des Toten zu kennen, hatten die Fahnder kaum einen Ermittlungsansatz.

Also schickten sie Gewebeproben des Unbekannten ins Institut für Rechtsmedizin nach München, für eine Isotopenanalyse. Die Biologin Christine Lehn fand heraus, dass der Tote sein Leben lang im Umkreis des Fundortes seiner Leichenteile gewohnt haben musste - und dass seine Familie wohl einen asiatischen Migrationshintergrund hat. Das waren die Angaben, die die Polizei bald zum Ermittlungserfolg führten: Der Tote war ein 23-Jähriger, der tatsächlich in Leipzig aufgewachsen und Sohn einer Deutschen und eines Ostasiaten war - bevor er Opfer eines Verbrechens wurde.

Neue wissenschaftliche Methode

Die Isotopenanalyse zur Identifizierung von Toten wird noch nicht lange für Ermittlungen der Polizei verwendet. Aber sie ist eine dieser neuen wissenschaftlichen Methoden, mit deren Hilfe Fahnder Verbrechern immer häufiger auf die Spur kommen. Das Rechtsinstitut München war vor gut zehn Jahren sogar Vorreiter bei der Entwicklung der Isotopenanalyse. Auch heute noch landen alle schwierigen Fälle aus der Bundesrepublik, Österreich und der Schweiz auf Lehns Tisch. Die Wissenschaftlerin hilft inzwischen auch bei bizarren Fällen, etwa wenn die Herkunft eines Eichhörnchenkadavers bestimmt werden muss, den ein Pelzanbieter von militanten Tierschützern geschickt bekommen hat.

Meist geht es aber um Menschen. Mit Hilfe der Isotopenanalyse können Lehn und ihr Kollege, der Geologe Peter Horn, im Idealfall das ganze Leben einer Leiche rekonstruieren: Wo hat der Tote seine Kindheit verbracht, wann ist er in ein anderes Land gezogen, wie weit hat er vom Meer entfernt gewohnt und welche Ernährungsgewohnheiten hatte er? Allerdings ist die Interpretation der Daten aus Haaren, Fingernägeln, Knochen und Zähnen manchmal schwierig, gerade wenn ein Mensch im Laufe seines Lebens oft umgezogen ist. "Wenn jemand nicht sesshaft ist, hat er ziemlich viel geografischen Mischmasch im Körper", sagt Lehn.

Jeder Mensch hat ein individuelle Isotopensignatur

Isotope sind unterschiedlich schwere Atomarten eines Elements. Jeder Mensch nimmt sie von Geburt an durch Nahrung, Luft und Wasser in den Körper auf und verfügt so über eine individuelle Isotopensignatur - je nachdem, wo er gelebt hat. Lehn untersucht dabei die Bioelemente Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff und Schwefel. Ihr Kollege Horn die Geoelemente Strontium und Blei.

Die Isotopenverhältnisse von Wasserstoff und Sauerstoff in einem Körper sagen zum Beispiel etwas darüber aus, in welchem Klima ein Mensch gelebt hat. Stickstoff verrät den Wissenschaftlern, ob ein Mensch viel Fleisch, Milchprodukte oder Fisch gegessen hat. Und US-Amerikaner unterscheidet von Europäern der Isotopenwert des Kohlenstoffs. "Wir essen hier viel Getreide und Kartoffeln, unser Zucker ist aus Zuckerrüben. In den USA ist Mais die Grundlage vieler Nahrungsmittel, und Limonade oder Gebäck werden mit Zucker aus Zuckerrohr versüßt", sagt Lehn. Mais und Zuckerrohr sind Pflanzen mit einem hohen Kohlenstoffisotopenwerten.

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