Wirtschaft:Zahl der Existenzgründer steigt

Wirtschaft: Vor ein paar Jahren haben Felix Wilhelm (links) und Sebastian Weber ihre Busmanufaktur gegründet.

Vor ein paar Jahren haben Felix Wilhelm (links) und Sebastian Weber ihre Busmanufaktur gegründet.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Gerade in Krisen wie der Corona-Pandemie suchen Angestellte mit unsicherem Arbeitsplatz nach Alternativen. Mancher findet sie in der Selbständigkeit

Von Gerhard Eisenkolb, Fürstenfeldbruck

Im ersten Halbjahr 2021 ist die Zahl der Unternehmens- und Existenzgründungen im Landkreis im Vergleich zum Vorjahr um fast 17 Prozent auf insgesamt 1208 neue Betriebe angestiegen. Barbara Magg, Leiterin der Wirtschaftsförderung im Landratsamt, kommentiert das überdurchschnittliche Wachstum mit den Worten: "Erwartungsgemäß gehen die Gründungen durch die Decke, weil die Arbeitsmarktlage nach wie vor schwierig und von einer großen Unsicherheit geprägt ist." Suchen doch gerade in Krisen wie der Corona-Pandemie Angestellte mit einem unsicheren Arbeitsplatz nach einer Alternative.

Eine solche kann der Weg in die Selbständigkeit sein. Während in Zeiten, in denen Arbeitgeber ihre Mitarbeiter umwerben, der Anreiz geringer ist, das Risiko eines eigenen Betriebs auf sich zu nehmen, ist der anhaltende Gründerboom auch eine Reaktion auf diese Unsicherheit.

Zwar ist in Krisen- und Umbruchzeiten Unternehmergeist gefragt, weil sich neue Chancen für innovative Geschäftsideen eröffnen. Aber solche Wirtschaftsphasen haben auch Schattenseiten. So geht Barbara Magg davon aus, dass auch im Landkreis die eine oder andere Stelle eingespart wird, wenn irgendwann die Phase der vom Staat in erheblichem Maß mitfinanzierten Kurzarbeit ausläuft. Weshalb die Wirtschaftsförderin dann mit einem weiteren Anstieg der sogenannten Existenzgründungen rechnet. Besonders beliebt ist es momentan, das Noch-Angestelltendasein mit der Selbstständigkeit zu verbinden und mit einem Betrieb im Nebenerwerb erste Erfahrungen zu sammeln.

So gründeten die beiden Fürstenfeldbrucker Sebastian Weber und Felix Wilhelm vor einigen Jahren zuerst im Nebenerwerb die Schöngeisinger Firma "Bayerische Busmanufaktur". Diese baut VW-Busse zu Gefährten mit Übernachtungsmöglichkeit aus. Da das Geschäft mit Campingfahrzeugen boomt, entwickelte sich die Manufaktur rasant. Die beiden Chefs beschäftigen nun drei Vollzeitmitarbeiter und weitere in Teilzeit oder als Minijobber. Da der Erfolg neue Aufgaben mit sich bringe, sei nach wie vor die Gründermotivation gefragt, sagt Felix Wilhelm. Man müsse sich noch entwickeln, bis das Ziel erreicht ist, möglichst jeden Tag einen Bus auszubauen.

Die Anfangsphase des Nebenerwerbs hat auch der Fürstenfeldbrucker Personaldienstleister und Psychologe Ludwig Andrione hinter sich. Und zwar seit Anfang 2020. Der Ausbruch der Coronapandemie erwies sich für ihn als nicht so schlimm, wie er befürchtet hatte. Zwar sei vieles nicht so gelaufen, wie Andrione es sich vorgestellt hatte. Er sei an Grenzen gestoßen, habe gezweifelt, sich Sorgen gemacht, aber es hätten sich immer wieder neue Perspektiven ergeben. Geholfen habe ihm seine Offenheit für neue, andere Ansätze und ein wirtschaftlich vorsichtiger Umgang mit den ersten Einnahmen, sagt der Psychologe, der sich ehrenamtlich im Bund deutscher Psychologen engagiert.

Sehr hoch, und das spiegelt den aktuellen Boom der Baubranche wider, ist laut Magg zufolge die Zahl der Neugründungen im Baugewerbe. Einen besonders starken Anstieg meldet das Landratsamt auch für den Bereich Nachhilfeunterricht. Der Grund hierfür liegt auf der Hand. Das Wirtschaftssegment "Erziehung und Unterricht" reagiert auf die große Nachfrage von Schülereltern. Gilt es doch, die Lücken aufgrund der Versäumnisse des Online-Unterrichts und wegen geschlossener Schulen in der Lockdown-Zeit auszugleichen. Einen Gründungsboom verzeichnet ebenfalls der Dienstleistungssektor. Hier erleichtern relativ niedrige Investitionskosten den Schritt in die Selbständigkeit.

Erwartungsgemäß abgenommen hat nach Angaben der Wirtschaftsförderin dagegen die Zahl der Betriebe im Gastgewerbe. Die Wirte, die die ersten drei Coronawellen überstanden, wollten weitere Schließungen auf jeden Fall vermeiden, sollte es im Herbst eine vierte Welle geben. Mit dem Einbau von Plastiktrennwänden zwischen den Tischen und Luftfiltern seien sie für eine neue Welle gut gerüstet, heißt es. "Bevor sie erneut schließen, setzen viele Wirte darauf, dann lieber nur noch Geimpfte und Genesene zu bedienen", berichtet Magg. Das sei das kleinere Übel.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB