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Großeinsatz:Knopfdruck mit fatalen Folgen

Der Flughafen muss nach einer Sicherheitspanne mindestens 190 Flüge streichen, mehr als 25 000 Passagiere sind davon betroffen. Stundenlang sperrt und durchsucht die Polizei beide Terminals - nur weil ein junger Tourist durch eine falsche Tür geht

Adam Schilling steht neben der Glastür zum Terminal 2 am Münchner Flughafen. Er müsste da jetzt eigentlich durch, drei Wochen in San Francisco sind theoretisch nur noch einen Check-in und elf Flugstunden entfernt. Aber in der Tür hat sich ein Polizist aufgebaut und erklärt Schilling und den anderen Reisewilligen, dass hier erst einmal nichts geht: "Polizeioperation". Es ist Dienstagvormittag, kurz nach zehn Uhr. Schilling packt seinen Rucksack auf den größeren seiner beiden Koffer und verschränkt die Arme. Gestrandete Reisende geben ja immer ein ziemlich trauriges Bild ab. Aber Schilling sagt: "Ich bin tiefenentspannt. Das bewegt sich komplett außerhalb der eigenen Machtsphäre."

Wohl wahr, da kann er nichts tun. Das Terminal 2 ist mehr als drei Stunden lang gesperrt, dazu Teile des Terminals 1. Sie werden von der Polizei durchsucht. Tausende Passagiere müssen warten, am Ende werden mindestens 190 Flüge gestrichen, viele verspäten sich. Und das alles wegen eines kleinen Zwischenfalls, wegen eines kurzen Irrwegs, der große Auswirkungen hat, weil er sich im Sicherheitsbereich des Flughafens abspielt. Dort gehen die Behörden keine Kompromisse ein.

Ausgelöst hat das alles ein junger Spanier, wie die Bundespolizei mitteilt. Er war in der Früh aus Bangkok gelandet und wollte weiter nach Madrid fliegen. Da die Kontrollen in Thailand nicht die Sicherheitsstandards der EU erfüllen, kommen Passagiere von dort in einem speziellen Bereich des Terminals 2 an. Sie müssen dann noch einmal durch eine Kontrolle, um in den Sicherheitsbereich gelangen zu können. Auf dem Weg dorthin ging der Spanier durch einen Notausgang, der sich per Knopfdruck öffnen lässt - ein Weg mit fatalen Folgen. Gegen 7.30 Uhr gelangte er so unkontrolliert in den Sicherheitsbereich. Das wurde der Polizei gemeldet, die die betroffene Ebene 5 des Terminals 2 sperren und dann auch räumen ließ, um nach verdächtigen Gegenständen zu suchen - wobei sie aber nichts entdeckte. Den Spanier machte sie "relativ schnell" ausfindig, wie ein Sprecher sagte. Gegen ihn wird nun wegen des Missbrauchs von Notrufanlagen und eines möglichen Verstoßes gegen das Luftfahrtgesetz ermittelt. Der Mann habe angegeben, dass er "keine böse Absicht" gehabt habe, sagte der Sprecher. Das sei plausibel.

Ratlose Gesichter: Passagiere fühlten sich von der Bundespolizei und vom Flughafen schlecht informiert.

(Foto: Marco Einfeldt)

Trotzdem stoppte die Polizei die Sicherheitskontrollen und die Abfertigung im Terminal 2 bald komplett. Das gleiche galt für die Bereiche B und C des Terminals 1. Sie sind mit einem Shuttle-Bus direkt mit dem Terminal 2 verbunden, liegen also in einer Sicherheitszone. Auch wenn sich später herausstellte, dass der Spanier nicht dort war - theoretisch hätte er ohne weitere Kontrollen dorthin gelangen können. Alle Passagiere mussten deshalb den Sicherheitsbereich verlassen - auch wenn sie schon in einem der Flieger saßen, die an den Fingern standen. Als die Polizei den Bereich wieder freigab, mussten die Passagiere erneut durch die Sicherheitskontrolle.

Gegen 10.45 Uhr wurde der Betrieb im Terminal 1 wieder aufgenommen, knapp eine halbe Stunde später auch im Terminal 2. Zu der Zeit hat sich vor dem Eingang eine große Traube aus Menschen gebildet, die sich auf ihre Koffer stützen. Allgemeine Ratlosigkeit. Was vermutlich auch daran liegt, dass die Polizisten in den Türen die einzigen Informationsquellen sind. Der Beamte vor Schilling sagt: "Ich hoffe, ich weiß auch bald mehr." Keine Durchsage über Lautsprecher, keine Antworten auf die am häufigsten gestellte Frage: Was ist da los? Viele Passagiere rufen im Reisebüro oder bei den Fluglinien an, die Antworten sind offenbar beruhigend: Soll nicht so schlimm sein, versichert man sich gegenseitig. Geht bald weiter.

Gleichwohl sind die Auswirkungen groß: Bis elf Uhr werden laut Flughafen etwa 50 Verbindungen gestrichen, weitere 140 Flüge werden im Laufe des Tages mindestens noch dazukommen - hauptsächlich innerdeutsche und -europäische Flüge der Lufthansa, die mit Partner-Airlines das Terminal 2 nutzt. Mehr als 25 000 Passagiere sollen betroffen gewesen sein. Sie wurden laut Lufthansa, soweit möglich, auf andere Flieger umgebucht. Wer weder so noch mit der Bahn weiterkam, erhielt ein Hotelzimmer: Etwa 1000 habe man kurzfristig akquiriert, so die Lufthansa.

Die Flughafenfeuerwehr verteilte Wasser an die Wartenden.

(Foto: Marco Einfeldt)

Wie viele Flüge sich verspäteten, darüber gab es zunächst keine Informationen. Geplant waren am Dienstag ursprünglich etwa 1200 Starts und Landungen mit 120 000 Passagieren - es sind schließlich Sommerferien. Bei manchen Passagieren in der Traube vor dem Terminal 2 wurden üble Erinnerungen wach: an den ersten Samstag der Sommerferien im vergangenen Jahr. Damals ging eine Frau wegen eines Fehlers des Sicherheitspersonals unkontrolliert in den Abflugbereich, auch damals wurde das Terminal 2 über Stunden gesperrt, viele tausend Menschen strandeten am Flughafen in brütender Hitze, kamen teils erst am nächsten Tag weiter, wenn überhaupt. Der Flughafen hat Lehren aus diesem Chaos gezogen: Er ließ Wasser verteilen, die Klimaanlagen auf höchster Stufe laufen und von draußen keine weiteren Personen mehr in den öffentlichen Bereich des Terminals 2. Zu viele Leute dort erhöhen das Risiko von Unruhen, und hinter den Glasfassaden wird es bei Sonnenschein sehr schnell sehr heiß.

Warm wird es allmählich auch den Menschen vor dem Terminal, die noch immer nicht wissen, warum sie warten müssen, obwohl es im Netz doch heißt, der Betrieb laufe wieder. Es ist jetzt Mittag, die Sonne kriecht hinter dem Gebäude hervor. Wo vorher Schatten war, steht jetzt die Luft. "Langsam wird es zäh", sagt Adam Schilling und beugt den vom Herumstehen steifen Rücken. "Schon nervig, dass man überhaupt keine Informationen bekommt." Die wichtigste kommt um 12.37 Uhr: Die Tür ist frei, der Polizist tritt beiseite. Die Passagiere schieben sich und die Koffer ins Innere. Schilling schnappt sich sein Gepäck: "Es geht los." Gegen halb vier hebt sein Flieger ab, mit dreieinhalb Stunden Verspätung. Aber immerhin: Er fliegt.