SPD:Die Wortgewaltige

SPD: Carmen Wegge hat demnächst Geburtstag. Ihr größter Wunsch ist ein Abgeordnetenmandat in Berlin.

Carmen Wegge hat demnächst Geburtstag. Ihr größter Wunsch ist ein Abgeordnetenmandat in Berlin.

(Foto: Günther Reger)

Carmen Wegge von der SPD dichtet als Poetry-Slammerin und arbeitet als Juristin

Von Christine Setzwein

Es ist mutig, sich vor wildfremden Leuten mit eigenen Texten auf eine Bühne zu stellen und sich mit Profis der Poetry-Slam-Szene zu messen. Es ist mutig, an fremden Türen zu klingeln, um sich als Kandidatin einer Partei vorzustellen, mit der es jahrelang in Bayern bergab gegangen ist. Es ist auch mutig, als Mutter einer achtmonatigen Tochter mit ständigem Schlafdefizit eine wochenlange und anstrengende Wahlkampftour zu absolvieren. Für Carmen Wegge ist Mut "die Bereitschaft, angesichts erwartbarer Widerstände etwas zu tun, weil man es für richtig hält". Darum will die 31-jährige SPD-Kandidatin mit dem Motto "Mutig sein" den Sprung in den Bundestag schaffen.

Seit sie 15 Jahre alt ist, macht Wegge Poetry-Slam. Während des Jura- Studiums hat sie damit Geld verdient, hat Workshops gegeben, ist als Slam-Poetin in England, Togo und an der Elfenbeinküste aufgetreten. Drei Monate hat sie auf Barbados gearbeitet. Die Münchnerin liebt die Bühne und vom modernen Dichterwettstreit - bei dem selten gedichtet wird - in die politische Arena ist es nicht weit. Ohnehin sind die Texte von Wegge alle politisch. Mit Slam-Prosa könne die Politik menschlich gemacht werden, sagt sie.

Ob es um die ewig gleiche fremdenfeindliche Leier an den Stammtischen geht, um den Mädelsabend, bei dem vermeintlich unzulängliche Körperteile zur Sprache kommen, aber auch die Angst vor der Zukunft. Oder ob es ganz reale Chauvi-Sprüche an den Infoständen sind, die sie irgendwann nicht mehr weglächeln kann und will: "Eine junge Mutter mit Kind gehört nicht nach Berlin." "Ist der rote Lippenstift nicht zu aufdringlich?" "Politikerin und dann auch noch hübsch, geht das überhaupt?" Gegen dieses frauenverachtende Menschenbild geht sie an, als Slammerin und als Politikerin.

Carmen Wegge wird 1989 in Sprockhövel im Ruhrgebiet geboren, sie ist Kind einer Arbeiterfamilie. Sozialdemokratisches Gedankengut ist ihr quasi in die Wiege gelegt. 2006 zieht die Familie nach Olching in den Landkreis Fürstenfeldbruck. 2009 macht Wegge das Abitur am Gymnasium Gröbenzell, studiert anschließend in München Rechtswissenschaften. 2018 macht sie das Zweite Juristische Staatsexamen, arbeitet seitdem im Inklusionsamt Oberbayern. Ihr Ziel: Sie will Richterin am Arbeitsgericht werden - wenn sie die Wählerinnen und Wähler nicht nach Berlin schicken. Auf der SPD-Landesliste steht sie auf Platz 20. Derzeit sind Bayerns Sozialdemokraten mit 18 Abgeordneten im Bundestag vertreten. Sollte die SPD auch in Bayern an Zustimmung gewinnen, hat Wegge gute Chancen auf ein Mandat. "Ich kämpfe um jede Stimme", sagt die stellvertretende Juso-Landesvorsitzende.

Bis zum Wahltag will sie an 6000 Haustüren geklingelt haben. Bis jetzt habe ihr nur einer die Tür vor der Nase zugeschlagen. Fast immer sei die Kanzlerfrage Thema, aber auch Klimawandel und Arbeitsplätze. Klinkenputzen, Infostände und Flyer sind Wahlkampfklassiker. Damit gibt sich die 31-Jährige nicht zufrieden. Sie wirbt um Stimmen mit Online-Veranstaltungen und einer ganz besonderen Aktion: In kurzen, selbstgedrehten Kampagnenvideos erzählen lokale SPD-Mitglieder in Dialogen, warum sie SPD wählen. "Ich wähle die SPD, weil sie dafür sorgt, dass der Strom ausschließlich aus regenerativen Energien erzeugt wird und weil sie meine Töchter, die für Fridays for Future demonstrieren, endlich ernst nimmt", sagt die frühere Kreisvorsitzende Julia Ney. "Ich wähle die SPD, damit sich meine Freundinnen auf das Wesentliche konzentrieren können und keine Demos von Rassisten bewachen müssen", sagt Neys Nachfolgerin, die Kriminaloberkommissarin Christiane Kern. Weitere Themen sind Pflege, Wohnen, Kinderbetreuung, öffentlicher Nahverkehr oder Inklusion. Die Videos seien "semiprofessionell", aber "Wahlkampf soll auch Spaß machen", sagt Wegge.

Für jeden der 23 SPD-Ortsvereine im Bundestagswahlkreis wurde ein eigenes Plakat mit ihr und einem örtlichen SPD-Mitglied gedruckt. Mit der Wörthseer Bürgermeisterin Christel Muggenthal setzt sie sich darauf gemeinsam für bezahlbaren Wohnraum ein, mit der Seefelder Ärztin Brigitte Altenberger für eine gesunde Zukunft oder mit dem Vilgertshofener Bürgermeister Albert Thurner für mehr Busse und Bahnen. Unterstützt wird Carmen Wegge auch von Berliner SPD-Prominenz. Die Bundesvorsitzende Saskia Esken war mit ihr in Germering unterwegs, ihr Amtskollege Norbert Walter-Borjans wird am 21. September im Landkreis Starnberg erwartet. Sein Thema in der reichsten Region Deutschlands: Vermögenssteuer und Vermögensverteilung. Wegge sagt: "Es geht uns um eine solidarische Gemeinschaft."

Dass die Juristin den Wahlkampf so durchziehen kann, liegt daran, dass sie und ihr Mann in Elternzeit sind. Am 24. September feiert Carmen Wegge ihren 32. Geburtstag. Was sie sich wünscht, ist klar: ein Bundestagsmandat. Und wenn es nicht klappt? "Dann schaffe ich es in vier Jahren."

© SZ vom 17.09.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB