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Galerierundgang:Ross, nicht Reiter

Megan Francis Sullivan, Marie 148, 2014, von Miraculix, aus Moonlight, Besitzer: Megan Sullivan, Helmut Draxler, Fotograf: Renke Klaproth, #3, 2020, courtesy: the artist/ R.Klaproth

Foto / Courtesy: Megan Francis Sullivan/ Renke Klaproth, 2020

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Mein Pferd: Megan Francis Sullivan: "Megan Francis Sullivan, Marie 148, 2014, von Miraculix, aus Moonlight, Besitzer: Megan Sullivan, Helmut Draxler, Fotograf: Renke Klaproth, #3".

(Foto: Megan Francis Sullivan/Renke Klaproth)

Es herrscht Hochsaison in Münchens Kunstwelt. Ein Rundgang zu interessanten Ausstellungen in Galerien

Von Evelyn Vogel

Pferde waren in der Kunstgeschichte schon immer ein besonderes Thema. Wollte man einer herrschaftlichen Person Macht und Würde verleihen, setzte man sie aufs Pferd. Ironie der Geschichte: Irgendwann kam das edle Ross auch ohne Reiter aus. Dass Pferdemaler wie George Stubbs im England des 18. und 19. Jahrhunderts Hochkonjunktur hatten, ist nur ein Beleg. Auch zeitgenössische Künstler haben sich dem Thema gewidmet und dabei auf historische Zusammenhänge verwiesen. Aktuell geht es in der Galerie Sperling in der Ausstellung im Rahmen von Various Others ziemlich tierisch zu.

Die deutsche Künstlerin Lena Henke konzentriert sich mit ihren Objekten vielfach auf die weniger schönen Seiten des Pferdes als Nutztier, wenn sie in einem großen skulpturalen Tableau der "Dead Horse Bay" vor den Toren der Abdeckerein New Yorks ein Denkmal setzt. Die amerikanische Malerin Megan Francis Sullivan hat ihre eigene Ponystute Marie von einem Tierfotografen im Stile von Stubbs porträtieren lassen. Doch dient die Hauptdarstellerin nicht vielmehr den Kontexten, in denen sie fotografiert wurden? Der bahamaische Künstler Dominique Knowles, ebenfalls Pferdebesitzer, schlägt mit seiner großformatigen Wandarbeit den Bogen ganz weit zurück, bis zu den Höhlenmalereien von Lascaux. Und mit seiner Videoarbeit "Tahlequah" setzt er dem Empathievermögen von Tieren auf berührende Art und Weise ein Denkmal. Eine Ausstellung in der Galerie Sperling in Kooperation mit der Galerie Emanuel Layr aus Wien, die man nicht teilnahmslos verlässt.

Lena Henke, Dominique Knowles, Megan Francis Sullivan, Galerie Sperling, Regerplatz 9, bis 24. Oktober

Empathie spielt auch in der Ausstellung "Kir Royal" bei Christine Mayer eine Rolle. Das Mitfühlen konzentriert sich hier jedoch auf den Menschen in seiner medialen Wahrnehmung. Der Münchner Künstler Thomas von Poschinger integriert Magazinbilder, Namenszüge und Hochglanzfotos von Spitzensportlern und Celebrities in seine Farbfeldmalerei, um die Sehnsucht nach Nähe und Distanz, Vereinnahmung und Abschottung deutlich zu machen. Letztlich ist die große Frage: Wem gehört das eigene Ab-Bild? Poschingers Arbeiten sind in der Ausstellung konsequent mit den abstrakt wirkenden Gemälden von Henning Strassburger kombiniert, der Landschaft und Schrift in einer gestischen Malerei vereint. Das funktioniert nicht immer auf den ersten Blick, denn um das Narrativ von Strassburgers Werken zu entdecken, muss tief eintauchen. Lohnt sich aber.

Thomas von Poschinger / Henning Strassburger: Kir Royal, Galerie Christine Mayer, Liebigstr. 39, bis 17. Oktober

Um zwischenmenschliche Gefühle geht es in der Ausstellung "I like them, they're nice" in der Galerie von Nir Altman, der erst vor Kurzem nach Obergiesing umgezogen ist. In seinem neuen Raum, der mit der großen Glasfront wie ein Aquarium anmutet, nimmt die Skulptur "Gory Details" von Rebecca Ackroyd eine zentrale Stellung ein. Die Bewusstseinserforschung auf der Psycho-Couch muss bruchstückhaft bleiben. Ndayé Kouagous Textarbeiten stehen in Zusammenhang mit der Identitätsfindung eines Einwandererkinds. Und Paul Maheke schließlich hält mit seinem halb inszenatorischen Werk die ganze Schau zusammen. Bewegung, Wind und Wasser als treibende Kräfte, die Erforschung des sogenannten Hydrofeminismus bilden das gedankliche Gerüst für die Installationen und die Videoarbeit. Eine komplexe Schau.

I like them, they're nice, Galerie Nir Altman, Alpenstraße 12, bis 24. Oktober

Nicht weniger komplex die Werke von Miguel Calderón, Karla Kaplun, Sarah Minter, Berenice Olmedo und Lucia Elena Průša, die Anna Goetz für Britta Rettberg kuratiert hat. In den Bild- und Videoarbeiten geht es um die Suche nach eigener Identität und gesellschaftlichen Werten, nach Sexualität und Emanzipation. Keine leichte Schau, aber wichtige Themen werden hier aus verschiedenen, vor allem nicht-europäischen Blickwinkeln künstlerisch verhandelt.

The World is not like us, Galerie Britta Rettberg, Gabelsbergerstraße 51, bis 15. Oktober

© SZ vom 07.10.2020

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