Ein Blick in die Archive: SZ-Serie:Schicksale statt Schnickschnack

Lesezeit: 2 min

Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Kottgeiserings Bürgermeister Andreas Folger interessiert sich sehr für die Gemeindegeschichte, viel Zeit im Archiv kann er aber nicht verbringen.

Kottgeiserings Bürgermeister Andreas Folger interessiert sich sehr für die Gemeindegeschichte, viel Zeit im Archiv kann er aber nicht verbringen.

(Foto: Lukas Barth)

In den Akten des Gemeindearchivs von Kottgeisering finden sich Geschichten von Menschen, die den Ort prägten und bis heute prägen.

Von Carim Soliman, Kottgeisering

Sein Tod muss ein Schock gewesen sein für die Kinder. "Am 1. August 51 verunglückte Herr Gottwald mit seinem Motorrad in München tödlich." So ist es im Kottgeiseringer Schulbuch desselben Jahres notiert. Verehrt worden war er demnach und beliebt bei allen, die ihn kannten, wegen seiner Tüchtigkeit bei der Arbeit, im Chor und im Männergesangsverein. "Das ganze Dorf und alle Schulkinder geleiteten ihn am 4. Aug. in Starnberg zur letzten Ruhe."

Das von Herr Gottwald ist nur eines von vielen Schicksalen, die im Gemeindearchiv Kottgeisering festgehalten sind, und lange nicht das älteste. Einige der aufbewahrten Kaufurkunden reichen bis weit ins 19. Jahrhundert zurück. Dagegen gehört das Dokument zu einem Geschäft der Familie Klotz fast zu den jüngeren. 1900 erwarb Franz Xaver Klotz mit seiner Frau, ihr Name lässt sich nicht so leicht entziffern, ein Stück Kreuzacker. Genau 678,60 Mark kostete sie die Fläche von 3880 Quadratmeter laut Urkunde damals. Offenbar hat sich die Investition rentiert, denn die Familie Klotz gehört immer noch zu den Unternehmern in der Gemeinde. "Die Familie Klotz kennt man hier", sagt Bürgermeister Andreas Folger (Bürgervereinigung), "früher hat sie am Kriegerdenkmal eine Gaststätte betrieben. Inzwischen ist daraus eine Pension geworden."

Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Ein bayerisches Gemeindearchiv, das etwas auf sich hielt, musste früher irgendwo ein Porträt von Franz-Josef-Strauß enthalten, sagt Andreas Folger.

Ein bayerisches Gemeindearchiv, das etwas auf sich hielt, musste früher irgendwo ein Porträt von Franz-Josef-Strauß enthalten, sagt Andreas Folger.

(Foto: Lukas Barth)

Streng genommen ist nicht Folger für die Pflege des Archivs zuständig, sondern die Angestellte der Verwaltungszweigstelle im selben Haus. Zurzeit ist sie in den Ferien, aber die Teilzeitkraft ist ohnehin nur zweimal in der Woche halbtags vor Ort. Künftig, so hat es der Gemeinderat kürzlich als Energiesparmaßnahme beschlossen, soll sie sogar nur noch einmal kommen. In der Zeit muss sie sich um die aktuellen Anliegen der Gemeindemitglieder kümmern, für das Archiv bleibt da keine Zeit. Faktisch, sagt Folger, ist er für alles verantwortlich, was im Archiv geschieht. Viel ist das allerdings nicht. "In den gut zwei Jahren, seit ich jetzt Bürgermeister bin, habe ich nur ein einziges Mal eine Akte aus dem Archiv geholt." Auch für den Bürgermeister bleibt neben dem Tagesgeschäft nur wenig Zeit, um das Archiv zu pflegen.

Für die Pflege des Archivs ist nicht viel Zeit

Gewillt wäre Andreas Folger durchaus, geeignet obendrein. Seit 20 Jahren engagiert der gebürtige Unterfranke sich in der Gemeindepolitik, als Gemeinderatsmitglied und, bevor er den Posten selbst übernahm, als stellvertretender Bürgermeister. Viele im Archiv erwähnte Namen kennt er aus persönlichen Begegnungen, die Familie Klotz, aber auch Joseph Eder, der einst die Chronik der Gemeinde schrieb, und Johann Wörl. Der Vorstand des Männergesangsvereins fotografierte 25 Jahre lang ehrenamtlich für die Gemeinde, seine Dias lagern heute im selben Regal wie die Schulbücher und Geschäftsurkunden. Auch von Berufswegen ist Bürgermeister Folger mit der Dokumentierung vertraut. Vor seiner Rente arbeitete er Jahre lang am bayerischen obersten Rechnungshof in München. "Ich habe dort mit dem Staatsarchiv sogar die 200-Jahr-Feier des Rechnungshofs koordiniert."

Ein Blick in die Archive: SZ-Serie: Ein Dokument aus dem Archiv von 1919 würdigt die Weltkriegsveteranen aus Kottgeisering.

Ein Dokument aus dem Archiv von 1919 würdigt die Weltkriegsveteranen aus Kottgeisering.

(Foto: Lukas Barth)

Das bayerische Staatsarchiv beherbergt auf etwa 47 000 Laufmetern mehr als dreieinhalb Millionen Stücke. Da geht es in Kottgeisering etwas bescheidener zu. Die Erinnerungen der Gemeinde passen in ein kleines Zimmer im obersten Stock des Verwaltungsgebäudes, in dem auch der Friseursalon "Schnipp Schnapp" und die Freiwillige Feuerwehr untergebracht sind. Die Dachschrägen stören nicht weiter, nur eines der beiden Regale mit Dokumenten reicht höher als auf Augenlinie. Mehr braucht es aber auch nicht, damit das Gemeindearchiv seinen Zweck erfüllt: Kottgeiseringerinnen und Kottgeisinger, die wie der verunglückte Lehrer Gottwald einen Beitrag für ihre Gemeinschaft geleistet haben, nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema