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Abschaffung der Milchquote:Melken ohne Grenzen

Georg Spicker hält 60 Milchkühe.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Ende des Monats wird die Milchquote abgeschafft. Dann kann jeder Hof so viel produzieren, wie er will. Während BBV-Kreisobmann Johann Drexl vor allem Vorteile sieht, warnt der BDM-Kreisverband vor fallenden Milchpreisen.

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Im Kuhstall ist am Montagnachmittag alles wie immer. Es riecht etwas säuerlich nach Gülle und Futter. Nur eines der Tier scheint sich unwohl zu fühlen, bringt das mit klagenden Lauten zum Ausdruck, beruhigt sich aber wieder. Das spiegelt die Stimmungslage von Georg Spicker wider. Er weiß, dass etwas in der Luft liegt, völlig geruchslos aber folgenreich für viele Bauern: Nach mehr als 30 Jahren fällt am 1. April die Milchquote. Dann kann jeder so viel erzeugen wie er will. Klingt gut. Könnte aber bedeuten, dass die Preise ordentlich in den Keller rasseln, größere Betriebe die besseren Karten haben und noch mehr kleinere ins Gras beißen als heute schon.

Georg Spicker ist ein Landwirt wie aus dem Bilderbuch. Seinen bärenhaften Händen sieht man die körperliche Arbeit an. Und aus den hellen Augen blitzt Bauernschläue ebenso wie rationaler Geschäftssinn. Beim Gespräch über die Milchquote wird schnell klar, dass Spicker gar keine Lust hat, ins Gejammere und den Abgesang auf die Landwirtschaft einzustimmen. Er gehört dem Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) an. Dessen Kreisvorsitzender Johann Schamberger wird nicht müde, das Versagen der deutschen und auch bayerischen Agrarpolitiker zu geißeln und den Existenzkampf der Bauern in den Blickpunkt zu rücken. Schamberger liegt im Clinch mit dem Bayerischen Bauernverband, den er für viel zu CSU-hörig hält. Der Kreisobmann eben jenes Verbandes, Johann Drexl aus Hattenhofen, hält das für einen ziemlichen Quatsch und warnt beim Thema Milchquote vor Dramatisierungen. Auch er spürt freilich die Verunsicherung der Landwirte. Und er räumt ein, dass niemand seriös vorhersagen kann, ob am Ende nun alles besser oder doch schlechter wird. "Wir sehen dem April mit gemischten Gefühlen entgegen", sagt Drexl. Für die Quote wird es keine Kompensation geben.

Im modernen Melkstand hilft Spicker seine Frau Regina.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Trotzdem lenkt der BBV-Obmann den Blick auf die Vorteile der Abschaffung: Überschritten Betriebe bislang ihr Limit, mussten sie empfindliche Strafzahlungen leisten. Wer expandieren will, musste anderen Betrieben das entsprechende Kontingent abkaufen. Der Preis dafür lag schon mal bei zwei Euro pro Liter. Hätte beispielsweise Spicker sein Jahreskontingent von etwa 450 000 Kilo um 100 000 Kilo aufstocken wollen, dann hätte ihn das bis zu 200 000 Euro gekostet. Ein Haufen Geld, "und das eigentlich für nichts", findet Drexl. Bei den Landwirten machte deshalb der Begriff "Sofamelker" die Runde. Damit sind Landwirte gemeint, die ihren Betrieb aufgeben und davor noch bei Kollegen ordentlich abkassieren. Angesichts des absehbaren Endes der Quote sank deren Preis pro Kilo vergangenes Jahr bereits auf 15 Cent. Allerdings, und da hat nun wieder der Moorenweiser BDM-Chef Schamberger recht, wird der Preis pro Liter Milch durch die Deregulierung wohl fallen. Vor einem Jahr lag der bei gut 40 Cent. Heute sind es 32. Alles unter 30 Cent sei unrentabel, sagt Spicker. Andererseits, wendet Drexl ein, ist der Milchmarkt längst globalisiert, mit gewaltigen Akteuren wie China auf der Nachfrageseite.

Was also bewirkt die Quote? Drexl glaubt, dass moderne Betriebe sich durchsetzen werden und eher mehr Landwirte in die Milchproduktion einsteigen. Es wäre eine Trendumkehr: 2012 gab es im Landkreis 108 Milcherzeuger mit 3919 Kühen. Im Jahr darauf beziffert Martin Bräutigam vom Brucker Landwirtschaftsamt die Zahl der Betriebe auf 102, die der Tiere auf 3790. Aktuell, schätzt BBV-Obmann Drexl, seien noch gut 90 übrig geblieben. Macht bald also auch der Maisacher Landwirt Georg Spicker seinen erst vor sechs Jahren an die Ortsgrenze Richtung Überacker ausgelagerten Hof zu? Verkauft er seine 60 Milchkühe und die Mutterkühe und beschränkt sich aufs Beackern seiner 50 Hektar?

Nein, macht er nicht, auch wenn er davon überzeugt ist, dass die Sache mit der Quote durch ist. Spicker hat aber die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass mittels eines Zuschuss- und Abgabesystems die größten Preisschwankungen doch noch gedämpft werden könnten. Von der Agrarreform im Herbst hätten vor allem die arbeitsextensiveren Ackerbaubetriebe profitiert. Die Welt werde aber auch ohne Quote nicht untergehen, wenn man flexibel ist. Die Fotovoltaikanlage auf dem Dach illustriert, was er mit weiteren wirtschaftlichen Standbeinen meint. Außerdem hat der den früheren Kuhstall in Maisach an eine Physiotherapiepraxis vermietet. Das soll sicherstellen, dass er den abwechslungsreichen Beruf weiter ausüben und sein eigener Herr bleiben kann. Effizienter arbeiten ja, industrielle Landwirtschaft nein. Wachsen will er nicht, sondern bei täglich um die 1300 Litern bleiben.

Geltendorf: Protest der Milchbauern

Diesmal plant der BDM keine Protestaktionen wie 2009, als die Milch auf den Feldern landete.

(Foto: Johannes Simon)

"Geld ist nicht alles". Nach einem guten Realschulabschluss und einem Betriebsschlosser-Praktikum im Jahr 1985 stand für Georg Spicker fest, dass er in die Fußstapfen seiner Eltern treten will. Vor zehn Jahren übernahm der heute 45-jährige Landwirtschaftsmeister den Hof, die beiden unterstützen den Sohn aber weiter. Spicker hofft, dass er den Betrieb einmal an eine der beiden zehn und 13 Jahre alten Töchter und damit die sechste Generation übergeben kann. Sicher ist das nicht: Nach dem Krieg gab es etwa 50 Milchbauern in und um Maisach. Heute ist Spicker der einzige. Neben schwindenden Erlösen liegt das wohl auch daran, dass viele Milchbauern 365 Tage im Jahr arbeiten müssen. Spickers letzter Urlaub war die Hochzeitsreise. Er steht um halb sechs auf und geht in den Stall. Feierabend ist erst nach 18 Uhr, nach dem zweiten Melken.

Um die Auswirkungen eines liberalisierten Milchmarkts geht es auch auf der Hauptversammlung des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) an diesem Mittwoch, 25. März, von 20 Uhr an im Dorfwirt Landsberied. Referent ist der BDM-Landesvorsitzende Manfred Gilch. Zudem werden Landkreisvertreter und Delegierte gewählt.

© SZ vom 25.03.2015
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