Gasteig Vom Sorgenkind zum Wunschkind

Der Stadtrat genehmigt knapp zehn Millionen Euro für die Vorplanung der Gasteig-Sanierung. Nicht nur die Kämmerei blickt besorgt auf die Kosten

Von Michael Zirnstein

Max Wagner, neuer Geschäftsführer im Gasteig, strahlte im Rathaus, als habe er zum ersten Mal den umgebauten Carl-Orff-Saal aufgesperrt, der einmal das Juwel seines Kulturzentrums werden soll. Bis dahin ist es zwar noch ein weiter Weg. "Große Freude" empfand Wagner dennoch, nahm Gratulationen entgegen, herzte seine Vorgängerin Brigitte von Welser und schüttelte viele Hände. "Die heutige Entscheidung ist ein Meilenstein für die Zukunft des Gasteig", sagte Wagner. In einer gemeinsamen Sitzung haben der Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft und der Kulturausschuss die Gasteig München GmbH beauftragt, zur Sanierung des Mehrzweckkolosses einen Planungswettbewerb mit Vorplanung durchzuführen, wofür 9,4 Millionen Euro bereitgestellt werden. Außerdem soll Wagner für die 2020 beginnende Bauzeit eine Interim- Philharmonie planen und nach Ausweichstandorten auch für die anderen Gasteig-Nutzer suchen.

Der Gasteig: laut Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) das "größte Kulturzentrum Europas".

(Foto: Catherina Hess)

Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) freute sich, dass "dieses herausragende und größte Kulturzentrum Europas auf Zukunftskurs" gebracht wurde: "Der Gasteig ist gelebte Kulturvielfalt an einem Standort." Zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) zeigte sich zuversichtlich, nun könne endlich die Sanierung dieses "kulturellen Gravitationszentrums" vorangetrieben werden. Und Kulturreferent Hans Georg Küppers (SPD) erklärte stolz, man werde "örtlich und inhaltlich" ein zeitgemäß weiterentwickeltes Kulturzentrum "in den Mittelpunkt der Stadtgesellschaft stellen: "Es war eine Utopie, aber Utopien sind die Wirklichkeit von morgen." So viel Aufbruchsstimmung war selten.

Einen "Meilenstein" nannte Gasteig-Chef Max Wagner den Entschluss.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die einstimmige Entscheidung sieht Gasteig-Chef Max Wagner als "Wertschätzung" der Arbeit seines Teams. Er hat es geschafft, dass der Gasteig vom Sorgenkind zum Wunschkind (fast) aller geworden ist. "Wir - Philharmoniker, Stadtbibliothek, Volkshochschule, Musikhochschule, private Veranstalter, Gastronomen und Festivalveranstalter - haben gemeinsam mit dem Kulturreferat ein Jahr lang hart gearbeitet, um den neuen Gasteig zu entwerfen." Längst ist nicht entschieden, welche Sanierungsvariante kommt. Abriss und Neubau sind vom Tisch, da einzig Wolfgang Heubisch für die FDP beantragte, dies im Auge zu behalten. Nachdem die Paketposthalle in Neuhausen als Standort für eine abgespaltene Philharmonie nicht mehr verfügbar ist, weil die Post damit anderes vorhat, sprach sich auch Florian Roth von den Grünen dafür aus, den Gasteig am aktuellen Standort in seiner Gänze "zum Glänzen" zu bringen. Anstelle einer Grundsanierung, die für bis zu 300 Millionen Euro nur die absolut notwendigen Maßnahmen abdeckt, um Betriebsausfälle oder Teilschließungen zu vermeiden, machten sich alle Parteien für eine Generalsanierung stark. Die umfasst für bis zu 450 Millionen Euro außer den übergeordneten und "Sowieso"-Maßnahmen wie dem Umbau der Glashalle, der Modernisierung der Technik, dem Austausch der Fassade oder dem Abdichten des Daches die im "Nutzerbedarfsprogramm" ermittelten Forderungen der Institute und freien Veranstalter im Gasteig: Die meisten der dafür veranschlagten 333 Million würden die "akustische Ertüchtigung" der Philharmonie, der Umbau des Carl-Orff-Saals und eine Stadtbibliothek mit mehr Platz, Lesecafé und Wohlfühlatmosphäre verschlingen. Spektakulärster Anbau wäre ein Panoramarestaurant am Dach. "Diese 25 Punkte sind kein Wünsch-dir-was", erklärte Küppers, sie seien durchdacht und bereits abgespeckt.

Nicht nur die Stadtkämmerei drängt auf eine "deutliche Reduzierung der Nutzerprogramme". Auch Manuel Pretzl (CSU) und Sonja Haider (ÖDP) sprachen sich für eine strenge Kostenobergrenze aus. Klaus Peter Rupp (SPD) wollte sich bei aller Vorfreude für jene Lösung entscheiden, "die sowohl der Kulturstadt München gerecht wird als auch im Haushalt der Landeshauptstadt darstellbar ist."

Wo die Philharmoniker während des Umbaus spielen, steht nicht fest. Favorisiert ist derzeit ein 37 Millionen Euro teurer Holzsaal auf einem städtischen Grundstück in Riem, das Dirigent Valery Gergiev jüngt mit dem OB besichtigt und für "schön, wenn auch ein bisschen weit draußen" befunden hat. "Eine Unverschämtheit gegenüber anderen Kulturschaffenden", echauffierte sich allein Michael Mattar (FDP) über diese Variante. Er beantragte zu prüfen, ob man für fünf Millionen Euro ein Bierzelt auf der Theresienwiese orchestertauglich machen könne. Während die anderen Parteien die Idee als Scherz einstuften, hatte Max Wagner ein offenes Ohr: "Wir sind froh, dass wir Riem sicher haben. Aber wir sind für alle kreativen Vorschläge dankbar, die uns ein paar Meter näher ans Stadtzentrum bringen."