Katastrophenschutz:Startklar innerhalb von 24 Stunden

Katastrophenschutz: In Transportkisten flugbereit verpackt: Thomas Geiner, Vorstandsmitglied der Hilfsorganisation Navis, inspiziert das neue Lager in Zieglberg.

In Transportkisten flugbereit verpackt: Thomas Geiner, Vorstandsmitglied der Hilfsorganisation Navis, inspiziert das neue Lager in Zieglberg.

(Foto: Marco Einfeldt)

Die Hilfsorganisation Navis will sich künftig verstärkt bei Katastrophen im Inland einbringen. Möglich macht das der Umzug in ein größeres Lager in Zieglberg. Die Fixkosten sind allerdings erheblich gestiegen. "Wir sind auf jeden Cent angewiesen", sagt Thomas Geiner.

Von Petra Schnirch, Wang

2024 wird für Navis ein Jahr des Umbruchs. Die Hilfsorganisation mit Sitz in Wang will sich breiter aufstellen und ihre Expertise künftig, wie schon 2021 bei der Flut im Ahrtal, auch bei Katastrophen im Inland einbringen. Bisher waren die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer auf Einsätze im Ausland spezialisiert, gerade läuft die Anerkennung als fester Player im nationalen Katastrophenschutz. Erleichtert hat dies alles der Umzug in ein größeres Lager in Zieglberg, Gemeinde Wang. Einziges Manko: Die Fixkosten sind dadurch erheblich gestiegen.

Direkt an der Hauptstraße der kleinen Ortschaft, im Gebäude einer ehemaligen Metallschleiferei, hat Navis nun etwa doppelt so viel Platz wie im bisherigen Quartier in Moosburg. Anfang September meisterten die Mitglieder ehrenamtlich Umbau und Umzug. Selbst in der neuen Halle werde es aber schon wieder eng, schildert Vorstandsmitglied Thomas Geiner. Der Moosburger Mediziner ist von Anfang an dabei, er ist eines der sieben Gründungsmitglieder des Vereins und leitet ihn gemeinsam mit Michael Gmach und Lars Boehlkau.

Das neue Quartier in Zieglberg ist für die Zwecke von Navis ideal. Im hinteren Teil der Halle ist die enorm angewachsene Ausrüstung der Hilfsorganisation untergebracht, größtenteils fertig verpackt in Transportkisten. "Wir müssen im Katastrophenfall innerhalb von 24 Stunden weg sein", erklärt Geiner, das schreibe die Weltgesundheitsorganisation vor. Im vorderen Bereich ist genügend Platz, um nach Einsätzen das gebrauchte Material wieder aufzubereiten. Dort lagern auch die Notstromaggregate - zwei große, sechs mittlere und mehrere kleine. Ein großes reiche für ein ganzes Feldlazarett, erklärt Geiner.

Katastrophenschutz: Die Halle in Zieglberg bietet Navis ideale Voraussetzungen.

Die Halle in Zieglberg bietet Navis ideale Voraussetzungen.

(Foto: Marco Einfeldt)
Katastrophenschutz: Im Untergeschoss ist Platz für die Kleiderkammer.

Im Untergeschoss ist Platz für die Kleiderkammer.

(Foto: Marco Einfeldt)
Katastrophenschutz: Wichtig für den Einsatz in Katastrophengebieten: Navis verfügt über mehrere Notstromaggregate.

Wichtig für den Einsatz in Katastrophengebieten: Navis verfügt über mehrere Notstromaggregate.

(Foto: Marco Einfeldt)

Im Keller befindet sich die Kleiderkammer mit Stiefeln, Helmen, Mützen, Jacken und Hosen. Im hinteren Bereich der Halle sind an der Wand Feldlazarette und Behandlungsgeräte wie EKG, Ultraschall und digitales Röntgengerät, sowie Verbandsmaterial aufgereiht. Alles ist flugfertig verpackt. "Bei jedem Einsatz lernen wir dazu, was gebraucht wird", sagt Geiner. Das Navis-Team könne Patientinnen und Patienten nicht nur behandeln, sondern zwei bis vier Tage stationär betreuen. "Wir kommen in der Phase, bis sich alles stabilisiert", erklärt Geiner. "Dann ziehen wir uns zurück."

In der Mitte der Halle befinden sich Gerüstzelte. In Metallkoffern lagern chirurgisches Besteck und OP-Kleidung, in Kartons Decken. Weiter vorn, ganz wichtig, fünf Ultrafiltrationsanlagen, die jeweils 5000 Liter Trinkwasser in der Stunde verarbeiten können, außerdem zwei kleinere Anlagen mit Umkehrosmose, mit denen sich laut Geiner selbst stark verschmutztes Wasser aufbereiten lässt. Neu vor dem Haus: Navis verfügt inzwischen über drei gebrauchte Kleintransporter mit Anhängern, um schnell ausrücken zu können.

Entstanden war Navis aus einer spontanen Initiative heraus nach dem verheerenden Tsunami Ende Dezember 2004. Innerhalb weniger Tage organisierten Mitglieder der Flughafenfeuerwehr und mehrerer Freiwilliger Feuerwehren im Landkreis Freising 100 Tonnen Hilfsgüter und brachten die Fracht mithilfe der Lufthansa nach Sri Lanka. "Wir wollten sie aber nicht nur abliefern", schildert Thomas Geiner, auch der Mediziner war damals bei der Feuerwehr aktiv. Das Team richtete ein Feldhospital im Süden Sri Lankas ein und pumpte Hunderte Brunnen frei. "Was aus dem Nichts heraus entstanden war, hat uns schon mit Stolz erfüllt", sagt er. Wenig später wurde Navis gegründet.

Besonders eindrücklich für das Team war der Einsatz 2010 nach dem Erdbeben in Haiti. Tage nach dem Unglück seien noch Menschen mit offenen, unversorgten Brüchen herumgelegen, erinnert sich der Moosburger Mediziner. Dort habe er zum ersten Mal Patienten mit Gasbrand gesehen, einer Infektion, die meist tödlich verläuft. Die ersten Tage hätten sie dort fast nur amputiert. Wie aber verarbeitet man solche Eindrücke als Helfer? Wichtig seien die Gespräche am Abend in der Gruppe, sagt Geiner, um auf andere Gedanken zu kommen und auch mal abzuschalten.

Katastrophenschutz: Nach der Flut im Ahrtal 2021 hat Navis die Menschen in fünf Gemeinden mit Trinkwasser versorgt.

Nach der Flut im Ahrtal 2021 hat Navis die Menschen in fünf Gemeinden mit Trinkwasser versorgt.

(Foto: Navis)
Katastrophenschutz: Ahrbrück bedankt sich bei den Helferinnen und Helfern aus dem Raum Freising: Die Tafel hängt in der neuen Unterkunft.

Ahrbrück bedankt sich bei den Helferinnen und Helfern aus dem Raum Freising: Die Tafel hängt in der neuen Unterkunft.

(Foto: Marco Einfeldt)
Katastrophenschutz: Nach einem heftigen Monsunregen half Navis im September 2010 auch in Pakistan.

Nach einem heftigen Monsunregen half Navis im September 2010 auch in Pakistan.

(Foto: Navis)

Der Einsatz nach der Flut im Ahrtal war der erste im Inland. Drei Monate lang versorgte Navis die Menschen in fünf Gemeinden mit Trinkwasser. Ungewöhnlich dabei: Das Wasser sei in ein noch funktionierendes Trinkwassersystem eingespeist worden, erzählt Geiner. Es sei in den Häusern also ganz normal aus den Hähnen geflossen, das sei ein Novum gewesen. Die Menschen hätten sie "die Wasserengel aus Bayern" getauft.

Auch das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sei damals auf Navis aufmerksam geworden. Wenn der Verein ganz offiziell in den Katastrophenschutz eingebunden wird, kann eines nicht mehr passieren: Die Menschen im Ahrtal waren für die Hilfe zwar sehr dankbar. Navis sei aber auf 160 000 Euro, etwa für Material und Fahrtkosten, sitzen geblieben, für die die Behörden, anders als zunächst zugesagt, nicht aufgekommen seien, sagt Geiner. Künftig sei die Kostenübernahme dann geregelt.

Auch mit der Stadt Moosburg ist Navis in Kontakt, um auf ein Blackout-Szenario vorbereitet zu sein. Die Mehrzweckhalle lässt sich im Notfall mit Unterstützung des Vereins mit Notstrom versorgen, dort könnte dann auch ein medizinisches Versorgungszentrum eingerichtet werden. "Wir können Krankenhäuser entlasten, das wird bei einer Katastrophe wichtig sein", erklärt Geiner.

Katastrophenschutz: Dem Einsatzteam stehen drei Kleintransporter zur Verfügung.

Dem Einsatzteam stehen drei Kleintransporter zur Verfügung.

(Foto: Marco Einfeldt)
Katastrophenschutz: In Zieglberg hat Navis nun eine eigene Einsatzzentrale.

In Zieglberg hat Navis nun eine eigene Einsatzzentrale.

(Foto: Marco Einfeldt)

Erleichtert hat das alles der Umzug in das Lager in Zieglberg, für den Verein ein echter Glücksfall. Die Unterkunft am Moosburger Bahnhof war zu klein geworden. "Wir haben gesucht und gesucht", sagt Geiner. Zunächst aber vergeblich. Dann kam auch noch die Kündigung für die Räume in Moosburg. Bei Navis überlegte man schon, das Lager nach Rosenheim zu verlegen. "Das hätte uns leidgetan", sagt Geiner, "weil wir unsere Wurzeln im Landkreis Freising haben." Ganz unerwartet ergab sich dann die Option in Zieglberg.

Der Umbau war aufwendig. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer erneuerten den Boden der alten Metallschleiferei, zogen Wände ein, richteten Schulungsraum, Küche und eine Einsatzzentrale ein. Viel Material bekamen sie gespendet oder erwarben es günstig gebraucht wie Büromöbel oder PCs. "Das ist alles kein Luxus", betont Geiner.

Mit dem Engagement im nationalen Katastrophenschutz hat sich für Navis einiges verändert. Früher habe man von Einsatz zu Einsatz gelebt und sei dann wieder in den "Dornröschenschlaf" gefallen, sagt der Mediziner. Künftig würden regelmäßig Schulungen angeboten, auch für Leute, die nicht aus dem Blaulicht-Bereich stammen, sich aber einbringen wollen. In diesem Jahr sollen die Kurse starten.

Finanziell aber "kommen wir jetzt an unsere Grenzen", sagt Geiner. Die Fixkosten lägen inzwischen bei etwa 60 000 Euro im Jahr für Miete, Wartung der Geräte und Fahrzeuge. Navis bekomme "keinen Cent aus öffentlicher Hand". Das alles aus Spenden zu finanzieren, sei jedoch schwierig. "Wir sind wirklich auf jeden Cent angewiesen, die Anschaffungen sind so teuer geworden."

"Das war schon eine große Entscheidung, den Mietvertrag zu unterschreiben," meint Geiner. "Aber es ging kein Weg daran vorbei." Der Verein zählt mittlerweile etwa 500 Mitglieder, nicht nur im Landkreis Freising, sondern auch in Rosenheim gibt es einen Kreisverband. Ein weiterer in Deggendorf ist gerade in Gründung. Über Teams verfügt die Organisation zudem in München und Landshut. Auch außerhalb von Bayern hat sie Unterstützer. Geiner: "Es ist brutal viel in Bewegung."

Weitere Informationen zu Navis und dem Spendenkonto finden Interessierte unter www.navisev.de.

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