Hörenswert:Poetische Radikalopposition

Lesezeit: 2 min

Kabarettist Andreas Rebers spielt mit Degenhardts Schmuddelkindern

Von Oliver Hochkeppel

Wer weiß, was aus Andreas Rebers geworden wäre, hätte ihm nicht ein Onkel 1969, als er elf war, diese Schallplatte unter den Christbaum gelegt. Ein Franz-Josef-Degenhardt-Album, das für den Heranwachsenden zu einem dieser berühmten Schlüsselerlebnisse wurde, die für die persönliche Weltsicht grundlegend sind. Half es Rebers doch, sich einen Reim auf die familiäre "Geisterbahn" zu machen, in der er sich gelandet glaubte, mit all den kriegsversehrten, kriegsverdrängenden oder immer noch kriegsbesoffenen Erwachsenen der Wirtschaftswunder-Nachkriegszeit.

Wie bei einem Brecht, einem Kreisler oder - um ein aktuelles Beispiel massenhafter Jugendbewunderung von eigentlich nicht für sie gedachter Stoffe zu nehmen - einem Marc-Uwe Kling konnte der kleine Andreas sicher nicht alle Konnotationen der Texte verstehen, doch die poetische und sprachliche Kraft war faszinierend genug: "Schon mit dem ersten Chanson war ich überglücklich", berichtet Rebers, "und innerhalb einer Woche konnte ich alles auswendig, und ich sang das Lied vom Weintrinker und von den Wölfen im Mai." Und natürlich das "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern", durch das Degenhardt berühmt geworden war - "die Schmuddelkinder, das waren ja wir," erklärt Rebers.

Fünfzig Jahre später fand es Rebers an der Zeit, "sich dieser Zeit wieder anzunehmen. Bevor es zu spät ist." Zusammen mit den Gitarristen André Matov und Samuel Halscheidt, beide herausragende, vom Jazz kommende Allrounder, die schon mit diversen Projekten von Rock über Film- und Theaterprojekte hervorgetreten sind, stellte er einen Degenhardt-Abend für die Berliner "Bar jeder Vernunft" zusammen. Kurz vor dem ersten Lockdown, Anfang März 2020, fand noch vor Publikum die Premiere statt. Zum Glück schnitt man die ersten und dann bislang letzten Vorstellungen mit, und so darf man nun das Doppelalbum "Rumpelkinder - Schmuddelstilzchen" in Händen halten, eine grandiose und wichtige Wiedererweckung von "Väterchen Franz".

Wichtig auch deshalb, weil Degenhardt abseits einer in die Jahren gekommenen 68er-Fangemeinde und anders als alle vergleichbar wichtigen Liedermacher praktisch nicht mehr präsent ist. Vielleicht, weil sein sprachlich spitzer, folkloristischer Vortragsstil nicht mehr ganz zeitgemäß wirkt. Vor allem aber, weil er als RAF-Verteidiger und DKP-Mitglied jahrzehntelang bei Rundfunk und Fernsehen auf dem Index stand und dort bis heute kaum gespielt oder gezeigt wird. Nicht einmal auf Youtube, wo sonst alles landet, findet man mehr als drei, vier seiner Chansons.

Hier kann man nun einen gehaltvollen Radikaloppositionellen wiederentdecken, dessen Attacken teils leider aktueller denn je sind. Und das mit besonderem Genuss, weil es gitarristisch - mit Verlaub - eine Klasse besser ist als das Original, und weil Rebers sich als idealer, weil ebenso respektvoller wie moderner Interpret erweist. Bringt man das mit Rebers eigenen Œuvre zusammen, merkt man erst, wie ähnlich der Humor und der Widerspruchssinn der beiden sind. Vielleicht ist Rebers sogar der einzige echte Nachfolger von Franz Josef Degenhardt.

Rumpelkinder - Schmuddelstilzchen. Ein Franz Josef Degenhardt Abend mit Andreas Rebers, WortArt, www.wortart.de

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB