bedeckt München 13°

Entführung in München:Kidnapper wohnte gleich ums Eck

Auf dem Parkplatz, der aus den angrenzenden Häusern gut einsehbar ist, endete die Entführung. Zur Spurensicherung wurde der Pkw des Opfers abtransportiert

(Foto: Susi Wimmer)
  • Der Mann, der vergangene Woche die Frau eines Bank-Managers entführt hat, hatte offenbar eine Wohnung in der Innenstadt.
  • Seit einer Woche sind die Ermittler der Mordkommission dem Kidnapper auf den Fersen. Eine erste Spur führte nach Ostdeutschland.

Von Susi Wimmer

Es gibt neue Fotos von dem Unbekannten, der vergangene Woche die Frau eines Münchner Sparkassen-Managers entführt hat. Aufgenommen wurden die Bilder von einer Überwachungskamera in einer S-Bahn. Nach Angaben der Polizei zeigen sie den mutmaßlichen Täter bei der morgendlichen Fahrt zu seinem Opfer. Die Fahnder hoffen auf Hinweise von Zeugen. Bislang suchen sie ohne Erfolg nach dem Mann, der die 46-Jährige am Mittwoch vor acht Tagen in ihrem Haus in Ottobrunn überwältigte und zweieinhalb Millionen Euro Lösegeld forderte. Das Opfer konnte fliehen, doch wie Kriminaloberrat Markus Kraus sagt, besteht die Gefahr, dass der Entführer noch einmal zuschlagen könnte. Für Hinweise, die zu seiner Festnahme führen, wurde eine Belohnung von 10 000 Euro ausgelobt.

Seit einer Woche sind die Ermittler der Mordkommission dem Kidnapper auf den Fersen. Eine erste Spur führte nach Ostdeutschland. Die Polizei hatte der Frau und ihrem Sohn, der sich auf Befehl des Täters mit Kabelbinder an einen Heizkörper fesseln musste, eine Auswahl von Fotos aus einer Verbrecherdatenbank vorgelegt. Unabhängig voneinander deuteten beide Opfer auf eine der Aufnahmen. Die Ermittler überprüften den Verdächtigen und sein Umfeld, ein konkreter Tatverdacht ließ sich aber offenbar nicht erhärten. Auch die gut 35 Hinweise, die nach der Veröffentlichung des ersten Fahndungsfotos eingingen, hätten keine heiße Spur ergeben, heißt es bei der Polizei.

Unklar ist, warum der Täter nicht maskiert war

Das Vorgehen des Entführers wirft etliche Fragen auf. Bisher hat die Polizei Folgendes rekonstruiert: In der Münchner Innenstadt steigt der etwa 50-jährige Mann in die S 7 in Richtung Kreuzstraße. In Ottobrunn verlässt er um 6.33 Uhr den Zug und begibt sich zum Wohnhaus des Opfers; der Manager und seine Frau wohnen dort mit ihren zwei Kindern. Gegen 7.30 Uhr klingelt der Täter, gibt sich als Paketbote aus. Als die 46-Jährige öffnet, überwältigt sie der bewaffnete Mann. Unklar ist, warum der Täter nicht maskiert war - und so riskierte, später von zwei Zeugen identifiziert zu werden.

Ungewöhnlich ist außerdem der handgeschriebene Erpresserbrief, in dem sich der Täter noch dazu verrechnete. Die genannte Stückelung der Geldscheine entspricht nicht den geforderten 2,5 Millionen Euro. Schriftexperten und Spurensicherung werten den Brief aus, auch Profiler der Polizei versuchen, Rückschlüsse aus dem Schreiben zu ziehen.

Die Ungereimtheiten gehen weiter: Der Täter dirigierte die Frau mit der Waffe zu ihrem Wagen. Doch warum nutzte er ein fremdes Auto? Was, wenn im Tank nur noch ein paar Tropfen Benzin gewesen wären? Die Frau musste eine abgeklebte Brille aufsetzen, trotzdem konnte sie aus einem Schlitz heraus noch etwas erkennen - und sie durfte auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Für gewöhnlich werden Entführungsopfer betäubt, bewusstlos geschlagen und in den Kofferraum gesperrt.

Täter hatte kurzzeitig eine Wohnung angemietet

Zumindest für die Frage, warum der Entführer das Fluchtfahrzeug in die Münchner Innenstadt lenkte statt in ein abgelegenes Versteck, deutet sich eine mögliche Erklärung an: Er hatte sich dort in den Wochen vor der Entführung aufgehalten. Die Polizei stieß bei ihren Ermittlungen auf eine Wohnung in der Bergmannstraße, die der Täter kurzzeitig angemietet und nach dem Scheitern der Entführung wieder geräumt hatte. Die Staatsanwaltschaft bestätigte entsprechende Informationen der SZ. Die Wohnung wurde dem Mann von einer jungen Frau untervermietet, die sich gerade im Ausland aufhält; der Täter legte dabei offenbar gefälschte Personalien vor. Die Spurensicherung untersucht diese Unterkunft nach verwertbarem Material.

Die Wohnung liegt in unmittelbarer Nähe des Parkplatzes, auf dem der 46-Jährigen die Flucht gelang. Einige Häuser in der Bergmannstraße haben auf der Rückseite sogar Fenster mit Blick auf diesen Parkplatz; ob der Täter genau dort eine Wohnung hatte, ließ die Staatsanwaltschaft allerdings offen. Gegen 8.30 Uhr waren auf dem Parkplatz etliche Kunden von Lidl und dm unterwegs. Der Entführer ging also erneut ein großes Risiko ein, als er das Fluchtfahrzeug dort auf einem der hinteren Plätze abstellte. Er versuchte, Spuren in und am Auto zu verwischen, das Opfer hielt er beim Aussteigen am Arm fest. In diesem Moment konnte sich die 46-Jährige losreißen und rief um Hilfe.

Der Entführer war mit der S-Bahn nach Ottobrunn gekommen.

(Foto: Polizei)

Trotz Großfahndung noch keine Spur vom Täter

Dem Entführer rutschte das Magazin aus der Waffe, das Opfer griff danach. Es kam zu einem Gerangel, Passanten wurden aufmerksam - und der Täter suchte das Weite. Sein Weg führte ihn über das Gelände von Opel Häusler, wo etliche Videokameras installiert sind. Trotz einer Großfahndung konnte ihn die Polizei nicht fassen. Offenbar hatte er sich in seiner Wohnung versteckt, die er später ordnungsgemäß übergab, ehe er untertauchte.

Die Frau aus Ottobrunn erzählte später, der Entführer habe Berliner Dialekt gesprochen. Der Täter ist also mit großer Wahrscheinlichkeit Deutscher. Obwohl sein Bild durch alle Medien ging, hat ihn bislang niemand erkannt. Und so kurios die Entführung wirken mag, so geschickt scheint der Täter jetzt abzutauchen. Mit jedem Tag, der erfolglos verstreicht, wird es für die Ermittler schwieriger, den Täter zu fassen, und Zeugen erinnern sich schlechter an eine mögliche Begegnung mit ihm. Kripo-Mann Kraus sagt, der Täter trage möglicherweise auch keinen Bart mehr.

Landeskriminalamt und Stadtsparkasse München haben je 5000 Euro für Hinweise ausgelobt, die zur Klärung der Tat oder zur Ergreifung des Täters führen. Zeugen können sich unter 089/29100 beim Kommissariat 11 melden.

© SZ vom 18.06.2015/lime
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema