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Kirchen:Heimat to go

Wie Heimat gemeinsam gestaltet werden kann, erörtern im Brucker Veranstaltungsforum Autor Su Turhan (von links), Dekanatsrat Markus Mayer, Theologieprofessor Martin Kirschner, BR-Journalist Tilmann Kleinjung, Weihbischof Bernhard Haßlberger und Allings Bürgermeister Frederik Röder.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Kirchenvertreter setzen bei Gesprächsforum des Erzbistums beim Zusammenleben der Kulturen und Religionen auf mehr Offenheit und Toleranz. Abgeschotteten Gemeinden mit inneren Zirkeln geben sie keine Zukunft

Heimat kann vieles sein und vieles bedeuten. Wird sie als Ort der Geburt, als gefährdetes oder vergangenes Idyll verklärt, besteht die Gefahr, mit rückwärtsgewandtem Blick Fremdes und Neues als Bedrohung auszugrenzen. Wie es auch Rechtsextreme tun. Was Heimat nicht nur vergiftet, sondern mit beinhaltet, den notwendigen Wandel einer sich verändernden Gesellschaft zu leugnen. Richtet sich der Blick dagegen nach vorne, gewinnt Heimat eine dynamische Dimension. Sie wird zur Utopie der gemeinsam zu meisternden Zukunft. Zwischen den Polen eines verklärten Idylls und der Utopie eines von Offenheit und Toleranz geprägten Miteinanders haben sich die Diskussionsbeiträge eines Gesprächsforums des Erzbistums mit Weihbischof Bernhard Haßlberger bewegt. Das Thema der Podiumsdiskussion im Säulensaal von Fürstenfeld lautete: "Heimat gemeinsam gestalten". Wobei das Augenmerk auf dem lag, was die Kirche beitragen kann. Angesichts der Polarisierung der Gesellschaft und aggressiv geführter öffentlicher Debatten ging es um Wege, ein Zusammenleben mit anderen Kulturen und Religionen in Frieden und Respekt zu ermöglichen, ohne eigene Überzeugungen und Traditionen aufzugeben.

Das Leitmotiv für die von etwa 50 Zuhörern verfolgte Diskussion gaben im Saal aufgehängte, gelben Ortseingangsschildern nachempfundene Tafeln von Firmlingen vor. Einer der Texte lautete "Heimat erlebe ich, wo ich bedingungslos geliebt werde, trotz meiner Fehler", in anderen wurde Heimat mit Wohlfühlen, Vertrauen, Freunden gleichgesetzt.

Der türkischstämmige Autor der Krimireihe "Kommissar Pascha", Su Turhan, zog als Kind nach Bayern. Er beschrieb Heimat mit dem Bild, unterwegs zu sein und anzukommen. Heimat setzte er mit einem Wanderer mit einem großen Rucksack gleich. Der Rucksack enthält alles, was Turhan liebt, seine Familie, seine Arbeit. Ein anderes Erleben von Heimat schilderte der aus Ruhpolding stammende Weihbischof Haßlberger. Wird ihm im Urlaub in Ruhpolding auf der Straße zugerufen "Ja Berni, du bist auch wieder da", bedeute das für ihn Heimat. Dazu gehören Berge, der Kirchgang, Gemeinschaft und Trachten als Zeichen der Zusammengehörigkeit.

Der Allinger Bürgermeister Frederik Röder setzte Heimat mit Vertrauen und Geborgenheit gleich. Beides fand der vor 36 Jahren aus Norddeutschland Zugezogene in Alling. Für ihn entsteht Heimat aus dem Dazugehören. Das heißt, man müsse sich einbringen und integrieren. In Röders Bild von Heimat gehen Menschen aufeinander zu und akzeptieren sich, so wie sie sind. Von der Kirche forderte er, mehr für Integration zu tun. Menschen müsse man zusammenführen, dazu könne die Kirche etwas beitragen.

Martin Kirschner, Professor für Theologie in Transformationsprozessen an der Uni Eichstätt, verband sein Heimatgefühl mit einem Strand, mit der Kombination von Meer und Bergen. Röders unbedingtem Integrationsbedürfnis hielt er entgegen, er kenne auch das Nicht-ganz-Dazugehören-wollen, das wie ein Stachel im Fleisch Heimat aufsprengt. Geschehe das nicht, werde es leicht muffig. Kirschner fragte nach den Grenzen des Integrationswillens. Er wollte wissen, ob eine Jugendliche mit Punkfrisur wirklich willkommen sei. "Wie gehen wir mit Konflikten und Brüchen um, damit Heimat nicht eng wird?", sagte er. Der Theologe riet zu unaufdringlichen Formen kirchlicher Präsenz.

Heimat, die der Glaube stiftet, hat laut Kirschner mit Mut zum Aufbruch zu tun. Das Christentum lebe aus der Spannung von gastfreundlichen Ortsansässigen und von Menschen, die von Ort zu Ort zögen und auf Gastfreundschaft angewiesen seien. Er erinnerte an den "Wanderradikalismus" von Jesus, der Menschen aufrufe, die Heimat zu verlassen, und an die Bezeichnung von Kirche als pilgerndes Gottesvolk. Glaube sei "Heimat to go", also Heimat zum Mitnehmen, Kirche ein Ort und Raum von Heimat, Heimatlosigkeit und Beheimatung. "Ich bin mitverantwortlich für meine Umgebung", sagte der Gröbenzeller Dekanats- und Pfarrgemeinderat Markus Mayer. Integration gelinge nur auf der persönlichen Ebene. Da Kirche bei jedem einzelnen anfange, stehe jeder in der Pflicht, auf Menschen, Zugezogene, Flüchtlinge zuzugehen und offen für deren Nöte zu sein. "So kann es nicht gehen, dass Neu-Zugezogene sofort vereinnahmt werden", widersprach der Weihbischof. Nicht jeder freue sich, wenn er angesprochen werde. Es genügten Sensibilität, Offenheit und niederschwellige Angebote. Haßlberger räumte ein, dass Kirchengemeinden lange abgeschottete, geschlossene Gemeinschaften waren. Den Blick zu weiten und in die Welt hinauszuschauen, sei eine wichtige Aufgabe.

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