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Fürstenfeldbruck:Sind Metzger eigentlich Helden?

Die Münchner Food-Fotografin Vivi D'Angelo hat die Arbeit im Schlachthof dokumentiert

"Die Rinder sind wunderschön, stark, mit einen tollen Blick", sagt Vivi D'Angelo. "Und in einem Augenblick ist das riesige Tier weg". Es ist der Moment, in dem der Bolzen ins Gehirn des Tieres fährt und es tötet. Es bricht zusammen und fällt aus der Tötungsbox. Ein Metzger steht bereit, der die Halsschlagader aufschneidet. Das Tier blutet aus. Es wird aufgehängt, gehäutet, ausgenommen, Kopf und Beine werden abgeschnitten. Aus dem lebendigen Tier wird ein Lebensmittel.

D'Angelo, Fotografin aus München, hat im Schlachthof Fürstenfeldbruck-Hasenheide jeden Arbeitsschritt für ihre Fotoreportage "Morgens um vier stirbt das Schnitzel" festgehalten - die Tiere, die Menschen, das Blut. Die Schweine, sagt D'Angelo, seien manchmal wie Hunde, so neugierig. "Im nächsten Moment muss man sie töten. Das ist heftig." Schweine werden mit der Elektrozange betäubt, ausgeblutet, kommen in die Brühmaschine. Auch das sieht man auf den Bildern. An zwei Schlachttagen hat die 34-Jährige Aufnahmen gemacht. Die Begegnung mit den Metzgern und den Tieren hat sie tief bewegt.

Als sie ihre Bilder später am Computer durchschaut, erschrickt sie. Drastische, blutige und ehrliche Aufnahmen sind es. "Auch die Metzger waren schockiert", sagt D'Angelo. "Sie waren erschrocken, sich selber so zu sehen." Sie habe die Männer als sehr einfühlsam kennengelernt. "Die haben sich gekümmert, waren fürsorglich und haben gut auf mich aufgepasst." Während der Arbeit im Schlachthof habe sich ihre Intention gewandelt. Ging es zunächst darum, den Verbrauchern zu zeigen, woher das Fleisch kommt, lag der Fokus bald auf den Menschen, die dort arbeiten, auf der Frage: Was macht das Schlachten mit ihnen, psychisch und körperlich?

"Ich wollte zeigen, was das für Leute sind und was für eine krasse Arbeit die leisten, damit wir Fleisch essen können." Die Arbeit sei körperlich sehr anstrengend und brutal, nicht aber die Metzger. Denn die machten sich Gedanken und stellten ethische Überlegungen an. Im Grunde, sagt D'Angelo, arbeiteten sie für ein Gemeinwohl, "das hat auch was Heldenhaftes". Der damalige Schlachthof-Leiter Thomas Winnacker selbst hatte die Fotografin eingeladen. Er wollte, dass der Schlachthof transparent ist.

Vivi D’Angelo im Schlachthof.

(Foto: Thomas Winnacker/oh)

D'Angelo ist der Überzeugung, wer Fleisch essen wolle, solle wissen, wie das Schlachten vor sich gehe. Viele hielten sie für eine Veganerin, sagt sie. Aber sie isst Fleisch, sehr wenig zwar und nie billiges aus Massentierhaltung. Als Verbraucherin habe sie Verantwortung, als Fotografin ebenso. Sie begnügt sich deshalb nicht mit schön arrangierten, perfekt ausgeleuchteten Bildern von Zutaten und fertigen Gerichten. Die kann sie auch, sie hat an einigen Kochbüchern mitgearbeitet, die in namhaften Verlagen erschienen sind. Dieses Jahr hat die lebhafte, fröhliche junge Frau den Foodfeature-Award beim renommierten internationalen Foodphoto Festival in Dänemark gewonnen. Momentan arbeitet sie an einem Wildkochbuch mit, war im Oktober bei einer Treibjagd dabei. Bei den Jägern habe sie die selbe Achtung vor dem Leben gespürt wie bei den Metzgern, berichtet sie.

Bei dieser Arbeit geht sie oft an ihre Grenzen. "Es gibt Momente, wo ich mir denke, warum mache ich das." Doch wenn man seine Komfortzone verlasse, wachse man. "Was mich emotional schützt, ist, dass ich glaube, ich habe eine Mission. Da sind meine Gefühle nicht so wichtig." Gezeigt hat D'Angelo 40 der Schlachthof-Bilder im Großformat im März eine Woche lang im "Container of Modern Art" im Münchner Werksviertel. 25 davon waren beim Tag der offenen Tür im September im Schlachthof selbst zu sehen.

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