Kultur:Sonate auf der Klaviatur menschlicher Emotionen

Lesezeit: 3 min

Kultur: Michael (René Oltmanns) und Lily (Marion Nitsch) scheinen anfangs wenig gemeinsam zu haben und werden doch beste Freunde

Michael (René Oltmanns) und Lily (Marion Nitsch) scheinen anfangs wenig gemeinsam zu haben und werden doch beste Freunde

(Foto: Klaus Schraeder/oh)

Bei der Premiere von "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" gibt es an der Neuen Bühne Bruck die ganz großen Gefühle - so gut inszeniert, dass es nie kitschig wird.

Von Florian J. Haamann, Fürstenfeldbruck

Zum Abschluss gibt es eine Träne. René Oltmanns steht auf der Bühne, zusammen mit seiner Spielpartnerin Marion Nitsch, und empfängt den begeisterten Applaus des Publikums, als für einen Moment die Emotionen übernehmen. Nicht mehr als Schauspieler in seiner Rolle des Michael. Sondern als René, in seiner Rolle als Mensch. Eine Träne, so ehrlich, so angebracht, so zwangsläufig, dass sie den Abend besser zusammenfasst, als es Worte könnten. Zwei Stunden haben Oltmanns und Nitsch zuvor eine selten berührende Sonate auf der Klaviatur der menschlichen Emotionen gespielt. Mit einer Leidenschaft, wie man sie fast nur auf kleinen (Laien-)Bühnen erleben kann und auch nur an ganz besonderen Tagen. Der Premierenabend von "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" war ein solcher Tag.

Soundtrack des Abends ist Judy Garlands "Get Happy". "Forget your troubles, c'mon get happy. You better chase all your cares away", klingt es zu Beginn aus den Landsprechern, "Forget your troubles" singen die Protagonisten Michael ( René Oltmanns) und Lily (Marion Nitsch) flüsternd und brüchig, als die Tragik der Situation mal wieder nicht mit anderen Worten aufzulösen ist. Die Textzeilen werden zum Mantra zweier bis ins Mark verletzter Seelen, die zum ersten Mal in ihrem Leben aus den Rollen schlüpfen können, die die Gesellschaft - mit ihren Erwartungen und Vorurteilen - für sie vorgesehen hat und die sie unhinterfragt ausfüllen. Nun aber, in Lilys kleinbürgerlicher Witwenwohnung, mit sauber aufgestellten Sofakissen und über überquellender Hausbar, streifen sie sich gegenseitig diese Hüllen ab und stehen emotional nackt voreinander. Anfangs unsicher und verschämt. Doch mit jedem Tanz, jedem Gespräch werden sie selbstbewusster - und sich ihrer selbst bewusster.

Michaels Rolle ist die des prätentiösen, stets etwas zu aggressiven, homosexuellen Tanzlehrers, Lily ist eine verwitwete "alte Schachtel", nicht eigenständiger Mensch, sondern noch immer Ehefrau ihres vor Jahren verstorbenen Mannes, einem konservativen Baptistenprediger. So sehr ist sie in dieser Rolle gefangen, dass sie anfangs so tut, als lebe er noch. Als Michael, der zuvor selbst über seine Sexualität gelogen hat, ihre Lüge aufgedeckt, erklärt sie sich mit einer wundervollen Metapher: "Solange jemand deine Hand hält, bist du dreidimensional". Gerade als Frau, gerade im Alter. Deswegen meidet sie seit Jahren Gesellschaft, einer ihrer wenigen Kontakte ist die Hass-Freundschaft zur Nachbarin in der Wohnung unter ihr, die vor allem über entnervte Telefonate läuft. Als sie die Einsamkeit nicht mehr erträgt, bestellt sie sich einen Tanzlehrer nach Hause, es ist Michael. Auf den ersten Blick trennen die beiden Welten. Weil sie es aber schaffen, einander ehrlich zuzuhören, werden die beiden Einsamen letztlich beste Freunde.

Das erste Treffen wird fast zum Desaster, die gegenseitigen Vorurteile treten zum Florettkampf an, beide landen wirkungsvolle Treffer, die Fassaden werden aufgeschlitzt. Das schmerzt, Lily will Michael rauswerfen, der appelliert auf Knien an ihr Mitgefühl. Und weil glücklicherweise diese Stelle schon freigelegt ist, darf er doch noch seinen rosa CD-Spieler anwerfen. Zu "Bei mir bist du schoen" swingen sich die beiden langsam aufeinander zu, finden vorsichtig einen gemeinsamen Rhythmus. Es wird kurz dunkel, Michael und Lily treten ab und das Publikum wird noch einen Moment eingehüllt von der Musik. "And when you came in sight, dear, my heart grew light. And this old world seemed new to me"

Nach und nach erzählt das 2001 von Richard Alfieri geschriebene Stück nun die Lebensgeschichten des Duos. Lily war in ihrer Jugend durchaus freigeistiger, war in der konservativen Ehe nie glücklich, hat sie aber lange ertragen. Vollständig zerbricht sie, als die gemeinsame Tochter unehelich schwanger wird. Der Mann verbietet den Kontakt, sie fügt sich. Das Mädchen sieht eine Abtreibung als einzigen Ausweg. Sie stirbt bei dem illegalen Eingriff und ihre Mutter innerlich mit ihr. Nun hat sie erst recht keine Kraft mehr, sich zu lösen, sie bleibt eine provisorisch zusammengeklebte Hülle und tut das, was sie gelernt hat: funktionieren statt fühlen. Es ist eine Zeit, in der das Ausleben von Homosexualität reicht, um gesellschaftlich geächtet zu werden. Also erträgt er es, als seine Affären ihn misshandeln, nimmt ihre Schläge an wie eine christliche Selbstgeißelung. Jede Narbe verstärkt als neues Glied sein Kettenhemd aus Zynismus und Selbsthass. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ist es nur richtig, dass er nicht geliebt wird.

Ein Text, der so viele Tragöden und Emotionen aufbietet, läuft permanent Gefahr, in plumpen Seifenoper-Kitsch abzurutschen. Dass genau das an der Neuen Bühne nicht passiert, ist der Verdienst von drei Menschen: Nitsch und Oltmanns, die ihre Rollen beeindruckend spielen. Nein, sie spielen sie nicht wirklich, sie fühlen sie, sie sind Lily und Michael. Und sie verschmelzen und einem traumhaft harmonierenden Bühnenduo. Und dann ist da noch die Regisseurin Petra Wintersteller, die dem Text an genau den richtigen Stellen seinen Witz lässt und das Tempo immer da anzieht, wo es nötig wird. Und so wird "Sechs Tanzstunden in sechs Wochen" zu einem Saisonabschluss an der Neuen Bühne, der alle, die ihn sehen, mit einem guten Theaterfühl durch die Spielzeitpause trägt.

"Sechs Tanzstunden in sechs Wochen", Neue Bühne Bruck, nächste Termine: 26. und 27. Februar, 4., 13., 18. und 19. März. Tickets und weitere Termine unter www.buehne-bruck.de

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