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Hörinstallation:Die Vorgeschichte des Todes

Requiem für Verschwundene Gesche Piening

Ein Unort sei der Platz neben Sankt Lukas im Lehel, sagt Regisseurin Gesche Piening. Durch die gelben Stelen ihrer Installation wird dieser nun belebt.

(Foto: Jan Ott)

Gesche Pienings "Requiem für Verschwundene"

Von Christiane Lutz

Sterben ist teuer. Sarg oder Urne, Bestatter, Bestattung, Todesanzeigen - kostet alles. Wenn keine offensichtlichen Verwandten sofort zur Stelle sind, sucht die Stadt nach Angehörigen, die das bezahlen müssen. Manchmal aber gibt es niemanden. Keine Ehepartner, keine Kinder, keine Geschwister. Dann muss die Stadt oder die Gemeinde für die Kosten aufkommen. "Bestattung von Amts wegen" heißt das. In München werden jedes Jahr etwa 600 Menschen auf diese Weise bestattet. Manchmal sind nur ein paar Freunde da, die an der Trauerfeier teilnehmen. Manchmal ist der Pfarrer bei seiner Andacht auch allein mit dem Verstorbenen.

Als die Regisseurin Gesche Piening von diesen einsamen Toten erfuhr, von den leeren Aussegnungshallen und davon, dass in München manche Menschen deshalb tagelang tot in ihrer Wohnung liegen, weil sie einfach niemand vermisst, beschäftigte sie das sehr. Gemeinsam mit Autorin und Dramaturgin Katja Huber beantragte sie Förderung für ein großes Rechercheprojekt zum Thema "Bestattungen von Amts wegen in München", machte zwei Hörspiele dazu ("Einsam stirbt öfter" und "Der Tod unterscheidet nicht. Wir schon.") und nun eine Hörinstallation, als dritten und letzten Teil. Diese heißt "Requiem für Verschwundene" und ist von Samstag, 19. September bis 22. November neben der Sankt Lukas Kirche im Lehel zu begehen und hören. Dieser dritte Teil sollte eigentlich ein Theaterstück im Hoch X werden; Piening entschied sich aber dagegen, wegen der Corona-Auflagen.

Sechs knallgelbe Säulen sind in den Boden gelassen, mit einem Fußtipp auf einen Startknopf beginnt das Hörspiel der jeweiligen Station. Jede Säule ist jeweils einem oder einer einsamen Toten gewidmet. Piening verbrachte viel Zeit auf Bestattungen von Menschen, die sie gar nicht kannte und recherchierte mit Hilfe des Referats für Gesundheit und Umwelt deren Geschichte. Anonymisiert sind diese Geschichten an den Säulen zu hören. Lebensläufe, wie es sie halt gibt: "Heinz", ein Trinker, der sich immer mehr zurückzog vom Leben und drei Tage tot in seiner Wohnung lag. "Anna", die aus Rumänien nach Deutschland kam, eine Tochter hat, die niemand fand. "Hans-Georg", geboren 1949, der zwar bis zu seinem Tod Mitglied der katholischen Kirche war, doch der Pfarrer seiner Gemeinde kannte ihn nicht. Biografien, eingedampft auf ein paar Minuten. Menschen, verloren im eigenen Leben. Alte, gar nicht so alte, Zerstrittene, Zurückgelassene, Menschen im Heim, Menschen zuhause, Obdachlose. Manche von ihnen, meint Piening, seien offenbar auch nicht sonderlich liebenswert gewesen. Dennoch findet sie, jeder Mensch habe einen würdevollen Abschied verdient. Einen Moment des Gedenkens, ganz egal, wie das Leben war. In der Stadt München wenigstens sind Bestattungen von Amts wegen Einzelbestattungen, ein Geistlicher ist anwesend. Immerhin. "Dein Tod hat eine Vorgeschichte", leitet eine Stimme jede Station ein, "eine, die das Leben spielt."

Im Anschluss an die kurzen Schlaglichter in die unbekannten Leben sind dann Requiems zu hören, die Komponistinnen und Komponisten einzig für diesen Menschen geschrieben haben. Moritz Eggert etwa liefert ein Stück für Geigen, der Münchner Mathis Nitschke ein bedrückendes Werk mit Akkordeon. Musikerin Maria Hafner steuert ein alpenländisches Requiem bei, in dem sie selbst jodelt und welches wohl das ergreifendste unter den sechs Stücken ist. Im Hintergrund rauscht der Verkehr des Isar-Highways vorbei, um zwölf donnert das mächtige Mittagsläuten von St. Lukas und mischt sich mit der Musik aus den gelben Säulen, manchmal entsteht dabei ein ganz eigener, neuer Sound. Sehr viel lärmendes Leben klingt um den Tod, aber so ist das eben. Dafür ist die Installation nun jedem frei zugänglich, Eintritt oder Öffnungszeiten gibt es nicht. So belebt das Projekt auch den Platz neben der Kirche, einen Unort eigentlich, wie Gesche Piening sagt.

"Requiem für Verschwundene" stellt Verbindungen her zu Menschen, die man nie gekannt und nie vermisst hat. Der Hörgang, den man noch besser versteht, wenn man sich auch die Hörspiele vorher anhört, schenkt den einsam Verstorbenen tatsächlich etwas Würde und erinnert, ohne moralisch zu werden, daran, dass man sich am Ende doch nur zu Lebzeiten umeinander kümmern kann.

Requiem für Verschwundene, bis 22. November, Sankt Lukas Kirche

© SZ vom 18.09.2020

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