Hochschule 77 Prozent sind für die City-Maut

Eine Umfrage im Plenum zeigt: Die Maut hat Befürworter.

(Foto: Lena Isabel Schmidbauer)

In einem Planspiel analysieren Studenten die Vor- und Nachteile einer Verkehrsabgabe - mit klarem Ergebnis

Von Andreas Schubert

London tut es, Mailand auch, ebenso Oslo, Stockholm, Singapur und einige andere Städte auf der Welt: Sie kassieren eine Gebühr von Autofahrern, die ins Zentrum wollen. Hierzulande wird die City-Maut zwar oft diskutiert, aber die Politik kann sich bisher nicht damit anfreunden. Auch in der Stadt München, die zunehmend mit Verkehrsproblemen zu kämpfen hat, ist die Maut ein umstrittenes Thema. Insofern eignete es sich ganz gut für das "Planspiel Zukunft" der Hochschule München (HM), bei dem sich Studierende verschiedener Fächer ein Semester lang intensiv mit einer Materie befassen und dabei die Rollen von Gegnern und Befürwortern übernehmen. Am Mittwoch haben sich die Teilnehmer ihre abschließende Debatte geliefert.

Worum es bei Planspielen geht: Sie sind eine besondere Form des Lernens und Lehrens. Sie machen abstrakte und komplexe Sachverhalte erfahrbar und nachvollziehbar, indem Entscheidungsprozesse nachgespielt werden. Der Vorteil solcher Simulationen: Bei den Teilnehmern bleiben mehr Inhalte hängen. Das "Planspiel Zukunft" geht dabei noch einen Schritt weiter. Die Teilnehmer spielen die Rollen nicht nur nach, sondern spielen sie dann auch noch einem ausgewählten Publikum vor, das zum Teil aus echten Fachleuten besteht. Dieses Jahr repräsentierten die Studierenden auf der Befürworterseite unter anderem Vertreter von Bahn, MVV, der Umweltorganisation Green City, dem Fahrradklub ADFC und das Münchner Stadtoberhaupt in Gestalt einer Oberbürgermeisterin. Dass der echte OB Dieter Reiter als Sozialdemokrat kein Freund der City-Maut ist, spielte bei der Debatte keine Rolle. Eher neutral war dagegen die Rolle des Münchner Landrats, der nicht partout gegen eine Maut war, sondern vorher die Schaffung von Alternativen zum Auto ausbauen will. Die Gegner kamen aus der CSU, dem bayerischen Verkehrsministerium, der Wirtschaft, der Autolobby und der Gastronomie. Und die Diskussion zeigte, dass sich die Studierenden intensiv mit allen Vor- und Nachteilen der City-Maut auseinandergesetzt haben und dass die Argumentation oftmals eine Frage der Sichtweise ist.

Für die Gegner etwa ist eine City-Maut unsozial, weil sich wohlhabende Autofahrer die Extrakosten leisten können, ärmere aber stark belastet würden, weil sie die Mobilitätsfreiheit einschränkt, weil sie der Wirtschaft in der Innenstadt schadet, indem sie den Verkehr woandershin verlagert. Lieber solle man den ÖPNV stärken und so Anreize schaffen, aufs Auto zu verzichten. Letzterem Argument stimmen auch die Befürworter zu: Eine Sonderabgabe von Autofahrern könne dazu beitragen, den Nahverkehr auszubauen.

Auch wenn in Bayern die gesetzlichen Grundlagen für eine City-Maut noch fehlen: Erst vor Kurzem hat eine Studie der Bundeswehruniversität Neubiberg aufgezeigt, wie sie funktionieren könnte. Bis zu 370 Millionen Euro könnte eine feste Abgabe, wie sie etwa in London erhoben wird, in die städtischen Kassen spülen. Weil dieses Modell hierzulande aber Akzeptanzprobleme hätte, favorisierten die Verkehrsforscher der Uni eine gestaffelte Maut, die sich nach dem Verkehrsaufkommen richten könnte. Je mehr auf den Straßen los ist, desto teurer könnte die Abgabe werden. Diesen Gedanken hatten die Planspieler auch verfolgt, allerdings mit dem Gegenargument, dass sich der Verkehr dann nur zeitlich verlagern, aber insgesamt nicht zurückgehen würde. Eine andere Idee aus der Runde war, eine mögliche Maut danach zu berechnen, wie viele Menschen in einem Auto mitfahren, analog zu den "High-occupancy vehicle lanes" in den USA - das sind Fahrspuren, die nur Autos befahren dürfen, die mindestens mit zwei Personen besetzt sind.

Das Publikum der Debatte jedenfalls schlug sich auf die Seite der Befürworter einer City-Maut. Vor dem Austausch der Argumente votierten 83 Prozent dafür, danach immerhin noch 77 Prozent. 80 Prozent sprachen sich sogar für eine Maut innerhalb des Mittleren Rings aus, nicht nur im engeren Stadtzentrum. Georg Dunkel, Leiter der Verkehrsplanung der Stadt, meinte nach der Debatte, über eine City-Maut ließe sich schon nachdenken. Die alleinige Lösung für die Münchner Verkehrsprobleme sei sie aber nicht.