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Mitten im Landkreis:Die Wiesnschaft und das Virus

Wenn der Biergermeister einer Millionenstadt sein Volksfest mit Millionenpublikum absagt, dann müssen das die Bierologen in den örtlichen Amtsstuben nicht genauso sehen.

Kolumne von Alexander Kappen

Nun kennt man das ja in diesen Pandemiezeiten schon hinlänglich: Nur weil eine Maßnahme im Großen als richtig angesehen und beschlossen wird, muss sie im Kleinen deshalb noch lange nicht umgesetzt werden. An einem Tag beschließen Kanzlerin und Länderchefs etwas für den Bund - am nächsten macht Bayern alles ganz anders. Weil Bayern halt Bayern ist. Und weil die Begebenheiten nicht überall dieselben sind.

So ist das auch bei den Volksfesten. Wenn das größte und internationalste unter ihnen, die Münchner Wiesn, abgesagt wird, heißt das für die nicht ganz so großen und internationalen bei uns im Landkreis: gar nichts. Bei allen Gemeinsamkeiten (Schunkeln, Schwips und Schädelweh), sind das Freisinger Volksfest und die Moosburger Herbstschau mit dem Oktoberfest jetzt nicht zwingend eins zu eins zu vergleichen. Schließlich gehen in der Wissenschaft wie in der Wiesnschaft die Lehrmeinungen zuweilen auseinander. Wenn der Biergermeister einer Millionenstadt sein Volksfest mit Millionenpublikum absagt, weil es im Zweifel ohne dieses Millionenpublikum nicht mehr das ist, was es sein soll, dann müssen das die Bierologen in den örtlichen Amtsstuben nicht genauso sehen. Ein kleines, lokales Volksfest, bei dem sich ohnehin nicht jährlich die Gäste aus Australien, Italien und den entlegensten Winkeln dieser Welt den Kübel in die Hand geben, kann auch in einer etwas abgespeckten Form funktionieren. Quasi Schunkeln mit Abstand. Was den praktischen Nebeneffekt hat, dass man nicht auf dem Brathendl am Nachbartisch landet, wenn es einem beim Singen und Tanzen von der Bierbank haut.

Aber natürlich ist längst noch nichts sicher. Wenn sich die Coronalage bis zum Herbst nicht entsprechend verbessert, kann es sein, dass auch im Landkreis heuer nicht gefeiert wird. Dann bleiben die Bierhähne zu und der Spucktest hinterm Zelt fällt ein weiteres Mal aus. Frei nach dem Motto: Die Quarantäne zieht weiter, der Sultan hät Doosch . . ."

© SZ vom 06.05.2021
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