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Hörenswert:Forschungsreisende

Das Trio Fuchs, Schlichtig und Babel mit "Ascolta"

Von Jürgen Moises

Das Improvisieren, das nicht Vorhergedachte, das gehört in Pandemiezeiten zum Alltag. Wie man das macht und damit umgeht, das ist für vermutlich viele etwas Neues, weil sie feste Regeln und Strukturen gewohnt waren. Für Paul Fuchs, Zoro Babel und Hariolf Schlichtig gilt das nicht, zumindest nicht auf dem Gebiet, das seit vielen Jahren ihr Leben ausmacht: der Musik. Dort haben alle drei schon längst den "klassischen" Pfad verlassen, getrieben von einem fortwährenden Forschergeist, der sie in jeweils unterschiedliche Richtungen geführt hat. Bei Paul Fuchs waren es die Bildhauerei und die Klangkunst, bei seinem Sohn, dem Perkussionisten Zoro Babel, war es vorwiegend die Theatermusik und Hariolf Schlichtig führte es zur Professur für Viola an der Musikhochschule München, verbunden mit weltweiten Auftritten als Solist und Kammermusiker.

Auf der vor wenigen Wochen beim Münchner Label Echokammer erschienenen CD "Ascolta" finden die drei Grenzgänger zusammen. Nicht das erste Mal. Hat Zoro Babel doch schon als Kind seine Eltern Paul und Limpe Fuchs begleitet, als diese 1971 als "Anima Musica" auf einem Traktor mit experimenteller Klangkunst durch Europa zogen. Und Hariolf Schlichtig hat mit Paul Fuchs ebenfalls schon mehrere Auftritte und Alben gemacht. Nun also "Ascolta", ein Album mit zehn improvisierten Instrumentalstücken, die vom Mut der Offenheit geprägt sind und das Gleiche auch vom Hörer fordern. "Ascolta", das heißt: "Hör mal zu." Eine Aufforderung, die, darf man annehmen, sich ans Publikum richtet und gleichzeitig den Schlüssel für eine gelungene Improvisation beschreibt. Denn dafür braucht es waches Zuhören, den dialogischen, aktiven Austausch, das mal behutsame, mal rasche Reagieren.

Paul Fuchs nutzt dafür seine selbstgebauten Fuchshörner und Klangmaschinen, eine Ballastseite und Holzhand, Hariolf Schlichtig seine Bratsche und Zoro Babel Perkussion, einen Holzblockwagen, Samples und Synthesizer. Hineingeführt wird man in das Album durch ein metronomisches Klöppeln, das im Eröffnungsstück "Lascito" ein bisschen wie ein Specht klingt. Die Antwort ist ein tiefes Brummen aus dem Fuchshorn, gefolgt von schnellen Bratschenläufen. In "Nascita" erklingen Becken und Metallrohre, die Viola flimmert. Bald hört man einen Synthesizer quengeln, der an die Störgeräusche eines Mittelwellensenders erinnert. In "La Sonnambula" klappern die Rohre, in "Bombo selvaggio" plappern Horn und Viola wild durcheinander, und "Torso" ist ein perkussiver Klangritt durch verspulte Elektronikwelten.

Auch im abschließenden "Terzetto" quengelt, knarzt und flimmert die Elektronik, Viola und Horn führen einen heftigen Dialog, der letzte Ton gehört dann der flirrenden Viola. Danach folgt Applaus, weil das Stück bei einer Galerie-Eröffnung improvisiert und eingespielt wurde. Natur und Alltagsgeräusche, menschliche Stimmen, Fauna, Flora, die Welt der Technik oder das Weltall. Assoziationen gibt es viele, die sich beim Hören des Albums einstellen. Manches klingt rau, wild, vieles poetisch, aber auch der Humor kommt nicht zu kurz. Das Ergebnis ist eine vielstimmige, spannende und immer wieder überraschende Klangreise. Eine Fahrt ins Offene, die sich lohnt.

Paul Fuchs, Hariolf Schlichtig, Zoro Babel: Ascolta, Echokammer, erhältlich über www.echokammer.de

© SZ vom 20.01.2021
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