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Das große Aufräumen, Absägen und Abdichten:Schwebende Dachdecker

Vor allem in Germering richtet das Hagelunwetter an Gebäuden, Gärten und Fahrzeugen Schaden in noch unbekannter Höhe an. Feuerwehrleute schützen viele undichte Häuser mit riesigen Planen

Das Spektakel am frühen Montagabend dauert nur wenige Minuten, dann ist klar, dass die über den Landkreis ziehende Hagelwalze vor allem die Menschen in der Großen Kreisstadt Germering am schlimmsten getroffen hat. Zu beziffern ist der Schaden auch am Dienstag noch nicht, aber zumindest sind keine Menschen verletzt worden, wie die Polizei mitteilt. Erst im Laufe des Tages, als die Dächer und Fassaden, die Gärten und die Straßen genauer angesehen werden, wird den Germeringern klar, was die bis zu tennisballgroßen Hagelkörner angerichtet haben.

"Wir haben es auf uns zukommen gehört", erzählt Christian Wachholz. Der 52-Jährige steht in seinem Garten am Hörweg und schaut auf die hellgrüne Plane auf dem Dach. Als ob jemand mit einem riesigen Fallschirm auf dem Walmdach des Hauses aus den Dreißigerjahren gelandet wäre, sieht das aus. Wachholz hat die Plane nicht selbst über das zerstörte Dach gespannt, die Feuerwehr hat ihm am Dienstag das sogenannte Notdach übers Haus gespannt. Viele Dachziegel sind auf der Westseite nicht liegen geblieben, die allermeisten liegen zerborsten im Gras. Einige haben zwei Autos der Familie Wachholz getroffen. "Im Garten ist alles rasiert", sagt Wachholz und deutet auf die Schäden, zeigt aber auch hinüber zu den Häusern der Nachbarn, deren Verkleidung der Westfassade zahllose Löcher aufweisen.

Allen sitze der Schock noch tief, sagt Wachholz, vor allem, weil es nach dem Hagelschauer in den Speicher regnete, und zusammen mit dem schmelzenden Hagel richtete das Wasser weiteren Schaden an. Eine unruhige Nacht habe man gehabt, aber die Versicherungen seien schon verständigt.

Ein paar Häuser weiter breitet am Dienstagmittag die Germeringer Feuerwehr von einer Drehleiter aus ein weiteres Notdach über durchlöchertes Dach. "In dem Ausmaß haben wir die Notdächer noch nie gebraucht", berichtet Hauptlöschmeister Andreas Lichti von der Feuerwehr Germering. Im Notfalllager des Landkreises in Eichenau gebe es nur wenige, man habe sie vom Technischen Hilfswerk aus Fürstenfeldbruck und Dachau und von der Feuerwehr Oberschleißheim bekommen. Wie viele bislang schon schützend auf die zerstörten Hausdächer gelegt wurden, kann Lichti noch nicht sagen, weil aufgrund der vielen Einsätze noch niemand Zwischenbilanz ziehen konnte.

Mehr als zwölf Stunden sind die Germeringer Feuerwehrleute von Pfingstmontagabend 18 Uhr an bis Dienstagfrüh auf den Beinen und arbeiten 126 Einsätze ab. Und am Dienstagmittag sind es schon wieder 40. Sie beseitigen umgestürzte Bäume und abgerissene Äste, sie schließen mit Folien gebrochene Dachfenster, sie schaufeln Hagel aus den Dachgeschossen und breiten die Planen über die Dächer. Eine halbe bis dreiviertel Stunde bei "normalen" Hausdächern, bei schwierigeren Dächern auch mal länger. Unterstützung erfahren sie dabei von den Wehren aus Planegg, Gauting und Gilching, auch die Kameraden aus Fürstenfeldbruck, Puchheim-Ort und Puchheim-Bahnhof kommen zu Hilfe. Vor allem diejenigen Feuerwehren, die Drehleitern besitzen, sind gefragt, damit die Einsatzkräfte schwebenden Dachdeckern gleich arbeiten können.

Wie die Feuerwehr Katastrophen wie die vom Pfingstmontag, bewältigt, das dürfen auch die Mitglieder der Jugendfeuerwehr erleben. Weil Ferien sind, können sie zu den Einsätzen mitausrücken und dürfen auch hie und da anpacken.

Die Folgen der Hagelwalze sind in ganz Germering zu sehen. Zum Beispiel auf dem Vorplatz der Stadthalle. Dort dürften die Bäume in diesem Sommer wohl nicht so viel Schatten spenden, denn Äste und Blätter sind abgerissen worden. So schnell wächst nichts nach. In den Gärten waten die Besitzer knöcheltief durch Grünzeug, auch im Garten von Gerhard Grusdat ist am Morgen nach dem Hagelabend viel zu tun. In seinem gepflegten und von Passanten stets bewunderten Garten an der Kirchenstraße vis-à-vis der Schule steht Grusdat am Dienstag vor dem Häcksler und lässt Ast um Ast zerkleinern. Der Sturm hat den mehr als 40 Jahre alten Flieder regelrecht zerrissen, die für einen solchen Strauch mächtigen Äste hat der 65-Jährige mit der Kettensäge zerkleinert. Die dünneren wandern in den Häcksler. Sechs, sieben Meter hoch sei der Flieder gewesen, sagt er. Grusdat liebt Bäume, er hat ein spezielles Hobby. Er erzählt, wie er die meisten seiner Bonsaibäume, die er im Garten platziert hat, noch rechtzeitig vor dem Unwetter in Sicherheit hat bringen können. Zumindest die ihm am teuersten sind, haben nichts abbekommen. In seinem japanischen Garten, in dem man durch ein japanischen Holztor gelangt, stehen Exemplare großer Bäume im Miniaturformat. Aber nicht solche aus dem Gartenmarkt, sondern heimische Lärchen und Kiefern,auch ein Ginkgo und andere Arten, zurecht gebunden und in Form gebracht in jahrelanger Arbeit. Die grünen Ziegel auf dem roten Tor sind nun zersprungen, ein paar Kleinstbäume haben Ästchen gelassen, das Treibhaus ist kaputt. Kein materieller , aber ein ideeller Schaden, den Grusdat niemand ersetzen kann.

Nicht nur in der Kirchenstraße, am Hörweg, in der Josef-Kistler-Straße und am Germeringer Rathaus sind die Einschlaglöcher in Dächern und Wänden zu sehen, die die Hagelkörner zurückgelassen haben. An vielen Gewerbebauten hängen die Jalousien in Fetzen herunter, Leuchtreklametafeln sehen aus, als seien sie zerschossen worden.

Auch in anderen Kommunen wird am Pfingstmontagabend für die Feuerwehren Alarm ausgelöst. In Gröbenzell, zum Beispiel, sind die freiwilligen Helfer bis tief in der Nacht beschäftigt, um vollgelaufene Keller auszupumpen, auch die Unterführung an der Freyastrasse ist überflutet und muss wieder befahrbar gemacht werden. Am Dienstag wird ein vollgelaufenes Flachdach entleert, 31 Mann und acht Fahrzeuge sind im Einsatz. Und auch das Technische Hilfswerk (THW), im Unterschied zu den kommunalen Feuerwehren eine Organisation des Bundes, steht mit Rat und Tat zur Seite. So fordert die Feuerwehr Germering die THW-Fachberater an und besorgt die nötigen Notdächer. Die Bergungsgruppe rückt laut Bericht des THW-Ortsverbandes Fürstenfeldbruck aus, um gemeinsam mit der Feuerwehr und dem THW aus Dachau eines der Notdächer aufzubauen.