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Hertzkammer:Schlimme Worte

Was es heißt, wenn ein Label anstößige Inhalte verspricht

Von Martin Pfnür

Die Warnung fällt direkt ins Auge. "Parental Advisory" steht da auf dem einschlägig bekannten schwarz-weißen Banner, das normalerweise auf anstößige und somit für Minderjährige ungeeignete textliche Inhalte jedweder Art aufmerksam macht. Nur wird im Fall des seit kurzem auf Bandcamp abrufbaren Albums "Tabula Rasa" der Mailänder Produzentin Mariachiara Troianiello eben nicht vor "Explicit Content" sondern vor "Explicit Ilian Tape Vibes" gewarnt.

Nun ist mit dem längst auch auf T-Shirts und Kaffeetassen kultgewordenen Banner, das als Aufkleber nicht nur Gangsta-Rap-Platten, sondern etwa auch Alben von Prince, Madonna oder Black Sabbath ziert, schon so mancher semilustige Schabernack getrieben worden. Gewitzt ist die Warnung im Hinblick auf die "Explicit Ilian Tape Vibes" trotzdem, da sich das englische Adjektiv "explicit" hier weniger mit "anstößig" als vielmehr mit "eindeutig" übersetzen lässt. Denn eindeutig, oder besser: charakteristisch ist der raue Sound, den die Münchner Brüder Mario und Dario Zenker seit 2007 auf ihrem Label "Ilian Tape" versammeln, ganz unbedingt. Bereits von Anfang an war da diese Lust am beschleunigten Breakbeat, der bei ihnen Fixpunkt eines wunderbar offenen und von aktuellen Trends unabhängigen Klanguniversums ist. Techno und Ambient, Drum'n'Bass und Electro, Dubstep und Garage - alles kann, nichts muss.

War der Kreis der auf "Ilian Tape" Veröffentlichenden anfangs noch ein recht überschaubarer, so hat sich dieser auch durch die internationale Strahlkraft von ebenso hochgelobten wie innovativen Acts wie Bryan Müller aka Skee Mask peu à peu erweitert. Mit der Mailänder Produzentin und Sounddesignerin Mariachiara Troianiello, die unter ihrem jüngsten Alias Katatonic Silentio auf "Ilian Tape" reüssiert, stößt nach den beiden Turiner Debütanten Stenny und Andrea nun abermals eine Künstlerin aus Italien hinzu. Auch sie macht auf "Tabula Rasa" reinen Tisch mit stilistischen Fixierungen, kontrastiert noisige Plastizität mit sphärischer Weite - und lässt ihre Beats dabei derart raumgreifend pumpen und knarzen, dass die elterliche Warnung vor diesen paradetypisch verspulten Ilian-Tape-Vibes nur allzu gerechtfertigt erscheint.

Tabula Rasa unter iliantape.bandcamp.com/album/it047-katatonic-silentio-tabula-rasa

© SZ vom 15.04.2021
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