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Freisingerin gibt Rat bei Transplantationen:Von der Betroffenen zur Helferin

Lidwina Rehms engagiert sich in der Hilfsgemeinschaft der Dialysepatienten und Transplantierten in Freising. Sie würde sich freuen, wenn die derzeit 40 Mitglieder Unterstützung durch neue Mitstreiter bekämen.

(Foto: Marco Einfeldt)

Lidwina Rehms hat lange auf eine Spenderniere warten müssen. Jetzt unterstützt sie andere und ruft das Thema Organspende immer wieder ins Bewusstsein.

Interview von Melanie Glinicke

Lidwina Rehms ist von einer Betroffenen zu einer Helferin geworden. Sie ist Dritte Vorsitzende der Hilfsgemeinschaft der Dialysepatienten und Transplantierten in Freising. Als sie selbst erkrankte und auf eine neue Niere angewiesen war, ist sie auf den seit 1988 bestehenden Verein aufmerksam geworden und engagiert sich seitdem dort. Neben der Unterstützung für Erkrankte und Angehörige ist auch die Organspende ein zentrales Thema der Hilfsgemeinschaft.

SZ: Am Samstag, 5. Juni, war der Tag der Organspende. Können Sie erklären, wieso dieser Tag so wichtig ist?

Lidwina Rehms: Er ist wichtig, um die Bevölkerung immer wieder auf das Thema der Organspende aufmerksam zu machen. Die Menschen müssen informiert werden, dass Organspenden lebensnotwendig sind. Das ist einfach nach wie vor nicht präsent genug. Die Menschen wissen nicht, dass das einfach jeden treffen kann, das habe ich ja selbst erlebt. Jeder kann über Nacht krank werden, deswegen ist eine Auseinandersetzung mit diesem Thema wichtig. Auch in der Politik wird da noch viel zu wenig gemacht. Der Tag der Organspende ist ein guter Weg, um Menschen zu informieren und dazu zu veranlassen, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Sie sagen, in der Politik wird zu wenig gemacht, sind Sie dann enttäuscht, dass eine Widerspruchslösung, also dass jeder automatisch Organspender ist, außer man widerspricht, vom Bundestag abgelehnt wurde?

Ja sehr. Ich spreche mich für die Widerspruchslösung aus. Es ist traurig, dass Deutschland am Ende der Liste steht, was Transplantationen und Organspende angeht. Viele europäische Länder haben eine Widerspruchslösung und da müssen die Menschen nicht so lange auf ein Organ warten und es funktioniert. Da ist die Lage in Deutschland wirklich katastrophal. Als Vergleich: In Spanien kommen 38 Spender auf eine Millionen Einwohner, in Deutschland sind es nur elf. Viele müssen zehn bis zwölf Jahre auf ein Organ warten oder versterben noch davor. Diese Zahlen zeigen, dass die Widerspruchslösung eine Notwendigkeit ist.

Die Wartezeit ist nicht gerade gesundheitsfördernd. Dass es die Widerspruchslösung hier nicht gibt, ist für mich wirklich unverständlich. Man wird dadurch zu nichts gezwungen, jeder hat die Möglichkeit, nein zu sagen. In Deutschland ist doch sonst alles juristisch geregelt, wie zum Beispiel die Ehe, wie es ist, wenn jemand stirbt, es gibt das Erbrecht, wenn einem das nicht gefällt, muss man auch ein Testament machen, um es anders zu regeln. Alle Bereiche sind juristisch geregelt, wieso dann nicht auch die Organspende? Auch wenn der Bundestag die Widerspruchslösung abgelehnt hat, sollte sie immer wieder auf den Tisch gebracht werden.

Es gibt also immer noch zu wenige Spender in Deutschland. Was glauben Sie ist der Grund dafür und wie kann man abgesehen von einer Widerspruchslösung die Bereitschaft zur Spende erhöhen?

Man muss immer wieder informieren und aufklären. Wie am Tag der Organspende muss man den Leuten immer bewusst machen, dass es jeden treffen kann. Das würde helfen. Ein Grund für die geringe Zahl an Spendern ist, dass Menschen sich erst damit auseinandersetzen, wenn sie betroffen sind. Sei es als Erkrankter oder als Angehöriger. Erst dann handeln die meisten und das Thema wird ihnen bewusst. Wenn über Organspende nicht informiert und diskutiert wird, verschwinden das Thema und seine Wichtigkeit.

Es liegt nicht daran, dass Menschen nicht spenden wollen, Umfragen ergeben immer das Gegenteil. Ungefähr 70 Prozent wären grundsätzlich bereit zu spenden. Auch religiöse Gründe können da keine Rolle spielen, weil die meisten Religionen die Organspende befürworten. Akzeptanz für Organspende ist also da, aber das Thema ist zu wenig präsent, dass man sich wirklich damit auseinandersetzt.

Was macht der Hilfsverband Freising am Tag der Organspende?

Während der Corona-Zeit konnten wir am Tag der Organspende leider nichts machen. Davor hatten wir immer einen Stand in der Freisinger Innenstadt. Dort verteilen wir Organspendeausweise, führen Gespräche mit den Leuten und klären über das Thema auf. Wenn jemand gleich einen Organspendeausweis ausfüllen möchte, kann er das auch sofort mit uns machen. Wir sind am Stand dann eigentlich immer mit mehreren Personen präsent.

Welchen Eindruck haben Sie im Raum Freising, wie ist dort das Bewusstsein hinsichtlich der Organspende?

Die Zahl der Organspender konkret zu sagen, ist natürlich schwierig. Aber aus den bisherigen Infoständen habe ich den Eindruck, dass das Interesse hier durchaus vorhanden ist. Natürlich gibt es auch Personen, die sich nicht dafür interessieren. Dazu hat auch jeder das Recht, jeder kann sich dagegen entscheiden und das ist auch in Ordnung. Aber beim Großteil der Menschen merke ich dann doch oft eine Bereitschaft zur Spende, das ist sehr schön.

Im Verein wird nicht nur Öffentlichkeitsarbeit für das Thema Organspende betrieben, sie unterstützen und helfen auch erkrankten Personen. Wie genau kann man sich das vorstellen?

Normalerweise haben wir jeden Monat einen Stammtisch, bei dem sich jeder Informationen über die Krankheit und den Verlauf einholen kann. Außerdem halten wir Vorträge zu der richtigen Ernährung und sozialen Fragen, die mit der Nierenerkrankung einhergehen. Daneben haben wir vor Corona auch Sommerfeste veranstaltet. Durch unseren Verein kann in Gruppen ein Austausch zwischen Betroffenen stattfinden, man kann sich gegenseitig helfen. Ein aktuelles Beispiel wäre die Corona-Impfung, wir tauschen uns da über die Vor- und Nachteile aus und wie es bei anderen von uns gewirkt hat. Wir haben auch eine Whatsapp-Gruppe, in die jeder immer reinschreiben kann, wenn etwas ist und man Hilfe braucht. Jeder, der möchte, kann sich bei uns Informationen und Hilfe holen.

Gruppentreffen und persönliche Treffen waren in den vergangenen Monaten wegen Corona schwierig, wie hat sich die Pandemie denn auf Ihren Verein ausgewirkt?

Ja, persönliche Treffen waren schlecht möglich und die Veranstaltungen konnten natürlich nicht stattfinden. So war das Informieren über unseren Verein schon schwieriger. Oft gehen wir beispielsweise auch ins Krankenhaus zur Dialyse, stellen uns dort den Erkrankten vor, bieten unsere Hilfe an und fragen, ob jemand Mitglied werden möchte. Das leidet natürlich unter Corona. Auch insgesamt, die sozialen persönlichen Kontakte fehlen seit der Pandemie wirklich sehr. Es geht aber bergauf, die Corona-Maßnahmen werden jetzt ja gelockert, so können wir vielleicht auch die Hauptversammlung am 22. Juni in Präsenz veranstalten. Wenn es so weitergeht, sind alle Veranstaltungen wie zum Beispiel das Sommerfest und der monatliche Stammtisch bald wieder möglich.

Bei Ihrer Tätigkeit in der Hilfsgemeinschaft haben Sie viel mit erkrankten Menschen und den Angehörigen zu tun, was sicher sehr schwer ist. Was sind dann die schönen Momente Ihrer Arbeit?

Was ich immer wieder erlebt habe, ist, dass eine Transplantation erfolgreich verläuft und somit für die Betroffenen ein neues Leben beginnt. Das kenn ich ja auch aus eigener Erfahrung. Man muss nicht mehr drei mal die Woche an die Dialyse, langsam beginnt ein normales Leben. Das ist wirklich das Schönste, wenn man sich dann darüber austauschen kann, das bringt einem auch persönlich sehr viel.

Sie waren selbst krank und mussten fünf Jahre auf eine neue Niere warten. Was hat Ihnen in dieser Zeit geholfen und was können Sie anderen Betroffenen mitgeben?

Der Verein und die Unterstützung der Mitglieder waren wirklich die größte Hilfe, man findet so eine Perspektive für einen selber. Eine starke Motivation und Durchhaltevermögen sind außerdem nötig, was natürlich nicht immer einfach ist. Man darf bei der Wartezeit auf ein Organ nicht verzweifeln. Positives Denken trotz der schlimmen Erkrankung ist sehr wichtig.

Was wünschen Sie sich für die Hilfsgemeinde für Dialysepatienten und Transplantierte in Freising?

Ich würde mir neue Mitglieder wünschen. Momentan sind wir 40, wir waren aber mal mehr. Viele sind altersbedingt oder aufgrund der Erkrankung verstorben. Mitglieder sind meistens Betroffene und Angehörige, es kann aber wirklich jeder mitmachen, der möchte. Interessierte können sich dann zum Beispiel beim Tag der Organspende engagieren oder Betroffene bei ihrer Erkrankung begleiten. Außerdem wünsche ich mir, dass der persönliche Austausch untereinander nach der Corona-Pandemie wieder wie gewohnt stattfinden kann.

© SZ vom 14.06.2021/av
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