Geschichte im Viertel:Zeugen einer grausamen Zeit

Die Ausstellung "Sendling 'arisiert'" macht die Enteignung und Vertreibung jüdischer Nachbarn im Nationalsozialismus sichtbar. Dazu zählt auch das einstige Kaufhaus der Eheleute Gutmann

Von Nora Theisinger, Sendling

Ehemaliges Kaufhaus Gutmann Sendling Lindwurmstraße nach der Einteignung, dann hieß es Kaufhaus Helfferich

Das Kaufhaus Gutmann an der Lindwurmstraße 205 wurde 1934 im Zuge der "Arisierung" unter dem Namen Helfferich fortgeführt.

(Foto: Stadtarchiv München/oh)

Das Eckhaus an der Lindwurmstraße 205 in Sendling hat eine lange Geschichte - auch eine traurige, erschütternde, grausame. Denn das Gebäude erzählt etwas über die NS-Vergangenheit des Viertels. Es ist das ehemalige Kaufhaus Gutmann, das 1912 vom Ehepaar Emanuel und Sophie Gutmann eröffnet wurde und einst das größte Textilwarengeschäft in Sendling war. Im Zuge der sogenannten wilden Arisierung zwischen 1933 und 1937/38 hatten sich insbesondere Einzelpersonen und einzelne NSDAP-Mitglieder an der Entrechtung jüdischer Mitmenschen bereichert und für wenig Geld Geschäfte aufgekauft. Während des Boykotts jüdischer Geschäfte 1934 schikanierte die NSDAP unter anderem Kunden am Eingang und forderte ihre Mitglieder auf, nicht mehr zu jüdischen Kaufleuten zu gehen. Auch das Textilwarengeschäft an der Lindwurmstraße war davon betroffen.

Das jüdische Ehepaar Gutmann veräußerte es deshalb an Max Rindsberg. Wenige Jahre später wurden Emanuel und Sophie Gutmann in das Ghetto Theresienstadt deportiert und dort ermordet. Als auch Rindsberg, ebenfalls Jude, dem Druck nicht mehr standhielt und zu emigrieren beschloss, verkaufte er das Kaufhaus 1934 weit unter Marktwert. Der neue Eigentümer, Albert Helfferich, führte das gut laufende Geschäft unter seinem eigenen Namen weiter.

Die Geschichte des Kaufhauses und die von Emanuel und Sophie Gutmann und Max Rindsberg erzählt die Ausstellung "Sendling 'arisiert' - Enteignung und Vertreibung jüdischer Nachbarn im Nationalsozialismus". Sie ist ein Projekt des Vereins Sendlinger Kulturschmiede und der Initiative Historische Lernorte Sendling, die sie zum 200-jährigen Bestehen des Alten Israelitischen Friedhofes erstmals 2016 präsentierte. Aktuell hängt sie in der VHS München Süd aus.

Die Historiker Simon Goeke, Martin W. Rühlemann und Maximilian Strnad haben die Ausstellung konzipiert. "Uns war es wichtig, über einzelne Schicksale, über einzelne Fälle Geschichten aus dem Stadtteil zu erzählen und damit aufmerksam zu machen, dass die NS-Verfolgung mitten ins Viertel hinein ganz tiefe Lücken gerissen hat", erzählt Strnad: "Und uns ging es darum, diese Lücken zu benennen und sichtbar zu machen." Wer möchte, kann mithilfe markierter Stadtpläne die genannten Orte und ihre Geschichten im Viertel aufsuchen. Für weitergehende Informationen gibt's einen Begleitkatalog, den Interessierte unter dem Titel der Ausstellung online bestellen können.

Die Kuratoren unterteilten die Ausstellung in fünf Kapitel. Im ersten Abschnitt widmen sie sich den Opfern des Nationalsozialismus wie der Familie Gutmann. Im zweiten benennen sie die Profiteure der Enteignung und Ermordung jüdischer Nachbarinnen und Nachbarn. Anschließend wird die Wiedergutmachung gegenüber Sendlinger Juden nach 1945 thematisiert. "Man könnte auch sagen Nicht-Wiedergutmachung", so Strnad. Denn viele Hinterbliebene stießen auf Hindernisse bei ihrem Kampf um Entschädigung - in einigen Fällen blieb sie sogar komplett aus.

So erging es beispielsweise Max Both, der mit seinem Vater ein Bekleidungsgeschäft in Sendling führte. Der Laden wurde in der Reichspogromnacht 1938 geplündert und zerstört. Um seine Entschädigung zu erhalten, sollte Max Both den genauen Verlust nachweisen: "Man hat ihn gezwungen, Belege dafür anzugeben, wie viele Hüte, wie viele Mäntel, wie viele Kleidungstücke er im Lager hatte, um den Verlust zu taxieren." Dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist, ist offensichtlich. Max Both legte Widerspruch ein, als ihm das Landesentschädigungsamt eine geringere Summe zugestehen wollte. 1974 lehnte das Landgericht München diesen ab - da war Max Both inzwischen verstorben. In vielen Fällen sei eine Wiedergutmachung gar nicht im Interesse der zuständigen Personen gewesen, sagt Strnad. "Die Leute, die diese Fälle bearbeitet haben, waren häufig dieselben, die zuvor die Enteignung durchgeführt hatten. Sie hatten überhaupt kein Interesse, dass ihre Rolle in der NS-Zeit bekannt wird."

Auch der Alte Israelitische Friedhof wurde von Nationalsozialisten geschändet. Ihm wird deshalb eine eigene Sektion gewidmet. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit dem heutigen Antisemitismus. Das Kuratoren-Team möchte darauf aufmerksam machen, dass antisemitische Angriffe noch heute - auch in Sendling - existieren. So haben beispielsweise in den Jahren vor Ausstellungsbeginn einige Sendlingerinnen und Sendlinger "Abstammungsnachweise" aus der NS-Zeit in ihrem Briefkasten oder Davidsterne an ihren Hauswänden entdecken müssen.

Zukunft im Blick

Bis Mittwoch, 17. November, ist die Ausstellung zu sehen bei der VHS München Süd an der Albert-Roßhaupter-Straße 8 im 3. Stock. Sie ist für Besucherinnen und Besucher montags bis freitags von 9 bis 21 Uhr sowie am Wochenende und in den Schulferien bei Kursbetrieb geöffnet. Die Ausstellung ist Teil des MVHS-Themenschwerpunkts "Erinnerung für die Zukunft - Jüdisches Leben in Deutschland". Zu 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland veranstalten die Volkshochschule und die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern gemeinsam bis Ende Februar 2022 circa 50 Veranstaltungen. Sie wollen damit an die Verfolgung, Ermordung und Diskriminierung jüdischer Menschen in Vergangenheit und Gegenwart erinnern sowie jüdische Kultur näher bringen. Einen Überblick über alle Programmpunkte finden Interessierte online auf www.mvhs.de/programm/juedisches-leben-in-deutschland/.Noth

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