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SZ-Serie "Die Künstlerwerkstätten" (Folge 2):Der Reiz der unendlichen Vervielfältigung

Die Hochphase der Grafik liegt bereits Jahrzehnte zurück, trotzdem faszinieren die alten Techniken das Kunstpublikum noch immer. Das zeigt ein Besuch in der Druckwerkstatt des Fürstenfeldbrucker Haus 10

Inmitten zweier gigantischer Pressen, umgeben von Druckgrafiken, Lithosteinen und Chemikalien steht Stefan Wehmeier und behauptet: "Die Druckgrafik liegt brach." Ein Satz, der richtig knallt, wenn er von jemandem kommt wie Wehmeier, studierter Grafikdesigner und Leiter der Druckwerkstatt im Haus 10. Schade sei das mit der Druckgrafik, aber ihre Hochphase liege Jahrzehnte zurück. Irgendwann in den Siebziger- oder Achtzigerjahren muss das gewesen sein, als Wehmeier die FOS für Gestaltung abgeschlossen hatte. Damals, als er sich gemeinsam mit einem Freund in eine Münchner Werkstatt eingemietet hat, um weiter Motive auf Kupfer und Zinkplatten ritzen zu können.

Stefan Wehmeier, Portrait in der Druckwerkstatt Haus 10, Kloster Fürstenfeld

Stefan Wehmeier leitet die Druckwerkstatt im Haus 10 im ehemaligen Kloster Fürstenfeld und ist zuständig für den Bereich Radierung.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Dass der Druck heute nicht mehr so gefragt ist, hat viele Gründe. Einer davon sei, so sagt es Wehmeier, das veränderte Gesundheitsbewusstsein vieler Menschen. Wie das zu verstehen ist? "Es wird hier mit Säuren und Lacken gearbeitet", erklärt der Künstler. In den Schränken der Werkstatt reihen sich Chemikalien an Chemikalien, Glasfläschchen an Metalldose, Gummi arabicum an Kolophoniumstaub und Asphaltlack an Säurebad. Das alles passt so gar nicht in eine Zeit, in der schon acrylamidbelastete Pommes und Laktose in der Milch den Menschen das Fürchten lehren. Wobei Wehmeiers Radierkurse, die etwa viermal im Jahr stattfinden, immer ausgebucht sind. Irgendetwas scheint der Druck dann doch an sich zu haben, was die Teilnehmer fasziniert. Immerhin, sieht man sich die Arbeiten an, die der Werkstattleiter in den Schubladen der großen Schränke aufbewahrt hat, bekommt man eine Ahnung davon, wie vielfältig Künstler mit Hilfe von Hoch-, Tief- und Flachdruck arbeiten können.

In die Druckwerkstatt des Fürstenfeldbrucker Haus 10 kann sich jeder bayerische Künstler einmieten, um dort zu arbeiten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Wehmeier blättert durch die Arbeiten. Sie zeigen farbige und schwarz-weiße Bilder, Grafisches, Abstraktes und Gegenständliches. Einige Motive sind mit detailversessener Akribie über Stunden hinweg ausgearbeitet worden, andere verraten die impulsive Ader ihrer Schöpfer. Nichts, was nicht auch die Malerei zu bieten hätte - nur der Druck erlaubt eine fast unendliche Vervielfältigung der Arbeiten und wird so auf dem Kunstmarkt auch für viele erschwinglicher. Und dann steckt hinter den Arbeiten auch erstaunliche Techniken. Das gilt nicht nur für Radierungen, Wehmeiers Fachgebiet, sondern auch für Holzdruck, für den in der Druckwerkstatt Katrin Kratzenberg zuständig ist oder für Rosa Zschaus Steindruck.

Radierung, Holzschnitt und Lithografie

Die Druckwerkstatt im Haus 10 bietet Kurse oder Arbeitsgruppen für Radierung, Holzschnitt und Lithografie an. Dabei handelt es sich um unterschiedliche Arten von Drucktechniken. Die Radierung ist ein Tiefdruckverfahren. Zu ihr gehören sowohl die Kaltnadel-, als auch die Ätzradierung. Letztere entsteht unter Einsatz von Chemikalien. Das Motiv, das nach dem Druck abgebildet wird, liegt bei beiden Arten der Radierung als Vertiefung in der Druckform, meist Kupfer- platten. Die gesamte Platte wird vor dem Druck mit Farbe beschichtet, Überschüsse danach mit einem Rakel abgenommen. So dass sich die Farbe nur noch in den Vertiefungen befindet. Das Motiv wird dann mit Hilfe großen Drucks zu Papier gebracht. Dabei ist das Papier leicht feucht, so dass es die Farbe besser anzieht.

Der Holzschnitt gehört zu den Hochdruckverfahren. In die Holzplatten wird ein Motiv eingeritzt. Eingefärbt und damit gedruckt werden danach lediglich die erhabenen Teile der Platte. Im Vergleich zur Radierung, erhielte man mit dem Holzdruck bei ein und demselben Motiv also eine Art Negativ.

Die Lithografie gehört zu den Flachdruckverfahren. Das Motiv wird mit Fettkreide oder -tinte auf den Stein aufgetragen, die Fläche anschließend mit einer ätzenden Flüssigkeit behandelt. Dort, wo der Stein nicht durch die fetthaltige Farbe geschützt ist, dringt die Flüssigkeit in den Stein ein. Nach dem Entfernen der Fettkreide oder -tinte bleibt die Druckfarbe nur dort haften, wo sich die Zeichnung zuvor befunden hat.

Wer an einem der Kurse in der Druckwerkstatt teilnehmen möchte, findet die Termine auf der Homepage der Kulturwerkstatt Haus 10: www.kulturwerkstatthaus10.de. BERJ

Zschaus zierliche Hände haben den schweren Lithostein fest im Griff. Beherzt zieht die kleine Frau ihn immer wieder in reibenden Bewegungen über einen zweiten Stein, auf dem die Zeichnung eines Häuschens zu sehen ist. Nach und nach verschwindet das kleine Haus, so dass der Stein für den Druck eines neuen Motivs wiederverwendet werden kann. Zschaus ganzer Körper geht in der Bewegung mit, vor und zurück, immer und immer wieder. Wer keine Geduld oder die nötige Ausdauer hat, für den ist Lithografie mit Sicherheit nichts. "Gut die Hälfte der Leute, die einen Kurs anfangen, kommen nach dem ersten Tag nicht wieder", sagt die Leiterin der Abteilung Lithografie in der Druckwerkstatt des Haus 10. "Weil es zu mühsam ist", sagt sie.

Die Motive entstehen auf Kupfer und Zinkplatten.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Eigentlich dauert ein Lithografiekurs bei Zschau drei Tage. So viel Zeit braucht es, die Steine vorzubereiten, das Motiv aufzutragen und für den Druck vorzubereiten. An diesem Montag muss das alles innerhalb von nur wenigen Stunden klappen, denn Zschau hat eine Kindergartengruppe zu Besuch, die die alte Technik der Lithografie kennenlernen will. "Es ist nicht optimal, aber ein schwacher Druck ist auch nach ein paar Stunden schon möglich", sagt Zschau. Wobei bei der Lithografie grundsätzlich gilt: je öfter mit einem Stein gedruckt wird, desto intensiver erscheint das Motiv.

Rosa Zschau kümmert sich um den Bereich Lithografie.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Auf den großen Lithostein haben die Kinder Blumen, Schmetterlinge und Bienen gemalt. Zschau bearbeitet den Stein mehrmals mit Säure und Gummi arabicum und erklärt dabei jeden ihrer Schritte. "Jetzt wird dein Schmetterling wieder zugedeckt", sagt sie zu einem der Kinder, die mit großen Augen jeden Handgriff der Künstlerin beobachten. Der Stein, das erklärt Zschau, muss für den Druck ein ganz besonderer sein: Solnhofener Naturstein. Ein limitiertes Gut. Denn er zeichnet sich durch seine feine Struktur aus, die so nur in einer ganz bestimmten Region und unter bestimmten Bedingungen vorkommt. "Wir haben unsere vom Ravensburger Verlag", erklärt Zschau. Der hat noch bis 1970 Steindruck eingesetzt, bevor er vom modernen und wirtschaftlicheren Offsetdruck abgelöst wurde.

Die Arbeiten zeigen farbige und schwarz-weiße Bilder, Grafisches, Abstraktes und Gegenständliches.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Zschau greift nach einer kurzen Wartezeit zum Lösungsmittel. "Eure Zeichnung wird jetzt erst einmal verschwinden", sagt sie zu den Kindern. Die Kursleiterin beginnt die Fettfarbe abzulösen und einigen Kindern ist das Missfallen darüber direkt vom Gesicht abzulesen. "Alles weg!", sagt einer der Buben fassungslos. "Oh schade", findet eines der Mädchen. Umso größer die Freude, als Zschau später mit der Asphaltfarbe über die Platte walzt und die Farbe dort hängen bleibt, wo zuvor die Zeichnungen waren. Die Bienen, Schmetterlinge und Blumen sind plötzlich wieder zu sehen. "Wow", "Zauberei", raunen die 15 Kinder, allesamt ein breites Grinsen im Gesicht.

Gisela Franzke, die in dem Kindergarten arbeitet, aus dem die Gruppe kommt, freut sich über die Reaktion. Sie hat sich privat schon mehrmals in die Werkstatt eingemietet, um an ihren eigenen Drucken zu arbeiten. Franzke will, dass die Kinder sehen, wie alte Techniken funktionieren. "So etwas weiterzugeben, finde ich einfach wichtig", sagt sie. Und ihre Idee scheint aufzugehen. Den Kleinen gefällt, wie der Lithostein mit ihrer Zeichnung in die große Presse eingespannt wird, wie der Reiber über den Stein und das Papier darauf gleitet und das Motiv immer und immer wieder vervielfältigt.

So wie Gisela Franzke könne sich prinzipiell jeder Künstler in die Werkstätten des Haus 10 zum Arbeiten einmieten, erklärt Stefan Wehmeier. Die Druckwerkstatt bietet viele Möglichkeiten. Ausgestattet ist sie unter anderem mit drei unterschiedlichen Druckpressen, darunter sowohl manuelle als auch eine elektronische. Es gibt eine Wärmeplatte, die verhindert, dass die Farben eintrocknen. Die Werkstatt ist ausgestattet mit den nötigen Chemikalien, Substanzen und Farben sowie Werkzeugen. "Ich glaube, das ist ein guter Raum zum Arbeiten", sagt Wehmeier. Wer die Techniken zunächst erlernen möchte, für den werden Kurse angeboten. Mitmachen könne grundsätzlich jeder. "Wenn du Lust dazu hast, dann funktioniert das auch", meint er.

Grundsätzlich kann sich jeder bayerische Künstler in der Druckwerkstatt des Haus 10 einmieten, um dort an seinen Kunstwerken zu arbeiten. Abgesehen davon gibt es auch Kurs- und Gruppenangebote. Aktuelle Termine werden laufend auf der Homepage der Kulturwerkstatt Haus 10 veröffentlicht.