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Fachkräftemangel:Mehr Anerkennung

Vertreter aus Wirtschaft, Schule und Arbeitsvermittlung diskutieren darüber, wie der Stellenwert von Ausbildungsberufen verbessert werden kann

An Lehrstellen mangelt es nicht, auch nicht an offenen Stellen in den Betrieben. Gesucht werden überall im Landkreis Arbeitskräfte. Doch wie sind die Lücken zu füllen, welche Ideen könnte es geben, dass sich wieder mehr Jugendliche für eine Ausbildung entscheiden und Unternehmen die Mitarbeiter finden, die sie benötigen? Fragen wie diese hat sich am Rande der zweitägigen Fachmesse für Ausbildung und Studium "Vocatium" eine Runde mit Vertretern aus der Wirtschaft, aus der Bildung und aus der Arbeitsvermittlung gestellt. Einigkeit herrschte darüber zum einen, dass der Ausbildung wieder zu mehr Ansehen verholfen werden solle, und zu anderem, dass der Lehrlings- und Arbeitskräftemangel für manchen Betrieb über kurz oder lang zu einem echten Problem werden könne.

Es sind nicht nur Menschen wie der stellvertretende Landrat Johann Wieser, die beklagen, dass man auf Handwerker heute lange warten müsse. Auch diejenigen, die dem Handwerk angehören, können sich wie Kreishandwerksmeister Harald Volkwein vorstellen, dass die Kunden genervt sind. Eine Ursache dürfte der Mangel an Arbeitskräften sein, stellte Marianne Schuon vom Brucker Büro des Instituts für Talententwicklung (IfT) fest. Im Jahr 2010, zitierte sie eine Statistik, sei eine Stelle 57 Tage frei geblieben, ehe sie wieder besetzt werden konnte. 2018 seien es schon 113 Tage gewesen, bei der Besetzung von Stellen für Fachkräfte dauert es noch länger.

"Der Fachkräftemangel ist das Thema Nummer eins bei den Firmen im Landkreis", stellt Peter Harwalik, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Fürstenfeldbruck, fest. Harwalik hat sich viele Jahre um die Unternehmer im Landkreis gekümmert, weiß aus der Sicht eines Bankers um die wirtschaftlichen Zwänge und die personelle Situation. Obwohl er sonst keinen Pessimismus ausstrahlt, warnt der Vorstandsvorsitzende vor dem "Risiko für die unternehmerische Entwicklung", falls Firmen keine Mitarbeiter fänden.

"Woher sollen wir sie nehmen?", fragt sich auch Handwerker-Chef Volkwein, der selbst eine Schreinerei führt. Volkwein nennt 300 Berufsbilder im Handwerk, die man alle gar nicht auf einer Ausstellung präsentieren könne. Die Betriebe bemühten sich um Lehrlinge, bildeten sie aus und müssten dann feststellen, dass der Geselle sich lieber beruflich anders orientiere, anstatt im Betrieb weiterzuarbeiten. "Das führt zu einer Ausbildungsverdrossenheit vor allem in kleineren Betrieben, wenn wir unsere Azubis an die Industrie oder ans Studium verlieren." Katrin Müller-Albertshofer, im Landratsamt Fürstenfeldbruck für die Ausbildungs- und Berufsberatung zuständig, schlägt vor, dass viele Schulabgänger ihre mögliche Wartezeit aufs Studium mit einer Ausbildung füllen könnten. Dafür aber, so der Tenor der Runde, sei es nötig, dass die Schüler vor allem weiterführender Schulen auch wüssten, was sie einmal werden wollten.

Denn bislang gibt es laut Schulamtsdirektor Thomas Frey nur in den Mittelschulen die berufliche Orientierung, "das Alleinstellungsmerkmal der Mittelschulen". Realschüler würden damit nicht konfrontiert, auch die Gymnasiasten hätten oft keine Idee, wenn sie die Schule verließen. Zwar sieht Frey diese Aufgabe erst einmal bei den Eltern, aber verstärkt müssten sich auch die Lehrer darum kümmern, mit dem Schüler das Passende zu finden. "Da müssen wir kreativ werden, da müssen wird Undenkbares denken", sagt Christoph Breuer, Leiter der Realschule Unterpfaffenhofen und Stellvertreter des Ministerialbeauftragten für die Realschulen Oberbayern-West. Ein Ansatz wäre nach Ansicht von Petra Callwitz, Leiterin der Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Weilheim, dass der Wert von Ausbildungsberufen in der Gesellschaft wieder steigt. "Wir gehen mit Jugendlichen falsch um", bemängelt sie und verlangt, dass Kinder früher als bisher von ihren Erziehern und später den Lehrern beobachtet werden, um die Neigungen und Wünsche herauszufinden mit dem Ziel: "Wo liegen die Eignungen für einen Beruf?"