Hexenschuss-Notruf in München:Wenn's im Rücken heftig sticht

Hexenschuss-Notruf in München: Als er vor einigen Jahren selbst einen Hexenschuss hat, kommt Bernhard Schwarz auf die Idee, einen Notruf aufzubauen.

Als er vor einigen Jahren selbst einen Hexenschuss hat, kommt Bernhard Schwarz auf die Idee, einen Notruf aufzubauen.

(Foto: Florian Peljak)

Bernhard Schwarz, ausgebildeter Rettungssanitäter, Heilpraktiker und Personal Trainer, betreibt einen Hexenschuss-Notruf. Dass Orthopäden Vorbehalte gegen sein Geschäftsmodell haben, ficht ihn nicht an.

Von Melanie Strobl

Ein Ereignis an einem Sonntagmorgen im Jahr 2017 hat Bernhard Schwarz auf die Idee zu seinem außergewöhnlichen Geschäft gebracht. Er wollte den Wäschekorb hochheben - und spürte einen stechenden Schmerz im unteren Rücken: Hexenschuss. Schwarz wollte die verspannte Rückenmuskulatur mit Dehnübungen lockern - doch in dem Moment musste er niesen, und sein Rückenschmerz wurde noch schlimmer. "Danach konnte ich fast nicht mehr atmen ohne Schmerzen", erinnert er sich.

Schwarz sagt, er habe sich an diesem Tag gefragt, warum es in Deutschland keine Therapeuten gibt, die vor allem zu jenen Tageszeiten Hausbesuche machen, an denen man kaum einen Orthopäden oder Physiotherapeuten erreicht. Zum Beispiel an einem Freitagnachmittag. Oder am Wochenende. An den ärztlichen Bereitschaftsdienst habe er damals nicht gedacht. Und so kam es, dass er 2018 den "Hexenschuss-Notruf" gründete. Eine Art Soforthilfe für Menschen, die einen Hexenschuss erleiden.

Vier Jahre später, an einem Donnerstagmorgen in München. Die Sonne scheint, als Bernhard Schwarz mit seinem Auto in eine Seitenstraße in Haidhausen einbiegt. Schon von Weitem blitzt einem das neongelbe Logo mit dem Schriftzug "Hexenschuss-Notruf" an der Seitentür seines Autos entgegen. Dazu im Partnerlook: Schwarz in einer neongelben Hose. Wenn es draußen kalt ist, hat er auch noch eine farblich passende Jacke. Der 33-Jährige fällt mit seinem Outfit auf. Er selbst bezeichnet sich als schüchtern - nur in seinem Job sei es anders. Was ihm dabei helfe, sei die Uniform. Schon immer wollte er eine eigene tragen, erzählt Schwarz: "Das fühlt sich für mich an wie eine Ritterrüstung, deswegen bin ich in diesen Momenten auch so selbstbewusst."

Ein Hexenschuss kommt bei Erwachsenen sehr häufig vor

Nach Angaben der Barmer Krankenkasse erleiden etwa 80 Prozent aller Erwachsenen in ihrem Leben mindestens einmal einen Hexenschuss. In der Medizin heißt der Begriff Lumbago - der Mediziner Tobias Vogel aus München versteht darunter einen plötzlich einsetzenden Rückenschmerz mit teilweise mittel- bis sehr starken Schmerzen. Vogel ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie und sagt, dass in solchen Situationen immer von jemanden, der sich in dem Bereich auskennt, festgestellt werden müsse: "Haben wir es mit einem harmlosen Hexenschuss zu tun oder haben wir es mit einer für den Patienten gefährlichen Wirbelsäulen-Problematik zu tun?" Hinter einem vermuteten Hexenschuss kann nämlich auch ein Bandscheibenvorfall stecken. Die Standardtherapie bei einem harmlosen Hexenschuss, bei dem der Schmerz meist auf ein muskuläres Problem zurückzuführen ist, sei "moderate Bewegung, lokale Wärmeanwendung, die Einnahme von Ibuprofen oder Voltaren sowie die Verordnung von Physiotherapie", so Vogel. Nur das habe einen nachgewiesenen Nutzen.

Schmerzmittel gibt es beim Hexenschuss-Notruf keine. Nicht nur, weil Schwarz sie nicht verabreichen darf, sondern auch, weil diese seiner Meinung nach nicht die Ursache des Hexenschusses beheben: die muskuläre Dysbalance. "Ich kann die Muskulatur bearbeiten, aber ich kann keine Bandscheibe heilen", sagt Schwarz mit ruhiger, tiefer Stimme, während er mit seinem Auto durch München fährt. Bei einem Hexenschuss behandle er seine Patientinnen und Patienten mittels Akupressur oder manueller Therapie: "weil ich im Endeffekt mit meinen Händen am Muskel und an den Faszien arbeite; sei es am Oberschenkel oder am Po oder am Nacken".

Wenn jemand den Hexenschuss-Notruf wählt, kläre Schwarz vorher immer zwei Dinge ab, sagt er: "ob Atemnot besteht oder Brustschmerz". Sei das der Fall, verweise er auf den Rettungsdienst. Eine Ursache bei solchen Symptomen könnte nämlich auch ein Herzinfarkt sein, sagt Schwarz. Wenn die Fragen verneint werden, versucht er noch zu klären, ob es mögliche Vorerkrankungen gibt. Dann mache er eine genaue Anamnese, frage nach den Lebensumständen, manchmal auch nach dem Beruf oder den Hobbys der Patientin oder des Patienten, wenn es für die Diagnose wichtig sei. Hat Schwarz nach dem Gespräch den Eindruck, er könne dem Patienten helfen, gehe er in die Untersuchung und Behandlung.

In der Regel dauert ein Einsatz zweieinhalb Stunden

Bisher hat Schwarz mit seinem Hexenschuss-Notruf nach eigenen Angaben schon mehr als 800 Patientinnen und Patienten behandelt. Gesetzlich Versicherte müssen den Einsatz selbst bezahlen. In der Regel dauere er zweieinhalb Stunden, sagt Schwarz. Der Preis liegt je nach Länge des Anfahrtsweges und für die Behandlung bei etwa 240 Euro.

Dass Schwarz mal mit Patientinnen und Patienten arbeiten würde, hätte er früher nie gedacht. "Ich wollte eigentlich immer Kaufmann werden und eine eigene Firma haben", erzählt er. Deshalb hat er nach der Schule erst einmal eine kaufmännische Ausbildung gemacht. Doch weil ihn schon als 17-Jährigen Rückenschmerzen plagten, habe er früh damit begonnen, im Fitnessstudio zu trainieren. Bis heute ist er fast täglich dort. Dass er seinen Körper trainiert, erkennt man an den Muskeln, die sich unter seinem T-Shirt abzeichnen. Er ließ sich zum Fitnesstrainer ausbilden und macht seit Jahren so viele Fortbildungen wie möglich in diesem Bereich: Unter anderem ist er auch Trainer für präventives Rückentraining, hat Zertifikate für Taping sowie Sport- und Regenerationsmassage.

Als Personal Trainer feierte Schwarz vor zehn Jahren seine ersten Erfolge: "Die Leute waren schmerzfreier durch meine Unterstützung. Dadurch habe ich gemerkt: Hey, irgendwie habe ich da Stärken." Ein paar Jahre später absolvierte Schwarz eine dreimonatige Ausbildung zum Rettungssanitäter. Diesem Job geht er auch heute noch etwa einmal in der Woche in München nach. Für ihn sei diese Tätigkeit besonders wichtig, um auch bei seinen Hexenschuss-Patienten und -Patientinnen lebensbedrohliche Ursachen ausschließen zu können.

Wie qualifiziert ist Herr Schwarz, fragt sich der Berufsverband für Orthopädie

Die Befähigung, seinen Hexenschuss-Notruf auszuüben, hat Bernhard Schwarz aber erst durch seine Ausbildung zum Heilpraktiker erhalten. Denn sie bildet den rechtlichen Rahmen für das Geschäftskonzept. Und genau hier sehen Medizinerinnen und Mediziner den Hexenschuss-Notruf kritisch. So auch der Orthopäde Vogel. Heilpraktikern ist es nämlich in Deutschland gestattet, auch ohne ärztliche Erlaubnis in einem gewissen Rahmen tätig zu werden und zu behandeln. Im Gegensatz zum Medizinstudium oder der Physiotherapieausbildung gibt es für Heilpraktiker aber keine standardisierte Ausbildung. Vogel ist Landesvorsitzender in Bayern beim Berufsverband für Orthopädie und Unfallchirurgie und sagt, dass innerhalb des Verbandes über Schwarz diskutiert worden sei, "weil wir natürlich in keiner Art und Weise einschätzen können, ob Herr Schwarz qualifiziert ist, diese Unterscheidung in den gefährlichen plötzlichen Rückenschmerz und den ungefährlichen plötzlichen Rückenschmerz adäquat und richtig zu machen".

Die Kritik der Ärzte überrascht den Gründer des Hexenschuss-Notrufs wenig. Er weiß, dass der Beruf und die Qualifikation des Heilpraktikers nicht immer gut ankommt. Schwarz maßt sich nicht an zu behaupten, seine Behandlung sei besser als die eines Arztes oder Physiotherapeuten. Sein Vorteil seien vor allem bessere Gegebenheiten, meint er. "Ich bin auf dieses Thema spezialisiert und an keine Krankenkasse gebunden, die vorgibt, du hast nur 20 Minuten Behandlungszeit." Generell bekomme er viel Zuspruch für sein Konzept, sagt er. Und auch wenn einige dem Hexenschuss-Notruf kritisch gegenüberstehen - ihm sei das relativ egal: "weil ich das für meine Patienten mache und nicht für den Arzt".

Lobende Worte bekommt Schwarz von Kollegen aus dem Rettungsdienst. Der Medizinstudent Florian Reiß ist schon öfter gemeinsam mit Schwarz im Rettungsdienst gefahren und sagt: "Er kennt sich ziemlich gut aus auf seinem Gebiet" - das überrasche ihn immer wieder. Einmal habe er Schwarz bei einem Fall sogar dazugerufen, obwohl sie keine gemeinsame Schicht im Rettungsdienst hatten. Der Patient habe nicht in die Klinik gemusst, erzählt Reiß, sondern sei von Schwarz zu Hause behandelt worden.

Auch ein Kollege von der Berufsfeuerwehr, der aktuell in der Integrierten Leitstelle (ILS) in München arbeitet, schätzt Schwarz und seine Arbeit. Rettungsdienste und Kliniken seien aktuell sehr ausgelastet, erzählt er. Deswegen seien Hexenschuss-Fälle am besten zu Hause zu lösen. Bei eingehenden Notrufen in der ILS, die eher nach einem ungefährlichen Hexenschuss klingen, weist er die Anruferin oder den Anrufer auch darauf hin, dass sie sich im Internet über anderweitige Hilfe informieren können. "Da erscheint der Herr Schwarz oft ganz oben bei den Suchergebnissen", erzählt der Feuerwehrmann.

Wie viele Hexenschuss-Notrufe Bernhard Schwarz an einem Tag bekommt, kann er nie vorhersagen. Manchmal habe er mehrere Anrufe täglich, dann wieder eine Woche lang keinen einzigen. In den nächsten Jahren möchte er seinen Hexenschuss-Notruf noch weiter ausbauen. Dafür sucht er nach Therapeuten, die einen Hexenschuss-Notruf nach seinem Konzept auch in anderen deutschen Städten anbieten. Keine leichte Aufgabe, weiß Schwarz. Denn die potenziellen Mitarbeitenden müssten unter anderem bereit sein, am Wochenende zu arbeiten. Für Schwarz ist die Spontanität, die sein Job abverlangt, nie ein Problem gewesen.

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