Theater Triumphales Heimspiel

Als Museumswärter Dave entdeckt ein ehemalige Türsteher die Kunst. In der Rolle des Stückes "NippleJesus" zieht Schauspieler Mathis Reinhardt das Publikum im Jexhof dermaßen in den Bann, dass es ihm gespannt und mit zunehmender Begeisterung folgt.

(Foto: Günther Reger)

Der Schöngeisinger Schauspieler Mathis Reinhardt gastiert mit Nick Hornbys "NippleJesus" im Jexhof und erntet für seine Rolle in dem Ein-Mann-Stück über den schwierigen Zugang zur Kunst tosenden Applaus

Von Sonja Pawlow, Schöngeising

Viele Male verbeugte sich der sympathische Mathis Reinhardt vor seinem Publikum im Jexhof, dem das enthusiastische Klatschen nicht Ausdruck genug war für die große Begeisterung. Mit lautstarkem Fußgetrampel auf dem Dielenboden steigerten die Zuschauer schließlich den anhaltenden Jubel.

Dabei war die Stimmung vor dem Beginn der ausverkauften Vorstellung des Stückes "NippleJesus" fast am Kippen. Das Publikum hatte sich teilweise deutlich zu früh im Jexhof eingefunden, in der Hoffnung auf ein gemütliches Abendessen oder ein Bier in der Wirtsstube. Die war jedoch durch eine geschlossene Gesellschaft belegt. Da der Einlass zum Aufführungsort im Obergeschoß erst kurz vor 19 Uhr möglich war, legte sich eine gewisse Ratlosigkeit über das überpünktliche Theaterpublikum. Einige nutzten die verbliebene Zeit zu einem Spaziergang, andere unternahmen den Versuch, ihr Getränk im Freien zu genießen. Die einsetzende Abendkälte führte jedoch zu einem Gedränge im Eingangsraum, so dass die Servicekräfte Mühe hatten, Bratenteller in den Gastraum zu befördern und dem Theaterpublikum die Abstellfläche für die Weingläser ausging.

Umso gespannter gestaltete sich die Atmosphäre, als sich die Türen zum Treppenaufgang endlich öffneten. Unter dem Dachstuhl des Jexhofs, inmitten der einzigartigen Gemälde von Ruth Strähhuber, bildeten 50 Klappstühle ein Pop-up-Theater-Areal. Unbemerkt von den noch ruckelnden Zuschauern lehnte Mathis Reinhardt in der Rolle Dave bereits seitlich an der Wand. So sehr Museumswärter, dass seine Anwesenheit harmonisch mit dem Raum verschmolz. Mathis Reinhardt ließ sich Zeit, viel Zeit. In erwartungsvoller Stille verharrte das Publikum noch einige Minuten, bis Dave endlich etwas sagte.

Die Inszenierungen des Stück "NippleJesus" vom britischen Bestsellerautor Nick Hornby, in dem es um ein Jesus-Porträt aus ausgeschnittenen Brustwarzen geht, unterscheiden sich deutlich in Niveau und Sprache. So wurden sehr werkgetreue Fassungen gezeigt. "Das Stück im Präteritum? Geht gar nicht", erklärt Mathis Reinhardt. Es ist seinen Streichungen und Anpassungen zu verdanken, dass sein Dave authentisch und glaubwürdig rüberkam. Mit perfekt gesetzten Pausen, nachvollziehbaren Stimmungswechseln und Respekt für die schwierige Biografie des Dave zog er die lauschende Zuschauerschaft in Bann. Reinhardt ist ein ungeheuer talentierter Schauspieler, der mit der Magie des gesprochenen Wortes und dem Einsatz sparsamer Bewegungen Bilder kreiert.

Plastisch beschreibt er den Vater der Künstlerin Martha, seinen grauhaarigen Pferdeschwanz, die Künstlerfamilie, die zu Hause malt und kifft. Dadurch gelingt es Mathis Reinhardt ganz nebenbei Daves Hass auf seinen Bildzeitung lesenden Vater zu vermitteln. Ohne den Zuschauer direkt darauf zu stoßen, machen Nervosität, Unrast und Nase-Hochziehen klar, wie sehr Dave als Türsteher ins Drogenmilieu und in die Koksnasen-Gesellschaft verstrickt war. Unterschwellig wird diese Welt im Hintergrund transportiert. So wirkt es plausibel, dass Dave seinen Job an den Nagel hängt, nachdem er vor dem Club lebensgefährlich mit einem "rostigen Eisendorn" bedroht wurde. Und das, obwohl man sich fragt: "Was ist das, ein Eisendorn?"

Mathis Reinhardt spielt den Dave seit Jahren. Nach zahllosen Soloabenden in Frankfurt und Leipzig ist er regelrecht mit der Rolle verschmolzen. Aber für nur zwei Termine beehrte er mit NippleJesus in seine alte Heimat. Wer sich weiter von Mathis Reinhardt verzaubern lassen will, sollte sich den Kinofilm "Der Weg" ansehen. Ein preisgekrönter, einfühlsamer Film mit einem Queer-Thema, in dem der Schauspieler weitere Facetten seines unglaublichen Könnens zeigt.