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Isarvorstadt:Premiere mit Knusperhexe

Theatergemeinde Migranten Besuch im Gärtnerplatz

Gar nicht so furchterregend: Nach der Vorstellung treffen die Kursteilnehmer die "Knusperhexe" Juan Carlos Falcón (Mitte).

(Foto: Peter Neusser/oh)

Teilnehmer eines Integrationskurses erleben "Hänsel und Gretel" am Gärtnerplatz. Für einige ist es ihr erster Theaterbesuch

"Gemütlich" und "sehr schön" befindet ein junger Mann aus Nigeria und sinkt selig lächelnd in den dunkelroten plüschigen Samtstuhl. Noch nie zuvor saß er in einem Theater. "Ein bisschen nervös" sei er deshalb. Nicht nur für ihn ist dieser Abend im Gärtnerplatztheater eine Premiere. Rund 15 Teilnehmer des Integrations-Deutschkurses der Münchner Volkshochschule besuchen mit ihren Dozenten die Märchenoper "Hänsel und Gretel" von Engelbert Humperdinck. Ein Theaterstück oder gar eine Oper haben viele noch nie live erlebt - und sind deshalb etwas aufgeregt. Für diesen besonderen Anlass haben sich alle herausgeputzt: rotes Samtkleid, schwarze Bluse, Rock, Perlenkette.

Die Kursteilnehmer sind eine heterogene Gruppe. Von jung bis alt, und aus verschiedenen Ländern stammen sie: Irak, Iran, Ukraine, Peru, Nigeria. Die meisten wohnen erst seit wenigen Jahren in München. 600 Deutschstunden haben sie gemeinsam hinter sich gebracht. Diesen Samstag wird es ernst: Sie absolvieren die B 1-Prüfung, danach ist der Integrationskurs zu Ende. Es ist ihr letzter gemeinsamer Abend - zumindest als Kurs.

Möglich macht den Besuch im Staatstheater die Kooperation "Theater und Integration" zwischen der VHS und der Theatergemeinde. Ins Leben gerufen wurde die Kooperation vor mehr als vier Jahren, mit dem Ziel, neuen Bürgern den Zugang zum Münchner Kulturleben zu erleichtern. Für Michael Grill, Geschäftsführer der Theatergemeinde, und Susanne May, Programmdirektorin der Münchner VHS, geht Integration weit über Sprache hinaus: "Sie sollen nicht nur unregelmäßige Verben lernen", sagt May. Vor allem sollen sie in München ankommen. Es sei ein wichtiger Schritt, um das Kulturangebot kennenzulernen, so formuliert es Madeleine Willing, die Fachgebietsleiterin des VHS-Deutsch- und Integrationskurses.

Da sei die Theatergemeinde, so Grill, eine Schnittstelle in der kulturellen Integration. Der Verein kuratiert deshalb verschiedene Kulturangebote: Ballett, Oper, Theater, Besuche in Museen. Die Dozenten wählen dann ein geeignetes Stück aus und begleiten ihre "Schüler". Denn es gehe auch um Nachhaltigkeit, erklärt Grill. "Hinterher könne man Fragen stellen: "Was war denn mit der Hexe?", nennt Grill ein Beispiel. Dafür seien dann auch die Dozenten verantwortlich: Für diesen Kurs sind das Heidi Schlöndorn und Angelika Krutisch. Sie bereiten die Kursteilnehmer auf die jeweiligen Kultur-Events vor, klären danach etwaige Fragen und besprechen Eindrücke und Inhalte miteinander. Vor dem Besuch von "Hänsel und Gretel" haben sie mit ihrer Gruppe Texte zum Märchen gelesen und den Trailer zur Oper angeschaut. Eine Ukrainerin hatte sich zuvor schon auf Wikipedia schlaugemacht. Die meisten aber kannten die Geschichte von Hänsel und Gretel vorher nicht

"Als ich gehört habe, dass es eine Hexe gibt, habe ich ein bisschen Angst bekommen", erzählt Riyam, eine junge Frau aus dem Irak. Sie lächelt schüchtern. Dennoch freue sie sich auf alles: die Kostüme, die Musik, das Bühnenbild. Eine Frau aus dem Iran, die seit drei Jahren in München lebt, kennt das Märchen hingegen von früher. Sie habe es im Fernsehen gesehen. "Ich erinnere mich heute an meine Kindheit", sagt sie. Um 19.30 Uhr beginnt endlich die Vorstellung. Die Lichter gehen aus. Dann beginnt das Orchester zu spielen. Vorhang auf.

Nach der Aufführung sind alle begeistert. Olayinka, der junge Mann aus Nigeria, ist berührt: "Das ist ein ganz wunderbarer Abend für mich", sagt er. Vor allem die Stimmen der Sänger, dazu der Kinderchor, und die Musik des Orchesters verzauberten die Gruppe. Am Ende, als fast alle Besucher schon auf dem Heimweg sind, dürfen die Teilnehmer des Integrationskurses sogar noch einen der Künstler kennenlernen: die Hexe - verkörpert von Juan Carlos Falcón. Riyam traut sich erst nicht zu ihm hin. Als sie merkt, dass er eigentlich ganz nett ist, rückt sie doch ein Stückchen näher.