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Landkreis:Unkompliziertes Feindbild

Zwei Wissenschaftler befassen sich auf Einladung der Stadtbibliothek Fürstenfeldbruck mit dem Antisemitismus

Von Anna Schorr, Fürstenfeldbruck

"Wieso immer die Juden?" - Mit dieser Frage beschäftigten sich Juliane Sagebiel und Klaus Weber am Montag in ihrem gleichnamigen Online-Vortrag in der Stadtbibliothek Fürstenfeldbruck. Im Rahmen der Internationalen Woche gegen Rassismus sprachen die beiden Vortragenden zwei Stunden lang über Hintergründe und Ursachen von Antisemitismus und beantworteten Fragen aus dem Zoom-Publikum.

Mit Juliane Sagebiel und Klaus Weber begrüßte die Stadtbibliothek in Fürstenfeldbruck zwei interessante Referenten. Juliane Sagebiel war bis letztes Jahr Professorin für Sozialarbeitswissenschaft an der Hochschule München und ist Vorsitzende von Chaverim e.V., dem Freundeskreis des liberalen Judentums und der jüdischen Gemeinde Beth Shalom. Ihre Arbeits- und Forschungssschwerpunkte liegen unter anderem in der Geschichte und Theorien der sozialen Arbeit sowie in System- und Machttheorien. Klaus Weber ist ebenfalls Mitglied bei Chaverim und Professor für Psychologie an der Münchner Hochschule. Er forscht seit mehr als 30 Jahren unter anderem zu den Themen Faschismus und Rassismus. Nach anfänglichen Tonschwierigkeiten und einigen einleitenden Worten der Bibliotheksleiterin Diana Rupprecht und des Vorsitzenden des Eine-Welt-Zentrums Fürstenfeldbruck, Herbert Markus, hat die Referentin Sagebiel im ersten Teil des Vortrags das Wort. Sie beginnt mit einem eindrücklichen Zitat Hannah Arendts: "Vor dem Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher". Antisemitismus definiert Sagebiel in ihrem Vortrag zunächst als bestimmte Form von Wahrnehmung, die sich gegen Juden richtet.

Die Judenfeindschaft bestehe schon seit etwa 2000 Jahren und äußere sich heute in verschiedenen Formen: So gebe es den neuen Antisemitismus, der in Kritik am Staat Israel zum Ausdruck komme, den islamistisch geprägten Antisemitismus und den globalen Antisemitismus, der sich in allen Spektren der Gesellschaft fände. Die Referentin präsentiert nun einen kurzen Abriss über die Geschichte des Antisemitismus. "Schon im Mittelalter wurden jüdische Menschen aufgrund ihrer religiösen Anschauungen ausgegrenzt, negative Narrative über Juden wurden von Generation zu Generation weitergetragen", erklärt Sagebiel. Über den Antisemitismus während der Reformation und der Französischen Revolution kommt sie zur sozialdarwinistischen Judenfeindlichkeit: "Juden bekamen nun Eigenschaften als Kollektiv zugeschrieben, die unveränderlich sind", führt die Referentin aus.

Dieser Antisemitismus habe schließlich in der Vernichtung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus gegipfelt. Sie spricht über die Verdrängung des Geschehenen in der heutigen Zeit und schneidet auch die Problematik der Judenfeindlichkeit im Internet an. Am Ende ihres Vortrags weist Sagebiel auf die "Funktion" von Antisemitismus hin: "Judenfeindliche Narrative wirken entlastend, sie reduzieren Komplexität und stiften Gemeinschaft."

Klaus Weber übernimmt den zweiten Teil des Vortrags. Er führt zunächst eine gesellschaftlich-ökonomische Erklärung für Antisemitismus an. Juden stünden unter anderem für den Tauschwert, also das Komplizierte in der kapitalistischen Gesellschaft. Weber zeigt hier den Zusammenhang zu subjektlosen sozialen Mechanismen auf: "Wir bezahlen mit Geld, aber wir wissen eigentlich nicht, warum das funktioniert. Das ist einfach ein Mechanismus, der existiert. Juden repräsentieren dieses Nicht-Verstandene, das in der antisemitischen Denkweise vernichtet werden muss." Im Bezug auf den Holocaust weist er außerdem auf eine Täter-Opfer-Umkehr hin. "Es gab diese Dankesrede im Jahr 1998 für den Friedenspreis des deutschen Buchhandels von Martin Walser. Er sagte, dass er sich als Opfer fühlte und sich immerzu rechtfertigen müsste. Und so gut wie alle im Saal haben applaudiert", erzählt Weber.

© SZ vom 24.03.2021
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