Alte Musik:Mannigfaltige Variationen

Lesezeit: 2 min

Ensemble "Cembaless" im Kurfürstensaal

Von Klaus Mohr, Fürstenfeldbruck

Es kommt selten vor, dass sich ein Ensemble dadurch definiert, was es nicht hat: Cembaless, also ohne Cembalo, nennt sich die 2014 gegründete Gruppe aus Musikern, die im Eröffnungskonzert der neuen Saison der Reihe "Alte Musik in Fürstenfeld" im Kurfürstensaal gastierte. Dreh- und Angelpunkt der Barockmusik ist der Basso continuo, also die durchlaufende Stimme im Bass, die harmonisch mit Akkorden in den oberen Stimmen ergänzt wird. Da ist das Cembalo nicht nur eine charakteristische Klangfarbe, sondern auch sehr praktisch, weil alle Funktionen in einem Instrument vereint werden können. Fällt das Cembalo weg, müssen die Stimmen sämtlich von anderen Instrumenten übernommen werden. Diesen Weg geht Cembaless, bestehend aus Elisabeth von Stritzky (Sopran), Annabell Oppel und David Hanke (Blockflöten), Shen-Ju Chang (Viola da gamba), Stefan Koim (Barockgitarre und Erzlaute), Robbert Vermeulen (Theorbe) und Syavash Rastani (persische Perkussionsinstrumente).

"Passacaglia della Vita" war das Programm des Konzerts überschrieben. Viele der Stücke des Abends aus der Barockzeit trugen Titel wie Passacaglia (auch Passacalle) oder Chaconne (auch Ciaccona). Dahinter verbirgt sich ein Kompositionsmuster mit einer stetig wiederholten, mehrtaktigen Basslinie und einer darauf aufbauenden Akkordfolge. Diese Basis bildet den Grund für mannigfaltige Variationen. Eine Unterscheidung zwischen Passacaglia und Chaconne fällt dabei auch Musiktheoretikern oft schwer.

Die Form der Passacaglia bietet die Chance, ganz unterschiedliche Affekte, also Stimmungen und Emotionen, zu transportieren. Davon war in diesem Konzert unglaublich viel zu spüren, was das Publikum äußerst positiv goutierte. Viele Stücke sahen einen Vokalpart vor, den Elisabeth von Stritzky mit großer Souveränität und gestalterischer Tiefe ausfüllte, doch blieben die fremdsprachigen Texte unverständlich. Mündliche Erläuterungen zu deren Inhalt gab es nicht, und auch das Programm verzeichnete keine Übersetzungen. Auf diese Weise beschränkte sich der Zusammenhang zwischen Text, Musik und Ausdruck auf die nonverbale Ebene, die Singstimme blieb dadurch eine wunderbare Ergänzung im Klangfarbenspektrum der Instrumente.

Neben der harmonischen und der melodischen Ebene bezogen die Musiker auch den Rhythmus in ihre Musik als starkes Element ein. Dass es sich um persische Perkusionsinstrumente handelte, bildete keinen Fremdkörper zur europäischen Musik, ermöglichte aber eine ungeheure Vielzahl an musikalischen Facetten. Der Auftakt des Programms gelang mit differenzierter Bodypercussion des Ensembles, aus der sich das Spiel auf Instrumenten quasi herausschälte.

Einen sehr sensiblen, meditativ angehauchten Eindruck hinterließ "Si dolce e'l tormento" von Claudio Monteverdi. Gitarre, Theorbe und Viola da gamba wurden gezupft und bildeten den weichen Teppich für die Sopranistin, deren Melodie zunächst mit einer Blockflöte alternierte, bevor beide innig zusammenfanden. In dem Stück "Passacaglia della vita" von Stefano Landini baute sich der Klang durch das gestufte Einsetzen der verschiedenen Instrumente allmählich auf, bis zur Sängerin eine Art Backgroundchor der singenden Instrumentalisten trat. Wie in einem Drehkreis mit entsprechender Fliehkraft wurde die Schlusszeile in ansteigendem Tempo vielfach wiederholt.

Originalität kennzeichnete in diesem Konzert nicht nur die musikalischen Interpretationen, sondern auch die Garderobe der Musiker: Auf der Basis eines minimalen farblichen Konsens' aus schwarz und eines variablen Rosétons wählte jeder Künstler ein individuelles Outfit. Viel Beifall und eine Zugabe zum Schluss.

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