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Haus der Kunst:"Wir sind sexy, weil wir langsam sind"

SZ: Statt eine Boutique zu führen.

Chris Dercon: Ja, das ist Boutique-Kunst wie in Boutique-Hotels, und die muss ich nicht zeigen. Ich muss auch nicht ans Telefon gehen, wenn mich ein Berater anruft und mir anbietet, eine ganze Ausstellung einschließlich Katalog und Preview zu bezahlen. Weil die Kunstwerke im Wert nach unten gehen, wird es für uns wieder möglich, Ausstellungen mit teuren Exponaten zu machen. Ich kriege im Moment sehr interessante Angebote, aber ich lasse sie alle warten: Let them bleed!

SZ: Auch die Avantgarde entstand im Widerstand gegen das Bürgertum!

Chris Dercon: Aber ich bitte Sie, das war im 19. Jahrhundert! Heute bewegt sich doch alles, nur die Avantgarde nicht. Dabei braucht die Bourgeoisie die Avantgarde dringend, sie kreiert die Avantgarde ja sogar - um selber Bourgeoisie bleiben zu können.

SZ: Und die Kunst ist willig.

Chris Dercon: Irgendjemand muss Kunst finanzieren, damit sie entstehen kann. Ohne Aufmerksamkeit zu Lebzeiten bleibt nur das Comeback. Das Ohr von van Gogh gibt es nicht mehr. Die Moderne, die Concept Art zum Beispiel, die gäbe es so radikal nicht, wenn nicht Leute bereit gewesen wären, viel Geld in Lawrence Weiner oder Joseph Kosuth zu investieren. Eine ganz neue Situation ist entstanden: Bourgeoisie und Künstler kreieren die Kunst zusammen, sodass alle finanzielles, soziales und kulturelles Kapital ansammeln können. Da hat sich ein Dreieck gebildet, in dem die Grenzen nicht mehr klar sind.

SZ: Aber man kann sagen, wo der Ausgangspunkt liegt: bei der Kunst. Ohne die Kunst, ohne den Künstler geht es nicht.

Chris Dercon: Die Kunst schafft längst ihre eigene Ökonomie. Heute kann ich sagen: Ich bin 18, ich bin Künstler, das ist mein Job, und ich möchte mir ein zweites Haus kaufen.

SZ: Mit achtzehn?

Chris Dercon: Natürlich, und wenn man mit 23 keinen Kunsthändler hat oder wenn man seine Preise zu niedrig ansetzt, wird es schwierig. Mit 27 oder 28 Jahren hat man keine Chance mehr auf eine Karriere, Genie hin oder her. Man muss früh einsteigen, weil man nur sieben bis zehn Jahre die Chance hat, in diesem Dreieck mitzuspielen.

SZ: Das heißt, die Karriere eines Künstlers ist zeitlich so beschränkt wie die eines Models oder eines Tennisspielers.

Chris Dercon: So ist es. Vielleicht ändert sich das wieder. In der Kunst gibt es die Möglichkeit eines Comebacks, und davon leben wir. Wir glauben an den Lazarus-Effekt. Die Auferstehung eines Totgeglaubten.

SZ: Johannes Vermeer ist ein Beispiel.

Chris Dercon: Ich war Direktor vom Museum Boijmans van Beuningen in Rotterdam. Einer meiner Vorgänger hat sich 1848 geweigert, den Vermeer, der ihm angeboten wurde, zu kaufen. Für den war der Vermeer ein schlechter Maler. Das Bild hat dann der Louvre gekauft, kurz vor der Wiederauferstehung Vermeers. Unsere Ausstellung "Made in Munich", die jetzt beginnt, ist auch so eine Lazarus-Geschichte: lauter Sachen, die es gab und von denen niemand mehr wusste! Plötzlich sind alle wieder an Sachen von Arnulf Rainer und Dieter Roth aus den sechziger Jahren interessiert. Kennen Sie Jack Smith?

SZ: Den New Yorker Experimentalfilmer?

Chris Dercon: Wissen Sie, dass der versucht hat, mich zu vergiften?

SZ: Traditionell mit Absinth oder richtig?

Chris Dercon: Ich lebte damals in New York und hörte von ihm. Meine Chefin im P.S. 1 Institute of Contemporary Art sagte: "Wir haben nicht viel Geld, aber rede mal mit ihm!" Jack lebte in der Bowery unten in Manhattan. Er hielt sich für einen Wiedergänger von Lawrence von Arabien und lief in einem weißen Gewand herum; auch das Studio war wie eine arabische Zeltburg. Ich schlug ihm also eine Ausstellung vor. "Ich habe nie Geld gehabt", sagte er, "das kostet 100 000 Dollar." So viel Geld hatten wir nicht. Wir haben uns trotzdem angefreundet. Er hat dann für mich ein food art buffet gemacht, und nach einer halben Stunde ist mir furchtbar schlecht geworden - sodass ich weggerannt bin. Jack Smith ist 1989 gestorben. Barbara Gladstone hat gerade das gesamte Archiv von Jack Smith gekauft.

SZ: Es dürfte heute aber eher schwer für einen Künstler sein, nicht entdeckt zu werden. Dass Kunst schmückt, weiß der Investor doch auch, ohne Pierre Bourdieu gelesen zu haben.

Chris Dercon: Kunst ist auch eine Kapitalanlage, das dürfen Sie nicht vergessen.

SZ: Und ohne Kapital gäbe es die Leipziger Schule nicht.

Chris Dercon: Das Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt auch in der Kunst. Wenn Sie heute Künstler im Atelier besuchen und nach Neuem fragen, hören Sie: "Ich habe nichts, ich habe ja keine Ausstellung."

SZ: Heißt das, die malen nur noch, wenn sie gleich ausgestellt werden?

Chris Dercon: Für immer mehr Künstler gilt: Wenn ich keine Möglichkeit habe auszustellen, mache ich nicht weiter. Kunst ist halt eine kommerzielle Angelegenheit.

SZ: Man muss also das Angebot kleinhalten, damit die Preise oben bleiben. Wenn Picasso den richtigen Agenten gehabt hätte, hätte der gesagt: "Du musst von der Blauen in die Rote Periode wechseln!"?

Chris Dercon: Picasso hatte verschiedene Agenten.

SZ: Aber Kahnweiler hat ihm nicht gesagt: "Junge, du musst jetzt anders malen, schau dir mal den Braque an, von dem kannst du was lernen!"

Chris Dercon: Symbol- und Marktwert gehen aber seit der Gründung der Avantgarde Hand in Hand. Heute herrscht totale Professionalisierung, Künstler ist heute ein Beruf wie jeder andere. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich verurteile das nicht.

SZ: Wer soll das alles kaufen?

Chris Dercon: Es gibt nie zu viele Künstler. Außerdem gibt es neben sozialem, künstlerischem und ökonomischem Kapital noch etwas anderes: den Enthusiasmus.

SZ: Bei Sammlern oder Künstlern?

Chris Dercon: Bei beiden. Enthusiasmus ist ein postmarxistischer Begriff. Sammler sind alle Postmarxisten. Sie sind enthusiastisch, suchen das Risiko, haben keine Angst vor dem Hässlichen - dem Fetisch. Wie glücklich wäre Walter Benjamin, wenn er heute lebte! Im postmarxistischen, benjaminischen Zeitalter! Alles ist Fetisch. Und an der Basis der Kunst liegen Traumata.