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Poetry Slam:Sieg der Sprache

Poetry Slam

Auch der Umzug vom Haus 10 in den Säulensaal des Veranstaltungsforum hat nichts geholfen: Es kommen so viele Interessierten, dass einige wieder nach Hause geschickt werden mussten.

(Foto: Günther Reger)

Im ausverkauften Säulensaal des Veranstaltungsforums erleben die Besucher einen beeindruckenden Dichterwettstreit

Von Karl-Wilhelm Götte, Fürstenfeldbruck

Sven Kemmler kennt sich aus mit Texten aller Art. Einst verfasste er Werbetexte für Siemens und war Lektor für Drehbücher einer Filmproduktionsfirma. Doch seit zwölf Jahren steht er mit eigenen Kabarettprogrammen beruflich auf der Bühne. Der 48-jährige Münchner hebt sich nicht nur altersmäßig von seinen Konkurrenten beim Poetry Slam der IG Kultur in Fürstenfeldbruck ab, er ist scheinbar der einzige Profi unter den Laien, die um den Sieg beim Dichterwettstreit kämpfen. Kemmler gibt alles, aber im Finale klatschen die 240 Besucher im überfüllten Säulensaal in Fürstenfeld Meike Harms aus Gilching zum ersten Platz.

Doch Kemmler war keineswegs beleidigt. "Ich nehme das sportlich", meinte er zu diesem Wettbewerb, bei dem die Zuschauer per Klatschbarometer entscheiden. Kemmler sicher: "Da ist auch viel Augenblick dabei." Damit wollte er sagen, dass nicht nur die Qualität des Textes zählt. In der Hand hält Kemmler bei seinem Auftritt ein imposantes Vorlesebuch. Da wird die Stimme ebenso gekonnt eingesetzt wie die Wortkunst, piano, crescendo und forte, spannungsverstärkende Pausen und Tempowechsel. Die Wirkung ist sofort da, jeder dritte Satz ein Lacher. Dreimal im Monat ist Kemmler bei einem Poetry Slam dabei.

In Fürstenfeldbruck duellierten sich weitere sieben Poeten mit ihm um die Siegertrophäe - eine Flasche Sekt mit Bechern. Kaum einer von ihnen stand zum ersten Mal auf einer Bühne. Alle waren sehr erfahren, vor vielen Zuschauern Texte vorzutragen. Häufig auswendig oder auch mit Unterstützung eines Textblattes.

Der erste Slammer, Johannes Lenz aus München, lässt acht Minuten lang in freiem Vortrag eine beeindruckende Wortkaskade mit unzähligen Stilfiguren über das Publikum rauschen. Gewitzte Schreibe, Gedächtnisleistung und fehlerfreie Wiedergabe des komplizierten Textes sind bewundernswert. Wenn allerdings Gedanken in Gedankenschnelle wiedergegeben werden, wird es schwierig, dem Gedachten noch zu folgen. Vortrag ist eben doch etwas anderes als Denken. Um Gedanken anderen zugänglich und begreifbar zu machen, müssen sie nicht nur verdichtet, sondern auch verlangsamt werden. Schade, weil der einzige Text mit politischem Anspruch, der sich gegen den tagtäglichen Rassismus aussprach, durchfiel.

Also waren alle Teilnehmer Poetenprofis mit Dutzenden, gar Hunderten von Auftritten? Nicht ganz. Julius Althoetmar aus München ist es noch nicht. Der ist erst 16 Jahre alt, sieht mit seiner Brille aber noch jünger aus. Und er trägt so etwas wie eine Autobiografie seines noch kurzen Daseins vor. Da ist witzig erzählt, weil er vor allem auch in die Zukunft blickt. 2025 werde er als Künstler und Schriftsteller arbeitslos sein und zehn Jahre später würde er sich selbst heiraten, liest er vor und die Zuhörer amüsieren sich prächtig. Julius scheiterte nur knapp in der Vorrunde. Im Finale standen schließlich drei arrivierte Poeten. "Das sind die Bayerischen Meister der Jahre 2014 bis 2016", präsentierte der eloquente Moderator Johannes Berger das finale Trio. Neben Kemmler (2015) waren das Meike Harms (2014) und Yannick Sellmann (2016). Auch der Jurastudent Sellmann präsentiert sich als Meister im Schnellsprechen. Es gelingt ihm stolperfrei, in 30 Sekunden große Mengen an Worten aus dem Mund zu lassen, die dem Besucher - ähnlich wie bei Lenz - keine Zeit gönnen, den Gedanken dahinter zu erfassen. Doch auch für dieses technisch-rasante Können gibt es Szenenapplaus. Manchmal fühlt man sich an die Sprechtechnik-Bibel für angehende Schauspieler erinnert, den berühmten "Kleinen Hey", wo es heißt: "Jetzt wetzt gehetzt entsetzt des Messers flitz'ge Spitz".

Meike Harms aus Gilching hatte sich von ihrer kleinen dreieinhalb Monate alten Tochter Fine losgeeist, um nach einem halben Jahr gezwungener Bühnenabstinenz wieder an einen Poetenwettstreit teilzunehmen. Harms hat auch beruflich mit Schreiben und sprechen zu tun. "Ich bin Poesiepädagogin", erzählt die 34-jährige junge Mutter. Sie unterrichtet in diversen Einrichtungen "kreatives Schreiben". Seit 2011 nimmt sie an Poetry Slams teil. Mittlerweile ist sie ein Bühnenprofi, die als Tierstimmenimitatorin und Dialekt-Könnerin Vergnügen bereitet und das Lispeln von Marcel Reich-Ranicki perfekt spielen kann. "2015 waren es hundert Auftritte", erzählte Harms.

Im Finale überzeugte sie die Zuschauer mit einem Text über die Sprache selbst. "Oralverkehr macht endlich etwas her", meinte sie oder "Let's talk about Text Baby" und wandelte zum großen Vergnügen des Publikums eine bekannte Liedzeile ab. Da waren Sellmann, der von seinem Schulleben berichtete und Kemmler, der sehr originell und witzig darlegte, warum der bayerische Dialekt nie gruselig sein kann, chancenlos. "Ich verliere häufig", sagte Kemmler. Er versteht einen solchen Abend als "sehr schöne Inspiration". Der Kabarettist sieht seine Auftritte bei den Poetry Slams auch als Werbung für seine Kabaretttermine. Ist dort das Ü 50-Publikum dominierend, kamen an diesem Abend viele junge Besucher um die 20 Jahre in den Säulensaal. "Wir mussten wieder Leute wegschicken, nächstes Jahr müssen wir wohl in den Stadtsaal", stellte Moderator Berger ein weiteres räumliches Upgrade in Aussicht und verabschiedete die begeisterten Poetry Fans in die frostige Nacht.

© SZ vom 10.01.2017

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