Verkehrspolitik:Für Straßenbau ist immer Geld da

Der Ausbau der Lindauer Autobahn hat nicht lange gedauert, aber bis die S 4 erweitert wird, werden 40 Jahre vergangen sein

Kommentar von Peter Bierl

Nur dreieinhalb Jahre hat es gedauert, um die Autobahn zwischen Germering und Gilching sechsspurig auszubauen. Bei der Einweihung berichtete Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), dass die Fortsetzung von Oberpfaffenhofen bis Wörthsee bereits geplant werde. Was den Ausbau der S 4 betrifft, so werden nach aktuellem Stand etwa 40 Jahre vergangen sein, von den ersten Versprechungen bis zum Spatenstich, und es wird Flickwerk bleiben.

Zur Rechtfertigung des Autobahnausbau wurde darauf verwiesen, dass bei Eröffnung der Autobahn 1972 täglich bis zu 40 000 Fahrzeuge unterwegs waren, heute seien es doppelt so viele. Die Gleise sind dagegen nicht mehr geworden, während die Bevölkerungszahl im Landkreis immer weiter wächst, ebenso die Zahl der Autos. Stellen wir uns mal vor, das Straßennetz im Landkreis sähe noch aus wie zur Zeit der Olympischen Spiele in München.

So ist das, weil Politiker in Sachen Umweltschutz auf wissenschaftliche Expertise wie Querdenker reagieren, mit Realitätsverweigerung. Den Preis dafür zahlen andere, die Opfer von Pandemien, Überschwemmungen und Hitzewellen, nicht nur in Bangladesch oder Mosambik, sondern auch in Europa. Fast ein halbes Jahrhundert ist es her, dass der Club of Rome, eine Vereinigung von Unternehmern, warnte, dass es auf einem endlichen Planeten kein unendliches Wachstum geben könne. Es müsse weniger an Energie, Rohstoffen und Fläche verbraucht werden, aber davon sind wir weiter entfernt denn je, auch auf lokaler Ebene.

Dabei würde die Reduzierung ein besseres Leben für alle ermöglichen, wie sich am Beispiel der Mobilität zeigen lässt. Der Umstieg vom privaten Pkw auf Bus, Fahrrad, Sammeltaxi und Carsharing, Tram und Bahn, bedeutet weniger Luftverschmutzung und Lärm, sichere Wege für Kinder und Senioren, die Menschen könnten sich Straßen und Plätze wieder aneignen. Dazu liefern Kommunalpolitiker mit dem Bussystem des Landkreises schon einen wichtigen Baustein, aber ohne den Ausbau der Schiene, auch als Tram in urbanen Zonen, ist alles Stückwerk, denn Züge sind das Massentransportmittel. Stattdessen werden die Prioritäten immer noch falsch gesetzt, wie der Vergleich zeigt, das hohe Tempo beim Ausbau der Lindauer Autobahn und die Blockadepolitik bei der S 4.

© SZ vom 20.07.2021
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