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Hasenbergl:Werte auf der Waage

Die Kinder der Eduard-Spranger-Grundschule lernen Leitbilder kennen und üben Umgangsformen ein. Das Integrationsprojekt wird spielerisch in Workshops vermittelt. Zu Hause können die Eltern das Gelernte vertiefen

Als der Pausengong das Ende der Pause ankündigt, stürmen die Grundschüler der Eduard-Spranger-Schule zurück in ihre Klassenzimmer - doch einige steuern stattdessen die blauen Zelte an, die in der Mitte des Hofs aufgebaut sind. Sie gehören zum Projekt "Werte-Raum". Das interaktive Integrationsprogramm, als Beitrag zur Integration entstanden im Zuge der stark angestiegenen Zahl an Flüchtlingen im Jahr 2015/2016, versucht, Kindern mit und ohne Migrationshintergrund bayerische Werte spielerisch zu vermitteln.

Wolfgang Berchtold, Geschäftsführer der betreuenden PR-Agentur, erzählt, man habe zunächst analysiert, welche Werte für die Kinder relevant seien. Herausgekommen sind dabei Dinge wie Gleichberechtigung erfahren, Feste gemeinsam feiern, Berufe erforschen und Umgangsformen erleben. Diese Werte würde man zwar nicht unbedingt nur dem Freistaat Bayern zuordnen, sind sie doch eher Basis der abendländischen Kultur insgesamt. Und auch wenn diese Formulierungen für die Kinder zunächst sehr abstrakt klingen, werden sie durch das Medium Spiel greifbar und verständlich. Und darüber erreiche man alle Kinder, sagt Bettina Simon, die Projektleiterin der Agentur. Der Schauspieler Martin Gruber, der das Projekt mit seiner gleichnamigen Stiftung unterstützt, verdeutlicht: "Wir versuchen, den Kindern Ideen näherzubringen, die sie aufsaugen können wie Schwämme."

2017 startete das Projekt "Werte-Raum" an zwölf Grundschulen in Bayern, darunter auch an der Eduard-Spranger-Schule.

(Foto: Robert Haas)

2017 ist das Projekt, gefördert durch das bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration, an zwölf Grundschulen in Bayern gestartet, darunter auch an der Eduard-Spranger-Schule. Nun kehrt das Projekt ins Hasenbergl zurück - an eine Schule mit einem Migrantenanteil von etwa 80 Prozent. "Wir machen es bewusst noch einmal hier, weil wir gemerkt haben, dass die Kinder tatsächlich davon profitiert haben", so Gruber. Das Projekt läuft über die gesamte Woche und ist vor allem für die Zweit-, Dritt- und Viertklässler konzipiert. Pro Tag absolvieren sie zwei Workshops à eineinhalb Stunden - kindgerechte Portionen also.

Und so sehen die Workshops aus: Im ersten Zelt spielen zwei Mädchen ihren Mitschülern Gefühle vor, die anderen müssen erraten, worum es sich handelt. Mit dem Wort "Geborgenheit" haben die Kinder zunächst Probleme. Auf die Darstellung einer Umarmung folgt der Zwischenruf "Ihr liebt euch!", woraufhin alle Kinder zu kichern anfangen. "Umarmen ist aber kein Gefühl", wirft die Leiterin des Workshops ein. Die Kinder sollten doch mal überlegen, bei wem sie sich wohlfühlten - und warum. Als nächstes folgt der "Wohlfühlkreis": Die Kinder sollen auf ihren Partner zugehen, und der soll anzeigen, wenn er seine Privatsphäre zu sehr verletzt sieht. Wie erwartet fallen die Abstände unterschiedlich aus - zwei Kinder, deren Nasen sich schon fast berühren, meinen dazu: "Wir kennen uns schon ganz lange", während zwei andere gut zwei Meter voneinander entfernt stehen - die Begründung: "Wir sind nicht gut befreundet."

Kinder an der Werte-Waage: An der Eduard-Spranger-Schule mit ihrem Migrantenanteil von 80 Prozent hat sich das Projekt bewährt, deshalb findet es noch einmal eine Woche lang statt.

(Foto: Robert Haas)

Im Zelt nebenan wird das Thema Gleichberechtigung behandelt, bildlich mit einer großen Waage dargestellt. Die Kinder sollen die Waage mit blauen Klötzen (für die Männer) auf der einen und roten Klötzen (für die Frauen) auf der anderen Seite ausgleichen. Alle Klötze zeigen die gleichen Bilder, den Mann oder die Frau bei alltäglichen Dingen wie Kochen oder Autofahren. Der Betreuer erklärt den Kindern: "Die Waage zeigt, dass Mann und Frau genau die gleichen Sachen machen dürfen." Und damit das Gelernte nicht sofort wieder vergessen wird, wird es in Büchern für zu Hause spielerisch aufbereitet. Die sind bewusst so konzipiert, dass sie gemeinsam mit den Eltern bearbeitet werden können. "Lernen funktioniert ja nur dann, indem man das, was man gelernt hat, niederschreibt und reflektiert", meint Wolfgang Berchtold.

Im Gespräch mit den drei Zweitklässlern Hai Long, Annabell und Imran wird klar, dass die Kinder großen Spaß am "Werte-Raum" haben. Als der siebenjährige Imran vom aktuellen Workshop erzählt, unterbricht ihn Hai Long. Da empört sich Imran: "Was haben wir gestern gelernt? Wir lassen den anderen ausreden. Das ist nicht nett." Vor allem das Vorspielen der Gefühle habe ihm Spaß gemacht, sagt Imran. Hai Long versetzt: "Ich fühle mich hier drinnen sehr gut, wir haben zusammen Sachen geschafft." Und außerdem hat der "Werte-Raum" einen weiteren Vorteil, wie Annabell anmerkt: Er bedeute nämlich "keine Hausaufgaben".