Interview "Ich sehe den sozialen Frieden gefährdet"

Er fordert mehr Druck auf die Investoren: der Soziologe Detlev Sträter.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Soziologe Detlev Sträter prognostiziert die soziale Spaltung der Stadtgesellschaft durch die Gentrifizierung

Interview von Stefan Mühleisen

Detlev Sträter, 65, ist Soziologe und hat 30 Jahre am Institut für Medienforschung (IMU) in München gearbeitet. Dabei hat er sich in mehreren Forschungsprojekten mit der Entwicklung Münchens beschäftigt. Er beobachtet schon lange die Gentrifizierung. Ein Gespräch über das Protest-Potenzial in der Stadt und darüber, ob es bald Mieter-Aufstände geben wird.

SZ: Herr Sträter, wenn es um Gentrifizierung in München geht, sprechen inzwischen viele von einem "Verdrängungsprozess". Halten Sie als Wissenschaftler so ein Vokabular für angemessen?

Detlev Sträter: Ja, durchaus. Der Ursprung des Begriffs Gentrifizierung leitet sich vom englischen ,Gentry' ab, dem Landadel. Damit wurden schon in den Sechzigerjahren Prozesse in England und den USA beschrieben, wodurch in bestimmten Stadtgebieten sozial niedere Schichten durch sozial höhere ausgetauscht werden. Das ist auch in München der Fall, wo ausgehend von der Innenstadt die innenstadtnahen Viertel sowie die daran weiter anschließenden Stadtquartiere einem sozialen Veredelungsprozess unterzogen werden. Soziologen und Stadtplaner sprechen von den vier A's: Alte, Ausländer, Arbeitslose und Alleinerziehende ziehen weg, dafür siedeln sich Anwälte, Architekten, Ärzte und Anlageberater an.

Das klingt nach Klassenkampf.

Die soziale Spaltung ist schon im Gange. Es gibt eine Reihe von Initiativen, die sich unter dem Dach des "Bündnisses für bezahlbares Wohnen" zusammengeschlossen haben. Das halte ich für notwendig, um überhaupt dem Investorendruck etwas entgegensetzen zu können. Freilich müssen in München die Häuser saniert werden. Doch nach geltendem Recht sind es immer die Mieter, die die Kosten tragen.

Glauben Sie, dass es bald Mieter-Aufstände geben wird?

Ich wundere mich, dass es so ruhig ist. Vielleicht liegt es daran, dass diejenigen, die vom Wohnungsmangel betroffen sind, immer wieder andere sind. Wer eine Wohnung gefunden hat, ist zufrieden, dass er überhaupt eine hat - und ist dann erst einmal beruhigt. Von der Wohnungsnot ist nicht die gesamte Stadtgesellschaft gleichermaßen betroffen, sondern immer nur bestimmte Personengruppen.

Das Protestpotenzial kann man in manchen Vierteln an Aufklebern auf Laternen und in Kneipen-Toiletten sehen, etwa in Giesing. "Willkommen in Giesing, ihr Arschlöcher", ist dort zu lesen.

Ich sehe den sozialen Frieden in der Stadtgesellschaft durchaus gefährdet. Noch ist der Unmut stark gesplittet und individualisiert. Fast jeder versucht, das Problem, das er individuell mit dem Wohnungsmarkt hat, allein zu lösen. Dies kann dann auch dazu führen, dass Mieter München verlassen. Aber der verbliebene Korridor für relativ günstiges Wohnen zwischen der teuren Innenstadt und den fast ebenso teuren Randlagen und dem Umland wird immer schmaler.

Was sollte die Politik tun?

Es muss das Verständnis dafür wachsen, dass die Stadt viele Funktionen hat, die nicht über den sogenannten freien Markt geregelt werden können und sollten. Muss es denn Wohnungen mit 400 und mehr Quadratmetern in der Innenstadt geben? Nein, muss es nicht. Ich plädiere für sehr viel striktere Maßnahmen, um die Mieter zu schützen. Doch offenbar traut sich die Stadt nicht. Zum Druck der Investoren auf Politik und Planung muss ein Gegendruck aufgebaut werden. Es ist höchste Zeit, dass die Politik handelt. Sie sollte hier zum Beispiel viel stärker mit Wohnungsgenossenschaften zusammenarbeiten - also Akteuren, die Wohnnutzerinteressen verfolgen und nicht vom Interesse an hohen Kapitalrenditen motiviert sind.