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Musik:Voluminöser Klang, rockige Lautstärke

Bluestrings

Elektrisch, verkabelt, körperlos: "Bluestrings Electric" heißt das Konzert im Puc. Der Name ist zugleich Programm für diese Premiere.

(Foto: Günther Reger)

Das Streichensemble "Bluestrings" bietet beim ersten Konzert mit elektrischen Instrumenten in Puchheim beste Unterhaltung

Aline Patschke haut mit voller Wucht auf die Tomtoms ihres Schlagzeugs. Der schnelle Rhythmus, den sie damit setzt, feuert ihre Bandkollegen noch weiter an. Es ist das letzte Lied vor der Pause und die "Bluestrings" zeigen bei ihrem Konzert voller Stolz, dass Heavy Metal auch auf Streichinstrumenten gut klingt. Das Besondere in diesem Moment ist nicht nur, dass die Jugendlichen des Streichensembles der Kreismusikschule ein Stück spielen - "Metall" von Susanne Paul -, das mit jeder Note beweist, wie cool eine Geige sein kann. An diesem Samstagabend im Puc ist noch etwas anderes ganz besonders: Das Konzert "Bluestrings Electric" ist ein einmaliges Ereignis - die Mitglieder des Streichensembles haben nur für diesen Auftritt ihre Instrumente - Geigen, Bratschen, Celli und Kontrabass - gegen elektrische Versionen davon eingetauscht.

Es ist nicht einfach, etwas Neues auszuprobieren. Vor allem, wenn das Gewohnte so wunderbar läuft. Man weiß ganz genau, wie es sich anfühlt, die geliebte Geige unters Kinn zu klemmen und wann der Moment eintrifft, dass der Bogen auf den Saiten spannt. Und dann der schon antizipierte Ton, dieses unmittelbare Erklingen in den eigenen Händen. Das Gewohnte von Unbekanntem zu unterbrechen - dazu gehört Mut. Und den haben die Mitglieder von Bluestrings. Heute setzen sie nicht, wie sonst, auf die jahrhundertealte Tradition des Analogen, auf die Schwingung des Holzkörpers, auf den selbstproduzierten Klang, der direkt am Ohr zu hören ist. Heute verlassen sie sich auf die Bauweise der Firma Yamaha, die für Innovation, Technologie, 21. Jahrhundert steht. Die sogenannten Silent-Instrumente sind all das, was die üblichen Instrumente der Jugendlichen von Bluestrings nicht sind: elektrisch, verkabelt, körperlos.

Gut, Kabel auf der Bühne kennen die jungen Männer und Frauen eigentlich schon. Denn auch bei den Konzerten, die Bluestrings normalerweise gibt, stehen stets Mikrofone auf der Bühne, die den Klang der Streichinstrumente abfangen, damit sie etwas lauter zu hören sind. Bei den Yamaha-Instrumenten gibt es aber nur den fremden, anderen, fernen Klang. Er ist ausschließlich das, was elektrisch produziert wird.

"Wir machen Musik, ohne uns zu hören, das kennen wir nicht", sagt Ensemble-Leiter Frank Wunderer, bevor es mit dem Konzert losgeht. Bei den Yamaha-Instrumenten gelangt ein elektrisches Signal durch ein Kabel vom Instrument zum Verstärker und nur so ist das Instrument überhaupt erst zu hören. Die Geigen, Celli, der Kontrabass, all das läuft zusammen und mündet im Lautprechersound. Eigentlich ein längst bekanntes Prinzip - ein Konzert mit elektrischen Instrumenten eben. Nur, dass diejenigen, die es spielen, so etwas zum ersten Mal machen. Und betont werden muss auch, dass ein so großes Ensemble sich an den Silent Instrumenten noch nie versucht hatte, normalerweise spielen Solisten diese Prachtstücke ohne Korpus. Die Jugendlichen durften die besonderen Exemplare laut Wunderer bloß drei Mal vor dem Konzert ausprobieren. "Wir sind selbst überrascht, wie es klingt", sagt der Bluestrings-Chef. Das Ergebnis klinge trotzdem "so geil", dass sie es mit dem Publikum unbedingt teilen wollen. "Genießt einfach die Töne", sagt er. Dann legen sie los.

Bereits die ersten Noten sind eine Überraschung. Der Klang ist sehr voluminös, die Lautstärke steht einem Rockkonzert in nichts nach. "Könntest du die Sologeige auf Monitor legen?", fragt Wunderer den Techniker nach dem ersten Song. Der Monitor ist die einzige Möglichkeit, sich selbst beim Spielen zu hören. Die Technik spielt an diesem Abend eine herausragende Rolle - deshalb versäumt es Wunderer nicht, mehrmals Dank an Jens Weingärtner, der für die Technik verantwortlich ist, auszusprechen.

Ein anderer Mann, ohne den die elektrische Version der Bluestrings nicht entstanden wäre, heiß Max Grosch. Er ist Dozent für Jazzgeige und Improvisation, spielt selbst eine Yamaha Silent-Geige und hat die Kooperation zusammen mit Wunderer auf die Beine gestellt. So gesellt er sich mit auf die Bühne - mit jedem Einzelnen spielt er eine kleine improvisierte Partie auf die Grundtöne von "Yesterday" von den Beatles.

Nun hat jedes Bluestrings-Mitglied die Chance, sein Spiel des neuen Instruments einzeln erklingen zu lassen. Die Jugendlichen zeigen sich souverän - die neuen Versionen ihrer Streichinstrumente sind zwar ungewohnt, nicht aber das Spiel an sich und schon gar nicht die Live-Situation auf der Bühne. Dort, wo manches Mal die Unsicherheit überwiegt und den Klang holprig werden lässt, rettet die kindliche Neugier und der sichtliche Spaß am Spiel trotzdem den Moment und sorgt beim Publikum im Saal immer wieder für eine gelungene Unterhaltung. Und so steht den Jugendlichen am Ende die Freude über das Experiment ins Gesicht geschrieben, als sie sich verbeugen.

© SZ vom 22.05.2018
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