Nachhaltigkeit:Weihnachtsmusik zur Sommerzeit

Seit zwei Jahren werden im Repair-Café Olching viele Defekte behoben, so dass Geräte, Spielsachen und Kleidung weiter benutzt werden können. Mitunter stehen die Techniker auch vor diffizileren Problemen. Wie ein Tonbandgerät, das nach der Reparatur seltsame Töne von sich gibt

Von Johanna Haas, Olching

Nachhaltigkeit: Ob Hose, Videorekorder oder Dampfbügelstation - im Repair-Café Olching hilft Christine Skraba dabei mit, dass defekte Sachen wieder funktionieren.

Ob Hose, Videorekorder oder Dampfbügelstation - im Repair-Café Olching hilft Christine Skraba dabei mit, dass defekte Sachen wieder funktionieren.

(Foto: Günther Reger)

Gelächter schallt aus der ehemaligen Hauptschule in Olching, in der einmal im Monat das Repair-Café stattfindet. Zufrieden verlassen die Besucherinnen und Besucher das weiße Schulgebäude und tragen unterm Arm: die geflickte Hose, die Lieblingslampe oder die alte Nähmaschine, die jetzt wieder funktioniert. Denn dank dem Repair-Café wird Kaputtes nicht gleich weggeworfen, sondern kostenlos repariert. Eine Idee der Nachhaltigkeit, die erstmals 2009 in Amsterdam umgesetzt wurde und schließlich in deutschen Städten und Gemeinden übernommen wurde. In Olching wurde das Projekt vor zwei Jahren aufgesetzt. Nun, da es die Corona-Regeln wieder zulassen, werden DVD-Player, Fernseher, Hosen und Teddybären repariert. Und wenn nicht gerade eine Pandemie wütet, trinken die Besucher währenddessen Kaffee und essen frisch gebackenen Kuchen.

"Guten Tag, willkommen im Repair-Café." Strahlend begrüßt Adelheid Kreilinger, ehrenamtliche Helferin, Gregor Schley. Er ist Besucher des Repair-Cafés und dieses Mal e wegen der defekten Nähmaschine seiner Frau da. Ein kurzer Blick auf den mitgebrachten Gegenstand: Kann der selbst getragen werden? Ja kann er. Dann darf sich der Besucher zur kostenfreien Reparatur anmelden - das ist nämlich die Voraussetzung. Frau Kreilinger drückt dem Nähmaschinen-Besitzer ein Anmeldeformular in die Hand. Außer dem Namen und der Adresse gibt er an, was repariert werden muss - ein Elektrogerät, Schmuck, Kleinmöbel, ein Fahrrad oder doch etwas ganz anderes.

Schley kreuzt das Feld "Elektrogerät" an. Wo genau das Problem liegt, weiß Schley nicht. Aber er hat große Hoffnung, dass die erfahrenen Tüftler ihm auch heute helfen können. Er war bereits im Juli im Café, um eine Lampe reparieren zu lassen. "Das war eine pinke Dackellampe. Hinten am Schwanz war der Ein- und Ausschalter zu finden, der war kaputt. Aber nachdem ich hier war, ging sie wieder einwandfrei. Der Hans ist da echt super", erzählt Schley. Hans Kreilinger ist Gründungsmitglied und ein echter Vollbluttüftler. Gerade kümmert sich der gelernte Werkzeugmachermeister um die defekte Nähmaschine von Gregor Schley. Gespannt betreten die beiden die Elektro- und Holzwerkstatt des Gebäudes, in der eifrig geschraubt, genäht und getüftelt wird. Konzentriert sitzen die Reparateure an ihren Werkbänken, vor ihnen die kaputten DVD-Player, Notebooks und Hosen. Genauso konzentriert starren die Besitzer auf ihre Mitbringsel. "Hier lernt man als Gast noch was", betont ein Besucher der Werkstatt. Hans Kreilinger setzt sich an seine Werkbank, setzt sich seine blaue Lesebrille auf den Kopf und fängt an, herauszufinden, wieso die Nähmaschine von Herrn Schley nicht mehr funktioniert. "Das Schwierigste ist nicht die Reparatur, sondern den Fehler zu finden. Je mehr Infos der Kunde mitbringt, desto schneller kann der Fehler behoben werden", erzählt Kreilinger.

Gregor Schley, der gegenüber von Kreilinger Platz genommen hat, ist begeistert von der Sorgfalt und Ruhe, mit der sich die Reparateure auf die Suche nach dem Defekt machen. "Wir können ungefähr 70 Prozent der Sachen reparieren. 20 Prozent können wir nicht ganz reparieren. Da sprechen wir dann eine Empfehlung aus, was gemacht werden muss, damit das Fahrrad, die Lampe oder der Fernseher wieder funktioniert", erklärt Kreilinger. Die restlichen zehn Prozent seien Gegenstände, bei der die Reparatur nicht gelingen konnte.

Nachhaltigkeit: Hans Greil repariert eine Dampfbügelstation.

Hans Greil repariert eine Dampfbügelstation.

(Foto: Günther Reger)

Die gute Quote hat der gelernte Werkzeugmachermeister seinen Teammitgliedern zu verdanken. Es gibt im Repair Café nämlich immer die passenden Reparateure für das zu behebende Problem - ihr Spezialgebiet eben. Es gibt einen Spezialisten für Kaffeevollautomaten, einen für Schmuck und einen für Fahrräder. Obwohl jeder Profi auf seinem Gebiet ist, kommen immer wieder Herausforderungen auf die Mitglieder zu. "Da kommt dann jemand mit einem Elektrokart für Erwachsene, einem Teddybär, dem der Bauch gefüllt werden muss oder einem kaputten Tonband, das so viele Defekte hat, dass man gar nicht mehr weiß, wo man anfangen soll", witzelt Kreilinger. Das Tonbandgerät sei die schwierigste Aufgabe gewesen, aber auch das sei repariert worden. Am Ende hätte sich jeder gewundert, dass Mitte Juli Weihnachtsmusik durch das Gebäude dudelt. "Aber der Besitzer war überglücklich, wieder seine Lieblingsmusik hören zu können", bemerkt Frau Kreilinger.

Nachhaltigkeit: "Wir können ungefähr 70 Prozent der Sachen reparieren", sagt Hans Kreilinger.

"Wir können ungefähr 70 Prozent der Sachen reparieren", sagt Hans Kreilinger.

(Foto: Günther Reger)

"Und da ist das Problem", ruft Hans Kreilinger. Die Batterie der Nähmaschine ist ausgelaufen. Außerdem ist der Kontakt beschädigt. Eifrig säubert der Tüftler das Gehäuse und sucht die passenden Federn aus dem Material-Regal der Werkstatt. Die erste ist zu klein, da springt die Batterie wieder heraus - die zweite passt perfekt. Und, funktioniert die Nähmaschine wieder? Ja, die Nadel bewegt sich wieder auf und ab. "Wahnsinn! Da wird sich meine Frau freuen", sagt Gregor Schley strahlend. Werkzeugmachermeister Kreilinger kann also auf dem Auftragszettel das Feld "Ja, die Reparatur ist gelungen", ankreuzen. Bezahlen muss Schley nichts. Er kann eine Spende an die ehrenamtlichen Helfer geben. Wiederkommen möchte Gregor Schley auf jeden Fall. Vielleicht im nächsten Monat und dann vielleicht auch mit Kaffee und Kuchen.

Das nächste Repair-Café findet am 18. September statt. Alle Termine sind auf der Homepage www.repaircafe-olching.de nachzulesen.

© SZ vom 26.08.2021
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