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Missglückte Entführung in München:Frau des Bankmanagers war Zufallsopfer

  • Am 10. Juni hat der 52-jährige Mario S. die Frau eines Münchner Bankmanagers entführt.
  • Aus seiner Sicht ging die Entführung aber schnell schief: Die Frau konnte auf einem Supermarktparkplatz entkommen. Mario S. wurde später in Thailand gefasst.
  • Nun hat er die Tat gestanden.

Von Martin Bernstein

Lange brauchte Mario S. nicht, um reinen Tisch zu machen: Nur einen Tag, nachdem Zielfahnder des Polizeipräsidiums den mutmaßlichen Westend-Entführer aus dem thailändischen Abschiebe-Knast abgeholt hatten, hat sich der 52-Jährige laut Polizei am Freitag ausführlich zu seiner spektakulären Tat geäußert. Es war nicht etwa eine offene Rechnung mit der Sparkasse, die Mario S. zu seiner Tat trieb, sondern schlicht Geldnot. Und die 46-jährige Frau eines Bank-Managers, die der Entführer knapp zwei Stunden lang in seiner Gewalt hatte, war demnach ein Zufallsopfer: Mario S. hatte schlicht nach einem hochrangigen Bankmitarbeiter gesucht, den er im Telefonbuch finden konnte.

Er habe mit der Entführung am 10. Juni "einen großen Fehler gemacht", räumte der 52-Jährige laut Erstem Kriminalhauptkommissar Herbert Linder ein. Der stellvertretende Leiter der mit den Ermittlungen betrauten Münchner Mordkommission berichtete am Montag, was Mario S. bei seiner ersten mehrstündigen Vernehmung in Deutschland erzählt hat. Demnach waren finanzielle Nöte der Auslöser für die Tat gewesen.

Warum Mario S. die Frau entführt hat

Seinem Entführungsopfer hatte der Täter noch gesagt, ihr Mann und dessen Bank hätten ihn um einen Millionenbetrag gebracht. "Er wollte wohl nicht als fieser Verbrecher dastehen", erklärt Linder den Widerspruch. In Wirklichkeit brachte Mario S. offenbar selbst ein sechsstelliges Vermögen in knapp drei Jahren durch: eine Erbschaft, die Abfindung eines Münchner IT-Unternehmens, für das er zehn Jahre lang gearbeitet hatte, und wohl auch den Erlös aus dem Verkauf eines Hauses im Kreis Garmisch, in dem er zuvor mit einer früheren Partnerin gelebt hatte. Eine "den finanziellen Verhältnissen nicht angepasste Lebensweise" nennt Linder das.

Vor knapp drei Jahren war Mario S., den Bekannte und Freunde als freundlichen und lebensfrohen Menschen, als "griabigen Kerl" beschreiben, nach Phrae im Norden Thailands gezogen und hatte dort für sich und seine spätere Frau, eine Thailänderin, ein Haus gebaut. Einkommen hatte der 52-Jährige in Thailand nicht. Dafür unternahm er - auf Facebook dokumentiert - größere Reisen mit seiner Verlobten, nach London, Paris, Zürich, Venedig. Doch seit gut einem Jahr: keine Reisebilder mehr, dafür der Hausbau. Er müsse finanzielle Dinge regeln, soll der 52-Jährige seiner Frau gesagt haben, ehe er Mitte Mai nach Deutschland aufbrach.

Nach Überzeugung der Münchner Ermittler hat Mario S. die Tat bereits in Thailand geplant. Zumindest mietete er vor seinem Abflug nach Deutschland die Wohnung in der Bergmannstraße an, in die er später sein Opfer bringen wollte. Die Softair-Pistole, mit der er die Ottobrunnerin und ihren zwölfjährigen Sohn bedrohte, kaufte der Entführer erst in München. Danach begann er, im Internet zu recherchieren. Opfer der Entführung sollte jemand sein, der schnell die geforderte Summe von 2,5 Millionen Euro würde aufbringen können. Dabei stieß er auf die Familie des Ottobrunners. Weder der 52-jährige gebürtige Kölner noch seine thailändische Ehefrau oder eine frühere Partnerin hätten irgendeine Vorbeziehung zur Stadtsparkasse, sagt Linder.

Wie Mario S. die Frau entführte

Der Täter war am 10. Juni frühmorgens mit der S-Bahn nach Ottobrunn zum Wohnhaus der vierköpfigen Familie gefahren. Er gab sich als Paketbote aus, überwältigte die 46-jährige Ehefrau und fesselte ihren Sohn an die Heizung. Dann zwang er die Frau mit vorgehaltener Pistole zu ihrem Wagen. Sie musste eine abgeklebte Brille aufsetzen.

Doch in München ging für den Entführer dann alles schief: Weil in der Bergmannstraße Parkplätze Mangelware sind, steuerte er den Lidl-Parkplatz an der Westendstraße 100 an. Luftlinie sind das nur ein paar Schritte zu der von Mario S. angemieteten Wohnung - in Wirklichkeit wäre daraus ein 300 Meter langer Spaziergang mit der Frau um zwei Straßenecken geworden. Dann verlor der Entführer das Magazin der Softair-Waffe und die Frau, die sich von ihm nicht hatte einschüchtern lassen, nahm es an sich, riss sich los und lief weg. Schließlich wurde der Entführer von einer Überwachungskamera gefilmt.

Dennoch gelang es ihm, unbemerkt in seine Wohnung zu kommen. Nachdem er ordnungsgemäß die Wohnungsschlüssel zurückgegeben hatte, stieg Mario S. noch am Tatabend in eine S-Bahn zum Flughafen und dort in ein Flugzeug Richtung Thailand. Es sei eine überstürzte Flucht gewesen, sagt Ermittler Linder.

© SZ vom 14.07.2015/axi
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