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Fotografie:Fliegende Juwelen

Der Brucker Naturfotograf Ferry Böhme widmet der Libelle einen ganzen Bildband

Den Menschen als Krone der Schöpfung zu bezeichnen, hält der Brucker Naturfotograf Ferry Böhme für Frevel. Ginge es nach ihm, hätte eher noch die Libelle Anrecht auf diesen Titel. Böhme muss es wissen. In seinem kürzlich erschienenen Bildband "Faszination Libellen" stecken sieben Jahre intensiver Arbeit. Dazu gehören nicht nur die abwechslungsreichen und reizvollen Fotografien farbenprächtiger Libellen, sondern auch eine umfassende Recherche zur Lebensweise der Tiere. Entstanden ist das Buch in Zusammenarbeit mit dem renommierten Libellenkundler Thomas Brockhaus.

Dr. Ferry Böhme

Ein Naturfotograf will gut getarnt sein: Ferry Böhme sucht seine Motive gerne entlang der Amper.

(Foto: Ferry Böhme/oh)

"Die Libelle ist ein Insekt der Superlative", sagt Böhme. Wenn er über die Tiere, die er sich zum Lieblingsmotiv auserkoren hat, spricht, gerät der 45-Jährige schnell ins Schwärmen. Nicht nur bewegen sie sich unter den Insekten mit bis zu 50 Stundenkilometer Fluggeschwindigkeit am schnellsten fort, auch ihre Sehleistung ist beeindruckend. "Es gibt Libellenarten mit bis zu 56 000 Einzelaugen", sagt Böhme. Diese ermöglichen es ihr, die Flugbahn ihrer Beute exakt vorauszuberechnen. Noch dazu ist der Aufbau ihrer Flügel - gleichzeitig robust aber extrem leicht - einzigartig und hochkomplex. Sie ordentlich zu rekonstruieren, sei der Bionik bis heute nicht gelungen, sagt Böhme. Ein Wunderwerk der Natur, das bereits seit über 300 Millionen Jahren auf der Erde lebt. Also: "Der Mensch als Gipfel der Schöpfung? Nein. Es geht viel mehr darum zu sagen, was ist uns auferlegt zu schützen?", findet Böhme.

Vielen Menschen sei nicht bewusst, wie gefährdet Libellen sind. Die Tiere, die nur sechs Wochen lang als Fluginsekten leben, verbringen zuvor fünf Jahre im Larvenstadium, oft in Flusszuläufen. Wenn diese Zuläufe, wie es immer häufiger vorkommt, ausgeräumt werden, um sie vermeintlich zu säubern, werden auf einen Schlag fünf Generationen Libellen vernichtet. "Die kleinste Pfütze, das kleinste Habitat ist wertvoll", sagt Böhme. Bestes Beispiel sei eine Kiesgrube in Puch die vor etwa zwei Jahren mit Bauschutt aufgefüllt wurde. "Allein dort habe ich 15 verschiedenen Arten fotografiert", sagt er. Heute lebt dort keine einzige Libelle mehr.

Trotz der Sorge um den Erhalt der Tiere- Böhmes Fokus lag bei der Arbeit zu dem im Tecklenborg Verlag erschienenen Bildband auf der Ästhetik der Tiere. Und die kann, wenn man die Arbeiten ansieht, leicht mit der von Exoten aus fernen Ländern mithalten. "Man muss nicht nach Asien oder Afrika fahren, um mordsmäßig geile Tiere zu fotografieren", sagt Böhme. Eine Erkenntnis, zu der der ambitionierte Naturfotograf, der im Hauptberuf als Tierarzt arbeitet, selbst erst vor einigen Jahren gekommen ist. Erst als er begann, sich auf Anregung eines Sponsors anlässlich der Fürstenfelder Naturfototage stärker mit der Region zu beschäftigen, habe er gemerkt, welche Schätze die heimische Flora und Fauna bietet. Die Libellen bezeichnet Böhme auch als fliegende Juwelen.

Spezielle Ausrüstung nutzt Böhme nur für wenige seiner Fotos. Für einige, die eine außergewöhnlich hohe Schärfentiefe aufweisen, braucht er ein Lupenobjektiv. Die damit fotografierten Aufnahmen bestehen aus etwa 70 Einzelbildern, die am Computer zu einem zusammengesetzt werden. Wobei Böhme die Arbeit am Computer, wie er sagt, auf ein Minimum beschränkt. "Ich sage immer, wenn du am Computer mehr Zeit brauchst als draußen, hast du etwas falsch gemacht." Effektfilter lehnt der Naturfotograf strikt ab. Verspielte Details, wie etwa die schillernden Lichtkreise rund um eine Libelle auf einem der Fotos, stammen nicht von einem Bildbearbeitungsprogramm. Das sogenannte Bokeh entstand ganz traditionell mit Hilfe eines Meyer-Optik-Görlitz-Objektivs aus den Fünfzigerjahren. Die auf den fertigen Bildern durch das Objektiv verursachten Lichtreflexe im Unschärfebereich wurde damals noch als Abbildungsfehler bezeichnet. Heute gilt die Optik als spannend und einzigartig.

Ein großer Teil von Böhmes Fotografien entsteht mit gewöhnlichen Makro-, aber auch Teleobjektiven. "Man muss die Tiere nicht immer bildfüllend ablichten. Es ist auch reizvoll, sie in ihrem Habitat zu zeigen", findet der gebürtige Vogtländer.

Um seine Motive abzulichten, braucht Böhme vor allem Zeit. Nicht nur, weil die Tiere flink sein können, sondern weil er bereits abends losziehen muss, um ihre Schlafplätze zu suchen. "Wo die Libelle schläft, sitzt sie auch noch am morgen", sagt er. In der Früh, wenn es noch frisch ist, sei die beste Zeit, um zu fotografieren. Denn dann sind die Tiere noch träge. Für die Libellen nimmt Böhme aber auch mal peinliche Situationen in Kauf. Vor einigen Jahren im FKK-Bereich eines Sees etwa, als er eine bis dahin für Bayern noch nicht beschriebene Art entdeckt hatte und schnell sein Objektiv von Zuhause holen musste, um sie festzuhalten. "Am FKK-Strand glaubt dir natürlich niemand, dass du mit deiner riesigen Kamera ausgerüstet, nur Libellen fotografieren willst." Unangenehm, aber schließlich hat Böhme das seltene Tier abgelichtet.

Üblicherweise wird er aber entlang der Amper fündig. Auch dort sieht er von Zeit zu Zeit seltene Libellen. Für die Grüne Flussjungfer, die auf der roten Liste gefährdeter Tiere steht, sind die Sandbänke der Amper laut Böhme der letzte Rückzugsort in Bayern. Angesichts der Artenvielfalt und auch der Amper, die er als Naturjuwel bezeichnet, dürfte es Böhme auf der Suche nach Motiven in der Region so schnell nicht langweilig werden. Geglaubt hätte er das früher nicht. "Ich habe damals gedacht, in zwei bis drei Jahren bist du damit fertig. Heute weiß ich, ich werde nie damit fertig sein."

Themenabend "Fasziantion Libellen" mit Ferry Böhme. Montag, 11. Februar, 19.30 Uhr. Restaurant Cave per te, Danziger Str. 1, Gröbenzell