Vortrag der Stadtheimatpflege:Vom Bierlager zum Luftschutzbunker

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Vortrag der Stadtheimatpflege: Ein wenig mulmig war den rund 50 Besuchern des Vortrages schon zumute, als zu Beginn das Licht ausging und Sirenen in dem feuchten Gewölbe ertönten.

Ein wenig mulmig war den rund 50 Besuchern des Vortrages schon zumute, als zu Beginn das Licht ausging und Sirenen in dem feuchten Gewölbe ertönten.

(Foto: Marco Einfeldt)

1944 residiert die Stadtkommandatur im Sporrerkeller unter dem Weihenstephaner Berg. Jetzt lädt die Stadtheimatpflege zum Vortrag hierher ein. 50 Besucher erleben gruselige Momente im muffligen Gewölbe.

Von Till Kronsfoth, Freising

Der Eingang zu den mächtigen Gewölben des Sporrerkellers, die sich unter dem östlichen Ausläufer des Weihenstephaner Berges erstrecken, ist unscheinbar. Nur zwei schmale Durchgänge führen hinein. Der etwa fünf mal 30 Meter große Raum, in dem sich rund 50 Besucher auf Holzbänken niedergelassen haben, ist feucht und kühl. Es riecht modrig. Die meisten der Anwesenden halten ein Info-Blatt in den Händen, das ihnen am Eingang überreicht wurde. Nur wenige werfen einen Blick darauf. Die unverputzten Ziegelwände sind von Rissen durchzogen. Unter der Decke hängen schmucklose Lampen und spenden kaltes, diffuses Licht, bis es plötzlich erlischt. Auf einmal ertönt das auf- und abschwellende Sirenengeräusch des Fliegeralarms. Man fühlt sich an das Set eines Filmes über den Zweiten Weltkrieg versetzt. Der gellende Ton wird von den Wänden des Kellers verstärkt und geht durch Mark und Bein. Nach dem dritten Aufheulen schaltet Hermann Bienen den Verstärker ab. Die Sirene erstirbt.

Gemessenen Schrittes geht der Referent zu seinem Rednerpult. Veranstalter des Vortrages über die Geschichte der Freisinger Bierkeller an diesem Freitagabend ist der Verein Stadtheimatpflege Freising. "Laut einer Verordnung vom Mai 1933 sollten die deutschen Städte damit beginnen, Kelleranlagen zu Luftschutzbunkern auszubauen", beginnt Bienen. "Ein eindeutiges Indiz dafür, dass man bereits wenige Monate nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler mit der Planung des Zweiten Weltkrieges begonnen hatte."

"Wo einst Bierfässer eingelagert wurden, zog man nun giftgassichere Türen ein"

Hermann Bienen startet seine Powerpointpräsentation, die unterstützt durch die große Leinwand und den modernen Beamer einen scharfen Kontrast zu dem muffigen Gewölbe des ehemaligen Bierkellers bildet. Bienen präsentiert Tabellen, Skizzen und Fotos. "Wo einst Bierfässer eingelagert wurden, zunächst mit Hilfe von Ochsen, später über Seilwinden, zog man nun giftgassichere Türen ein, installierte Not-Aborte und verstärkte die Decken mit Stahl und Beton." Ab 1944 war im Sporrerkeller die Freisinger Stadtkommandantur untergebracht.

Im letzten Kriegsjahr verfügte die Stadt Freising über 78 Luftschutzkeller. 250 hätten es laut Planung der zuständigen Stellen eigentlich sein sollen. Erst kurz vor Kriegsende hatte man zusätzlich mit dem Bau eines groß angelegten Stollensystems unter dem Domberg begonnen. Zu spät. Als der Krieg an seinen Ausgangspunkt zurückkehrte, vermochten jene, die ihn zu verantworten hatten, die Zivilbevölkerung nicht ausreichend zu schützen. Am 18. April 1945 wurde der Freisinger Bahnhof bombardiert. 230 Menschen starben.

Restauriert und öffentlich zugängig wurde der Keller erst 2016

Während des Kalten Krieges wurden die Freisinger Kellergewölbe als Luftschutzkeller wiederentdeckt. Als in den Sechzigerjahren mit den Planungen für das nahegelegene Atomkraftwerk Isar I begonnen worden war, ordnete die Regierung von Oberbayern Maßnahmen für den Notfall an, offenbar aus Angst vor den Konsequenzen eines möglichen Luftschlages der Warschauer-Pakt-Staaten gegen den nahe Atomreaktor. Dazu kam es bekanntlich nie. Erst im Jahr 2016 wurden die Keller restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Nachdem Hermann Bienen seinen Vortrag beendet hat, meldet sich ein Zuhörer. Wie man früher die Bierfässer kühlgehalten habe, will er wissen. Bienen beantwortet die Frage und plötzlich verliert man sich in einer Diskussion über die Unterschiede der Kühlmöglichkeiten zwischen den Bierkellern in Freising und München. Hermann Bienen ist von Beruf Braumeister. Er spricht nun über die Technik der Kühlung früher Bierkeller mittels extra herbeigeschaffter Eisblöcke. Eine überraschende Wendung nach dem erschütternden Einstieg mit Fliegeralarm und Erzählungen über Bombentote.

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